Endlich wieder Panik

Die Kurse purzeln, der Jahresgewinn an der Börse ist dahin. Anleger sind in Katerstimmung – doch der Kurssturz hat auch seine guten Seiten.

Machtlos gegen den Ausverkauf: Händler an der New Yorker Börse.

Machtlos gegen den Ausverkauf: Händler an der New Yorker Börse. Bild: Reuters

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Jetzt sieht man sie wieder, die bangen Blicke der New Yorker Börsenhändler. Die letzten Tage haben ihnen massive Kurseinbrüche beschert. Fast 1000 Punkte hat der Dow Jones in den letzten Wochen verloren. Auch in Europa und in der Schweiz kracht es derzeit. Minus 1,0 Prozent, minus 3,6 Prozent und vorläufig minus 3,8 Prozent (Stand am Donnerstagabend) hat die hiesige Börse in den letzten drei Wochen verloren. Ausradiert sind die Gewinne, die Anleger in den ersten drei Quartalen des Jahres erzielt hatten.

Die Entwicklung schürt Angst. Fallen die Kurse weiter? Oder lohnen sich Zukäufe jetzt erst recht? Bersorgte Anleger suchen in diesen Zeiten nach Halt. Gebannt schauen sie auf Notenbanken wie die Federal Reserve, die in den letzten Jahren den Markt mit billigem Geld geflutet hat. Wird das Fed seinen Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik erneut verschieben? Wird dessen Chefin Janet Yellen den Finanzmärkten beruhigende Worte zusprechen, damit der Börsenboom noch eine Weile weitergehen kann?

Die Antwort ist unklar, was angesichts der jüngsten Übertreibungen aber gar nicht so schlecht ist. Je volatiler die Märkte, desto grösser die Vorsicht. So zeugt der jetzige Ausverkauf auch von Ehrlichkeit. Er widerspiegelt die Einsicht, dass die Weltwirtschaft auch sechs Jahre nach der Finanzkrise längst nicht gesundet ist. Gerade aus europäischer Sicht muss der Kurssturz ein Weckruf sein. Entgegen allen Beteuerungen ist die Krise hier längst nicht ausgestanden. Der Zusammenhalt der Währungsunion ist fragiler, als es die Regierungen von Berlin bis Paris zugeben wollen.

Am schlimmsten ist die Uneinigkeit, die auf dem Kontinent herrscht. Die Finanzminister verstricken sich in Streitereien über Zehntelprozentpunkte beim Staatsdefizit. Das Geschacher um Kommissionsposten dominiert die Schlagzeilen. Derweil herrscht in Euroland Massenarbeitslosigkeit, und keiner weiss, wo Impulse für die Konjunktur herkommen könnten. «Den Wirtschaftssubjekten fehlt einfach die Perspektive», sagte kürzlich ein Ökonom. Der Satz bringt ziemlich gut auf den Punkt, warum die europäischen Wirtschaftsdaten immer wieder enttäuschen.

Schon über zwei Jahre sind seit dem Höhepunkt der Eurokrise vergangen. Damals wurden die grossen Würfe diskutiert. Einen Wachstumspakt brauche Europa, sagten Politiker in jener Zeit. Ökonomen forderten ihrerseits Dinge wie die Restrukturierung von Staatsschulden, die Schaffung gemeinsamer Finanzpapiere in Form von Eurobonds sowie eine Bankenunion. Umgesetzt wurde nur ein Bruchteil der Vorschläge. Deutschland blockiert jede weitere Vergemeinschaftung, während Frankreich und Italien bei ihren eigenen Reformen auf der Stelle treten.

Mit dem Versprechen, die Eurozone nicht untergehen zu lassen, hat die EZB ihrerseits schon das meiste gemacht, was realistischerweise möglich ist. Ihr beherztes Einschreiten hatte Anleger bewogen, auch Ländern wie Spanien und Portugal wieder Geld anzuvertrauen. Jetzt dominiert erneut das alte Muster. Alle Mittel fliessen nach Deutschland, derweil steigen die Zinsen in Italien und Griechenland. Man muss deshalb kein gelangweilter Journalist – und auch kein gewiefter Investmentbanker – sein, um festzustellen: Endlich herrscht wieder Panik. Vielleicht bewirkt sie ja etwas.

Erstellt: 16.10.2014, 16:23 Uhr

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