«Ein achtjähriges Kind beim Onlineshopping?»

Ein neues britisches Portal will Kindern ab acht Jahren den Umgang mit der Bankkarte lehren. Budgetberater und Finanzexperte Daniel Wehrli sagt im Interview, was er davon hält.

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Herr Wehrli, wie greifbar muss Geld aus pädagogischer Sicht sein?
Kinder und Jugendliche müssen erkennen können, dass Geld wachsen kann – oder dass es verschwindet, wenn man es ausgibt. So gesehen ist Bargeld extrem nützlich. Man kommt mit allen Sinnen damit in Berührung.

Sie selbst sind ein Fan des klassischen Sparschweins …
… wobei das Modell, das ich in Zusammenarbeit mit Pro Juventute unter die Leute bringe, vier Fächer hat (siehe links): Eines für kurzfristige Ausgaben wie zum Beispiel ein Kioskheftli, eines für mittelfristiges Sparen, eines für grössere Investitionen wie etwa ein Fahrrad und schliesslich eines, das mit «gute Tat» beschriftet ist.

Werden Jugendliche zu Mehrausgaben verführt, wenn sie mit Geld in elektronischer Form hantieren?
Ja, logisch. Das ist ein weltweit bekanntes Problem. Geld ist heute viel weniger sichtbar als früher – es wird weniger thematisiert. Bei Kindern kommt hinzu, dass sie oft nicht wissen, woher das Geld eigentlich kommt. In einer Klasse von 10-jährigen Schülern werden viele mit den Schultern zucken, wenn Sie diese Frage stellen.

Taugen Plastikgeld-Angebote wie «Pktmny» zur finanziellen Grunderziehung?
An sich ist dieses Angebot eine gute Sache. Die Webseite sieht schön aus und ist professionell gemacht. Spätestens als Teenager wird es auch Zeit, den Umgang mit virtuellem Geld zu lernen. Wichtig ist aber die Begleitung durch die Eltern. Schon vor dem Teenageralter muss man beginnen, über den Geldbedarf der Familie und der Kinder zu diskutieren.

Muss man Kindern die Bankkarte in die Wiege legen?
In der Schweiz dürfen Kinder ab zwölf Jahren eine Bankkarte benutzen – das scheint mir ein sinnvolles Alter. Aber ein achtjähriges Kind beim Onlineshopping? Das Alter, ab dem Pktmny seine Bankkarte anbietet, ist definitiv zu niedrig angesetzt.

Eine Leserin schrieb: «Ich habe den Umgang mit Plastikgeld zu spät im Leben gelernt.» Wie gut können Eltern eigentlich selbst mit virtuellem Geld umgehen?
Höchst unterschiedlich. Eine Studie ergab 2007, dass 40 Prozent der jungen Erwachsenen mehr Geld ausgeben, als sie verdienen. Einige finden später den Rank, andere nicht. Studien aus Ländern wie Deutschland, Frankreich oder England zeigen ein ähnliches Bild. Russland stellt 110 Millionen Dollar bereit, um das allgemeine Finanzwissen im Land zu erhöhen. Die Türkei hat sogar einen nationalen Sparrat ins Leben gerufen, um dem Problem beizukommen.

Woran liegt das?
Die Gesellschaft wurde in den letzten Jahrzehnten völlig durchkommerzialisiert. Die heutige Werbung ist hochprofessionell und prägt Kinder von klein auf. Bis zum vierzehnten Altersjahr ist dann gegen achtzig Prozent der Persönlichkeit ausgebildet. Deshalb ist es wichtig, dass Menschen schon als Kinder den Umgang mit Geld lernen. Sie müssen lernen, eigene Wünsche von fremden Einflüssen zu trennen.

