Drei Russen hoben unbehelligt 600 Kilogramm Bargeld ab

Die Genfer Bank Bordier bot drei russischen Kunden Hand für eine ungewöhnliche Bargeldtransaktion. Gegen die Russen wird wegen Verdachts auf Betrug und Geldwäscherei in Genf und London ermittelt.

Hat den Russen die Transaktion ermöglicht: Die Privatpank Bordier & Cie. an ihrem Hauptsitz in Genf.

Hat den Russen die Transaktion ermöglicht: Die Privatpank Bordier & Cie. an ihrem Hauptsitz in Genf.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Seit 1844 bietet die Genfer Privatbank Bordier & Cie ihre Dienste an. Eine lange Zeit, um den richtigen Riecher für zweifelhafte Geschäfte zu entwickeln, möchte man meinen. Und genau dieser Riecher ging ihr im März 2011 ab. Die nun folgenden Details stammen aus Gerichtsakten aus den USA und Grossbritannien.

Am 16. und 18. März überweist ein Gemini Investments Fund auf den Bahamas zwei Zahlungen von je 60 Millionen Dollar über die Latvijas Krajbanka in Lettland auf das Konto einer Arcutes Holding in Panama. Dieses Konto befindet sich bei der Bank Bordier. Wirtschaftlich Berechtigte von Arcutes sind drei Russen: Georgi Urumow, Ruslan Pinaew und Sergei Kondratyuk. Die drei Herren haben ihr Domizil laut Bankunterlagen in Russland, arbeiten aber als Wertschriftenhändler in London bei Otkritie Securities, einer Tochter der zweitgrössten russischen Bank VTB.

60 Millionen Dollar in bar

Die Herkunft der 120 Millionen Dollar begründen Urumow und seine Kollegen gegenüber der Bank Bordier so: Arcutes halte 25 Prozent an der russischen Firma Ural Pharma und beabsichtige, 20 Prozent an die Gemini Investment zu verkaufen zugunsten einer russischen Firma namens 36,6 Co. Auf Wunsch der Bank faxen sie eine Kopie eines Verkaufsvertrags vom 15. März über einen Anteil von 18 Prozent. Abgeschickt wird der Fax von einer Londoner Nummer.

Scheint die Abwicklung schon reichlich kompliziert zu sein, wird die ganze Sache nun noch merkwürdiger: Die Russen wünschen, dass die Summe in drei Teile von je 36,6 Millionen Dollar aufgeteilt wird und dass das Geld bar ausbezahlt wird. Weil die kleine Bank Bordier nicht so viele Devisen vorrätig hat, holt sie Hilfe bei der grossen UBS. Doch selbst diese kann die gewünschte Summe nicht in einer Lieferung bereitstellen: Am 21. März fährt der gepanzerte Geldtransporter 60 Millionen Dollar an die Rue de Hollande zum Sitz von Bordier. Die gebündelten Noten auf der Holzpalette wiegen 600 Kilo.

Alarmglocken blieben stumm

Für die Bank ist das ein sogenanntes Kassengeschäft: Sie verbucht die 60 Millionen als Barabhebung vom gemeinsamen Konto der Russen. Die drei anwesenden Männer unterschreiben einen entsprechenden Auszahlungsbeleg. Anschliessend werden die 60 Millionen, aufgeteilt in drei Beträge von 20 Millionen Dollar, in drei neu eröffnete Konten einbezahlt. Wiederum unterschreiben die Russen einen Beleg. Offiziell lauten die Konten auf drei Firmen mit Sitz in Panama (siehe Grafik). Das Ganze wiederholt sich nach zwei Tagen mit der zweiten Ladung Dollarnoten.

Die Westschweizer Sonntagszeitung «Le Matin Dimanche», die den Bargelddeal in ihrer letzten Ausgabe aufzeigte, schrieb, dass die Paletten mit den Dollarnoten anschliessend wieder in die UBS zurückgekarrt worden sind.

Bargeldtransaktionen, ein dichtes Geflecht von Briefkastenfirmen in einschlägigen Steueroasen, eine Pharmafirma, von der es in den öffentlich zugänglichen Auskunftsdiensten sowie bei der russischen Börse keine Spur gibt: Weshalb schrillten bei Bordier nicht sämtliche Alarmglocken?

«Nachvollziehbar und vertretbar»

Auf diese und viele andere Fragen will die Bank heute keine Antwort geben. Nicolas Terrier, Chef der Rechtsabteilung von Bordier sagt dem «Bund» nur, man habe die «rechtlichen und reglementarischen Verpflichtungen vollumfänglich respektiert». Und die Bargeldoperation? «Dieser Vorgang war nachvollziehbar und vertretbar.»

Um diese Aussage richtig zu würdigen, müssen wir den Dingen jetzt etwas vorgreifen: Hauptsächlicher Zweck von Bargeldtransaktionen sei es, die Identifikation der Herkunft oder des Verwendungszwecks von Geldern zu verhindern, also Spuren zu verwischen. Dies sagt nicht ein Geldwäschereiexperte. Dies wird Bordier Monate später den Genfer Untersuchungsbehörden erklären. Die UBS, die mit dem Bargeld aushalf, erklärt, sie betreibe «Notenhandel als Teil des Bank-for-Bank-Geschäfts in der Schweiz und in Liechtenstein mit regulierten Banken.» Und: «UBS hat in diesem Zusammenhang alle Sorgfaltspflichten erfüllt.» Laut Bankfachleuten klärt die Noten gebende Bank nur ab, ob die Noten nehmende Bank die regulatorischen Erfordernisse erfüllt.

