Ein Anlageberater als Seelsorger

Uwe Lang ist Börsenexperte – und evangelischer Pfarrer. Im Interview erklärt er, wie diese beiden Dinge zusammengehen. Und wie man auch in der Krise Geld verdienen kann.

«Legen Sie das Geld an, und lassen Sie es mindestens für ein halbes Jahr liegen»: Uwe Lang, Pfarrer und Anlageberater.

«Legen Sie das Geld an, und lassen Sie es mindestens für ein halbes Jahr liegen»: Uwe Lang, Pfarrer und Anlageberater. Bild: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Lang, sind Sie mehr Pfarrer oder mehr Investor?
Ich bin Anlageberater – aber muss dabei oft auch seelsorgerische Tätigkeiten übernehmen. Gerade wenn verzweifelte Leute anrufen, die viel Geld verloren haben. Schnelle Ratschläge sind da oft nicht das Beste. Manche Anleger wollen einfach ihr Herz ausschütten.

Nach den Finanzcrashs der letzten Jahre muss es viele von ihnen geben.
Das Misstrauen gegenüber allen riskanten Anlageformen ist sicher gewachsen. Doch die Leute müssen auch lernen, dass es die risikolose Form der Anlage einfach nicht gibt. Zumal sich etwa mit Bundesanleihen – der klassischen Form der risikolosen Anlage – heute kaum mehr Geld verdienen lässt. Aktien sind dagegen fast konkurrenzlos.

Aber ihr Wert schwankt sehr stark.
Es gibt schon Methoden, um den Optimismus oder Pessimismus im Markt zu messen. Aktuell herrscht wenig Zuversicht. Wir merken das übrigens auch selbst. Börsenbücher werden kaum noch gekauft, Börsenbriefe haben eine rückläufige Auflage. Unsere Seminare waren früher mit bis zu hundert Teilnehmern gefüllt. Heute kommen noch knapp dreissig Leute zusammen. Und das in einer Zeit, in welcher der Aktienmarkt eigentlich Unterstützung nötig hätte.

Wie begannen Sie denn, sich fürs Geldanlegen zu interessieren?
Ich machte Anfang der 1970er-Jahre eine Erbschaft. Als ich mich ins Thema Geldanlage einlesen wollte, merkte ich, dass es kaum Literatur gab. So schrieb ich selbst ein Buch: «Der Aktienberater». Es wurde ein Erfolg.

Und dann merkten Sie, dass die Anlageberatung ein besseres Businessmodell ist als die Seelsorge.
Ich arbeite ja immer noch ehrenamtlich als Pfarrer. Nächsten Sonntag halte ich zum Beispiel einen Gottesdienst. Die Seelsorge ist neben der Anlageberatung einfach ein zweiter Beruf für mich.

Wie wichtig ist Geld für das Seelenheil?
Geld kann beruhigend sein, ist aber nicht ausschlaggebend für das Glück der Menschen. Diejenigen, die es haben, sind oft nicht glücklicher als die anderen. Schmerzhaft sind vor allem Verluste. Wobei es wichtig ist, nicht den Kopf in den Sand zu stecken. Nach Verlusten kommen meist wieder Gewinne.

Denken die Leute zu kurzfristig?
Ja. Sie lassen sich zu sehr von Stimmungen beeinflussen. Als Anleger muss man diesen Stimmungen entgegentreten.

Sind Sie als Pfarrer besonders gut gegen Stimmungsschwankungen gewappnet?
Gelassenheit ist schon Übungssache. Aber man darf auch einfach nicht zu viel riskieren. Wer nach dem Aufstehen sofort auf die asiatischen Indizes schauen muss, der hat eindeutig zu viele Aktien im Portfolio.

Mein Geld lagert auf dem Bankdepot. Soll ich es jetzt an der Börse anlegen?
Im Moment gibt es nur eins: am Aktienmarkt in solide Standardwerte investieren. Legen Sie das Geld an, und lassen Sie es mindestens für ein halbes Jahr liegen. Und wenn die Kurse überhöht sind, dann steigen Sie aus.

Wie soll ich denn das beurteilen? Ich würde mir niemals zutrauen, schlauer als die professionellen Händler mit ihren Hochleistungsrechnern zu sein.
Die Börse hat nicht immer recht. Computer kennen zwar keine Emotionen, doch letztendlich können sie auch nur das, was Menschen ihnen einprogrammiert haben. Die Börse ist zumindest aus kurzer Sicht sehr irrational. Sie irrt sich ständig. Vor allem aus politischen Gründen schlägt die Stimmung – und damit auch die Kurse – sehr stark aus.

Der Swatch-Chef Nick Hayek sagt, Aktienkurse seien von A bis Z manipuliert.
Das ist übertrieben. Wenn jemand den Kurs manipuliert, dann kommt das früher oder später heraus. Und derjenige, der die Kurse manipuliert hat, fällt auf die Nase.