Es gibt Jugendliche, die chronisch zu viel Geld ausgeben. Was sind die wichtigsten Tipps?
Wenn Eltern wissen wollen, wie und wofür ihre Kinder das Geld ausgeben, müssen sie zuerst einmal in den Spiegel schauen. Ihr Verhalten beeinflusst die Kinder: Wenn sie selbst einfach so aus dem Blauen heraus ein neues Sofa kaufen, werden es die Kinder nicht anders tun. Wenn man solche Ausgaben und den dafür nötigen Sparprozess hingegen am Familientisch bespricht, steigen die Chancen, dass auch das Kind sein Geld weniger schnell ausgibt. Man kann zum Beispiel auch die Familienferien unter dem Kostenaspekt besprechen.

Und wenn das nichts nützt?
Ein wichtiger Grundsatz ist: nicht nachschiessen. Wenn das Sackgeld weg ist, dann ist es weg. Als Lösung können Eltern dem Kind eventuell einen Job anbieten, damit das Kind etwas dazuverdienen kann. Das darf aber nicht eine Arbeit sein, die das Kind ohnehin erledigen müsste. Kinder müssen merken, dass Geld Mühe kostet.

Ab welchem Alter soll das Kind Taschengeld erhalten?
Ich finde es gut, wenn die Kinder früh Taschengeld erhalten. Spätestens in der Primarschule kommen sie ohnehin damit in Berührung. Wichtig ist zum Beispiel auch, das Taschengeld in verschiedener Stückelung zu geben. Bestrafungen via Taschengeld sind dagegen nicht sinnvoll. Geld ist keine Erziehungshilfe: Man gibt es den Kindern, damit sie lernen, mit ihm umzugehen – in der Primarschule einmal pro Woche, später einmal pro Monat.

Wie viel Diskussion und Überwachung ist dabei notwendig?
Je nach Familienethik darf es schon Vorschriften geben – zum Beispiel, dass das Kind gewisse Dinge nicht kaufen darf. Aber sonst gehört das Geld dem Kind. Es selbst muss entscheiden, welches Computerspiel oder welches Kleidungsstück es sich kauft. Taschengeld ist zum Üben da – und Fehler sind erlaubt. Beim Onlineshopping sollten Eltern allerdings schon ein Auge darauf werfen, dass nichts Falsches passiert.

Werden Dinge wie Geld, Kredit oder Schulden in unseren Schulen ausreichend behandelt?
Sagen wir es so: Die Hemmschwelle, Schulden zu machen, ist stark gesunken. Wenn wir nichts tun, wird das Problem nicht kleiner. Wichtig ist, dass die Schule nicht einfach nur «Theorie» vermittelt. Beim Programm «Kinder-Cash» erhalten die Kinder in der Schule deshalb ein Sparschwein, das sie dann mit nach Hause nehmen. Dieser Gegenstand steht dann physisch im Kinderzimmer und ist nicht nur virtuell auf dem PC vorhanden. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass das Thema Sparen und Geldausgeben zu Hause angesprochen wird. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.11.2012, 21:05 Uhr

Bankkarte für Achtjährige

Mit einer neuartigen Visa-Debitkarte können Kinder in England bereits ab acht Jahren im Internet shoppen. Das System heisst «Pktmny» und soll Eltern helfen, ihrem Nachwuchs den Umgang mit Geld beizubringen.

Pktmny

Daniel Wehrli

Daniel Wehrli beschäftigt sich seit rund zehn Jahren mit Bildungsfragen im Budget- und Finanzbereich. Er ist Mitbegründer von «Kinder-Cash», einem Schulmaterialset, das auf sechs Kontinenten in über einer Million Haushalten und in vielen Schulen eingesetzt wird.

Teil des Sparsystems: Säuli von Kinder-Cash.

Zu «Pktmny» sagt Wehrli: «Das Angebot spricht einen wichtigen Punkt an und macht prinzipiell Sinn – allerdings erst für Teenager und nicht schon ab acht Jahren. Zudem ist die Seite sehr kommerziell aufgezogen – und deshalb streitbar.»

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