Während in Genf kein Geldwäschereiverdacht das Denken der Banker trübt, versickert das Geld in einem dichten Geflecht von Briefkastenfirmen. Derart gesäubert taucht es beispielsweise auf einem Konto der Credit-Suisse-Tochter Clariden Leu wieder auf.

160 Millionen Dollar fehlen

Es wird auch investiert: Yulia Balk, die Gattin von Georgi Urumow kauft im April über eine panamaische Firma für 19 Millionen Pfund ein Haus in London. Diese Firma mit Namen Dunant International hat ebenfalls ein Konto bei Bordier. Ruslan Pinaew hingegen zieht die Schweiz vor und kauft in Genf für 15 Millionen Dollar ein Haus auf den Namen seiner Frau.

Im August 2011 wird die Sache für die Russen brenzlig. Bei Otkritie in London stösst man auf Ungereimtheiten rund um einen Kauf von argentinischen Optionen im Umfang von 213 Millionen Dollar. Die Papiere sind aber nur rund 53 Millionen Dollar wert. Es fehlen 160 Millionen in den Büchern. Der für das Geschäft zuständige Georgi Urumow hatte seinen Vorgesetzten zuvor erklärt, dass die Optionen mit Gewinn an den britischen Vermögensverwalter Threadneedle Asset Management weiterverkauft würden. Für Otkritie wird bald klar, dass sie wohl Opfer eines Betrugs geworden ist. Urumow wird Anfang September suspendiert.

Bei Threadneedle muss Vladimir Gersamia, Spezialist für die Bondmärkte in Osteuropa und Schwellenländern seinen Stuhl räumen, weil er offensichtlich mit den Otkritie-Händlern zusammengespannt hat. Threadneedle meldet den Vorfall der Londoner Polizei und der Finanzaufsichtsbehörde FSA, die beide eine Untersuchung eröffnen.

Bei Otkritie ist das Ende der Fahnenstange aber noch nicht erreicht: Bei den internen Untersuchungen stossen sie auf einen weiteren mutmasslichen Betrugsfall: Von 25 Millionen Dollar Bonusgeldern, die man Urumow 2010 für die Anwerbung von fünf Händlern bereitgestellte hatte, sind 23 Millionen Dollar verschwunden. Das Geld, so zeigen die Ermittlungsunterlagen, ist über Firmen auf den britischen Jungferninseln und Panama an Urumow, Kondratyuk und Pinaew geflossen.

Im Oktober wird Georgi Urumow in London verhaftet.

100 Millionen in aller Welt verteilt

Bei der Bank Bordier melden sich Urumows Mitspieler Pinaew und Kondratyuk und wollen ihre Konten schliessen. Erst jetzt schöpft man an der Rue de Hollande Verdacht und kontaktiert am 7. November die Meldestelle für Geldwäscherei. Am 18. November reicht Otkritje bei den Schweizer Behörden eine Strafanzeige ein. Da hat die Staatsanwaltschaft Genf bereits Ermittlungen gegen die Russen aufgenommen. Am 21. November wird Sergei Kondratyuk bei seiner Einreise in die Schweiz festgenommen und in Untersuchungshaft gesteckt. Der ebenfalls zur Verhaftung ausgeschriebene Ruslan Pinaew ist flüchtig.

Von den 120 Millionen Dollar, die neun Monate zuvor auf das Bordier-Konto der Firma Arcutes eingezahlt worden waren, sind im November noch 12 Millionen Dollar da, die eingefroren werden. Otkritie gelingt es in den folgenden Monaten, rund 100 Millionen Dollar rund um den Globus aufzuspüren und beschlagnahmen zu lassen. Darunter fallen auch die Liegenschaften in Genf und London.

Die Staatsanwaltschaften in Genf und London ermitteln wegen Betrugs und Geldwäscherei. Im März ordnete ein britischer Richter an, dass im Betrugsfall nicht nur gegen die drei Russen, sondern gegen weitere sieben Personen ermittelt wird, darunter Urumows Ehefrau. Urumow selber weist sämtliche Vorwürfe von sich.

«Suspekt» und «ungewöhnlich»

Die Genfer Staatsanwaltschaft äussert sich nicht zum Stand der Untersuchungen, zum Täterkreis und zu möglichen Anklagen.

Hat die Bank Bordier gegen das Geldwäschereigesetz verstossen? Und wie steht es um die Gewähr zur einwandfreien Geschäftsführung? Auch die Finanzmarktaufsicht (Finma) will keine Fragen beantworten. Die Bank selber betont: «Wir sind Zeuge in einem Verfahren, in dem einer unserer Kunden wegen Straftaten angeklagt ist», schreibt Bordier-Chefjurist Nicolas Terrier dem «Bund». Man habe sich in diesem Zusammenhang von keinem Mitarbeiter getrennt.

Der Genfer Anwalt und FDP-Nationalrat Christian Lüscher attestiert der Bank, eine «exzellente Reputation». Dieser Ansicht ist auch Wirtschaftsanwalt Douglas Hornung. Aber die Finanztransaktion erscheint ihm «sehr suspekt», als «vollkommen ungewöhnlich und ohne wirtschaftliche Rechtfertigung». Die Untersuchung werde zeigen, ob aus Zeugen plötzlich Verdächtige oder Beschuldigte würden, so Hornung. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.09.2012, 08:51 Uhr

Anklicken für vergrösserte Ansicht

Von Briefkastenfirma zu Briefkastenfirma: Die mutmasslichen Geldflüsse, in Mio. Dollar.

Artikel zum Thema

Bordier & Cie erhält Grosskunden-Banklizenz für Singapur

Banken Die Genfer Privatbank Bordier & Cie hat eine Banklizenz für das Grosskundengeschäft in Singapur erhalten. Mehr...

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...