Die versteckte Ökorendite

Das Label alleine genügt nicht: Richtig durchsetzen wird sich die Nachhaltigkeit nur, wenn Anleger ihren Nutzen begreifen. Genau darin liegt das Problem der Branche.


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Magere Geldzuflüsse, stagnierende Marktanteile, ein skeptisches Publikum: Ethische Anlagefonds kommen nicht vom Fleck. Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete heute Morgen über den besorgniserregenden Trend. Wo liegen die Gründe dafür? Liegt es am Image, an den Vertriebskanälen oder am unverbesserlichen Egoismus der Menschen? In Zeiten niedriger Renditen hätten Anleger anderes im Kopf als Nachhaltigkeit, berichten Finanzberater und Vermögensverwalter.

Doch das Bild ist vielschichtiger. Hinter der Minikrise nachhaltiger Anlagefonds verbirgt sich ein Wandel viel grösseren Ausmasses. Auf der Agenda der Nachhaltigkeitsindustrie steht nichts weniger als die Fusion der finanziellen mit der ethisch-normativen Welt – ein uralter Menschheitstraum verspricht Wirklichkeit zu werden. Wie sieht diese Entwicklung aus und wo führt sie hin?

Nachhaltigkeit wird normal

Die Statistik zeigt, wo die Branche heute steht. 739 Milliarden Franken werden von Schweizer Finanzdienstleistern aktuell «im weiteren Sinne» nachhaltig angelegt. Das heisst, dass die Vermögensverwalter grobe Filter anwenden und damit die Hersteller von Streumunition, Antipersonenminen und anderen geächteten Gütern aus ihrem Anlageuniversum ausschliessen. Ein bisschen ESG («environmental, social, governance») ist in der Anlagebranche also normal geworden. Viele Anbieter stehen heute auch zu den UN-Prinzipien für verantwortliches Investment (PRI), einem inhaltlich recht offenen Standard.

Striktere Ausschlusskriterien wie der Verzicht auf alkohol-, tabak-, atomkraft- oder gentechbezogene Investments werden auf 31 Milliarden Franken an Anlagegeldern angewandt – was rund zwei Drittel der gesamten, «im engeren Sinne» nachhaltig investierten Gelder entspricht. Oft wird ein solches Negativscreening mit dem sogenannten Best-in-Class-Ansatz kombiniert: einer Auslese der jeweils nachhaltigsten Firmen eines Wirtschaftssektors für ein Portfolio. «Dieses in den vergangenen Jahrzehnten populäre Modell wird voraussichtlich von neueren Ansätzen überholt», konstatiert Philippe Spicher, Geschäftsführer der Nachhaltigkeitsratingagentur Inrate.

Kampf der Philosophien

In der Finanzwelt hält sich eine gewisse Skepsis gegenüber dem Nachhaltigkeitsetikett. Zwar wurde der Nachweis längst erbracht, dass ethische Anlagevehikel übers Ganze gesehen ungefähr gleich gut abschneiden wie konventionell gemanagte Fonds. Doch mit Empfehlungen bleibt man vorsichtig. «Auch Manager nachhaltiger Anlagefonds lassen sich ihre Arbeit teuer bezahlen», sagt Stefan Heitmann, Geschäftsführer des unabhängigen Beratungsunternehmens Moneypark. Der eigentliche Kampf wird heute auf einem anderen Feld ausgetragen: Bei der Frage, ob sich aktives Fondsmanagement gegenüber passiven Strategien überhaupt noch lohnt.

In diesem Licht verschiebt sich das Problem der Nachhaltigkeitsfonds auf eine technischere Ebene: Es fehlen die allgemeinen Standards, die breit akzeptierten Indizes und die dazugehörigen ETF-Produkte. Zwar arbeitet man in Branchenforen wie dem Eurosif an diesen Themen, und in Projekten wie Rate the Raters wird versucht, eine einheitliche Linie ins breite Feld der Nachhaltigkeitsanalysten zu bringen. Ein baldiger Durchbruch zeichnet sich nicht ab – was mit ein Grund dafür sein dürfte, dass viele Fonds zwar Nachhaltigkeitsaspekte berücksichtigen, aber auf das dazugehörige Label verzichten.

Nachhaltige Anlagewelt 2.0

Laut Inrate-CEO Philippe Spicher würden vereinheitlichte Standards neue Dimensionen ins Reporting bringen: «Unterschiedliche Portfolios liessen sich dann auch auf der ESG-Ebene miteinander vergleichen», sagt er. Die Bedeutung solcher Kennzahlen zum Umwelt-, Sozial- und Führungsverhalten von Unternehmen ist nicht zu unterschätzen. Weist der monatliche Bankauszug neben Finanzkennzahlen auch ESG-Scores zu allen Aktien, Obligationen und Fondsanteilen aus, so entsteht für den Investor neben der Finanz- auch eine Nachhaltigkeitsrendite. Diese bislang verborgene Rendite sichtbar zu machen, heisst, sie begreifbar zu machen. Laut Philippe Spicher besteht bei Anlegern ein Bedürfnis dafür. «Pensionskassen fragen zunehmend nach, wie nachhaltig ihre Portfolios überhaupt sind», sagt er.

Parallel zu dieser Entwicklung fokussiert die Industrie derzeit auf eine weitere Strategie. Sie heisst «Integration» und verfolgt die Verschmelzung von Finanz und Ethik auf einer tieferen Modellebene. Integrative Ansätze verwenden ESG-Kennzahlen gezielt dazu, die monetären Erträge von Portfolios vorauszusagen – praktisch alle Schweizer Anbieter greifen inzwischen in der einen oder anderen Form auf die Methode zurück. Das schlägt sich auch in der Statistik nieder: So nahm die Menge der integrativ verwalteten Gelder in der Schweiz letztes Jahr von 9 auf 20 Milliarden Franken zu, während der traditionellere Best-in-Class-Ansatz statt auf 28 nur noch auf 25 Milliarden angewandt wurde. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.07.2013, 14:40 Uhr

(Bild: Reuters )

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Nachhaltige Anlagestrategien

Nachhaltige Investments im engeren Sinn können über Reihe von Methoden erfolgen.

Ausschlusskriterien: Bestimmte Unternehmen, Branchen oder Länder werden vom Universum ausgeschlossen, wenn sie gegen bestimmte ESG-Kriterien (Alkohol, Tabak, Gentech etc.) verstossen.

Best-in-Class: Basierend auf ESG-Kriterien werden die besten Unternehmen innerhalb einer Branche oder Klasse ausgewählt.

Engagement: Langfristig angelegter Dialog von Investoren mit Unternehmen, um deren Verhalten zu verbessern.

Integration: Expliziter Einbezug von ESG-Kriterien bzw. Risiken in die traditionelle Finanzanalyse.

Themenfonds: Investitionen in Themen, die mit der Förderung von Nachhaltigkeit zusammenhängen (z. B. Cleantech).

Normbasiertes Screening: Ausschluss von Unternehmen aus dem Universum, falls sie bestimmte Normen (OECD, ILO, Global Compact etc.) nicht erfüllen.

Stimmrechtsausübung: An Generalversammlungen werden Aktionärsrechte entsprechend von nachhaltigen Gesichtspunkten wahrgenommen.

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