Wie vernünftig sind die Anleger gegenwärtig in Bezug auf Europa?
Etwas mehr Gelassenheit wäre angebracht. Man sollte nicht ständig darüber spekulieren, welches Land wohl als Nächstes aus der Währungsunion ausscheidet. Solche Fragen sind sinnlos. Europa muss sehen, dass es zusammenwächst. Der Kurs der Regierungen und der Zentralbank ist richtig. Man muss wieder mehr Sicherheit schaffen.

Haben die Finanzmärkte eine schädliche Rolle in der Krise gespielt?
Ein grosses Problem war die Finanzkrise des Jahres 2008. Ohne sie wäre es nicht so tragisch gewesen, wenn ein Land wie Griechenland seine Anleihen nicht mehr bedient. Dann wäre das Land eben in Konkurs gegangen, wie das einem Unternehmen auch passieren kann. Dass man sofort danach geschrien hat, diese Länder aus der Währungszone zu werfen, hat mich persönlich schon genervt.

Wie sieht denn Ihre Fundamentalanalyse von Europa aus?
Die meisten Aktienindizes in Europa sind weit unterbewertet. Wobei ich hauptsächlich von den Kurs-Umsatz-Verhältnissen ausgehe und diese mit historischen Daten vergleiche. Ein fairer SMI wäre im Moment etwa bei 9000 Punkten anzusetzen (aktuell: 6630 Punkte, Anm. d. Red.). Beim DAX sind wir etwas näher dran, seinen fairen Wert sehe ich bei 7600 Punkten (aktuell: 7300 Punkte).

Ist Europa auf dem richtigen Weg?
Ich denke, dass Europa gestärkt aus der Krise herauskommt. Und ich finde, die Medien müssten das auch wieder stärker betonen. Gerade in Deutschland hat die Boulevardpresse in den letzten zwei Jahren viel kaputt gemacht. Viele Deutsche bilden sich ernsthaft ein, sie würden von den südlichen Ländern übervorteilt und diese lebten in Saus und Braus. Dabei hat Deutschland am meisten vom Euro profitiert.

Ein Vorwurf an Regierungen und Zentralbanken lautet, dass sie alles für die Finanzmärkte und nichts für das Volk tun. Herrscht in Europa nicht ein Demokratiedefizit?
Vielleicht schon, aber vielen Leuten fehlt auch der Sachverstand. Würde man heute eine Abstimmung machen, so würde die Mehrheit der Deutschen wohl für die Wiedereinführung der D-Mark stimmen. Doch das wäre eine Katastrophe. Zentralbanken sind heute eher ein Hort der Vernunft.

Gilt das auch für die Schweiz?
Die Schweizerische Nationalbank hat mit der Einführung des Mindestkurses alles richtig gemacht. Bei einem Kurs von einem Franken pro Euro wären auch solide Unternehmen kaputtgegangen. Da muss eine Notenbank auch mal sagen, dass man sich das nicht bieten lässt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.10.2012, 12:33 Uhr

Zur Person

Börsenexperte Uwe Lang, geboren 1943 in Augsburg, studierte Theologie und Pädagogik und war bis 1992 hauptberuflich evangelischer Pfarrer. Seit 1970 befasst er sich intensiv mit dem Börsengeschehen. Er ist Autor von zehn Büchern über die Börse, wovon einige Bestseller geworden sind. Seit 1987 ist er Herausgeber der «Börsensignale», eines Börsenbriefs für Anleger.

Artikel zum Thema

Das grosse Aktienparadox

Hintergrund Um satte 500 Punkte haben Schweizer Aktien in den letzten zwei Monaten zugelegt. Muss man jetzt in den Handel einsteigen? Experten sagen, was hinter dem Rally steckt und wie es am Markt weitergeht. Mehr...

Wo steht die Börse Ende 2012?

Hintergrund Seit Anfang Juni haben die Aktienmärkte rund 15 Prozent zugelegt. Auch die Bilanz 2012 fällt nach drei Quartalen positiv aus. Kommt es gar noch zu einem Jahresendrally? Die Prognosen von drei Analysten. Mehr...

Monti und Samaras betonen Integrität der Eurozone

Schuldenkrise Rom/Frankfurt Der italienische Ministerpräsident Mario Monti und der griechische Regierungschef Antonis Samaras haben gemeinsam zur Sicherung der Eurozone und der Stabilisierung der Märkte aufgerufen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Land ahoi! Die Superjacht «Sunseeker 74 P» wird auf einem Tieflader über eine Strasse transportiert. Ziel ist eine Wassersportmesse in Düsseldorf, Deutschland. (18. Dezember 2018)
(Bild: Sascha Steinbach) Mehr...