«Es gibt einen Verlust an Sozialkontakten»

Randgruppen leiden unter dem Abbau an Dienstleistung, sagt der Soziologe Franz Schultheis.

Bald keine Wahlmöglichkeit mehr? Self-Scanning-Kasse in einer Migros-Filiale. Foto: Sabine Rock

Bald keine Wahlmöglichkeit mehr? Self-Scanning-Kasse in einer Migros-Filiale. Foto: Sabine Rock

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Selfscanning ist beliebt, zeigt eine neue Studie. Warum übernehmen wir freiwillig die Arbeit anderer?
Wir tun das meist nicht freiwillig. Wo einmal umgestellt wurde, hat man nicht mehr die Möglichkeit, bedient zu werden. Bei den SBB, an Tankstellen, in der Bank: Vielerorts, wo man früher bedient wurde, muss man heute dafür bezahlen. Es ist klar, dass damit Arbeitsplätze wegrationalisiert und Lohnkosten gespart werden. Doch der Abbau von Dienstleistungen wird als eine Steigerung von Dienstleistung verkauft: Die Kunden seien schneller und flexibler, wenn sie alles selber machen.

Das stimmt ja meistens auch.
Ja. Bei Do-it-yourself-Kassen bin ich wohl tatsächlich schneller, weil die Schlange dort kürzer ist. Aber will ich überhaupt, dass alles immer schneller geht? Ich gewinne zwei Minuten, aber ich kann nicht mehr in aller Ruhe andere Leute beobachten oder mit dem Personal an der Kasse plaudern. Das ­alles wäre kein Problem, wenn Kunden langfristig die Wahl hätten zwischen Selbstbedienung und Bedienung. Aber wenn ich sehe, welchen Aufwand die Detailhändler betreiben, um den Kunden das Scannen beizubringen, habe ich das Gefühl, dass es auch dort bald keine Wahlmöglichkeit mehr geben wird.

Was wäre daran schlimm?
Studien über Telebanking zeigten, dass der Zugang zu Technik nicht gleich ­verteilt ist. Bestimmte Bevölkerungsgruppen sind weniger gut auf Automaten vorbereitet und werden ausgeschlossen, vor allem Rentner und Migranten. Die Effizienzsteigerung wird auf dem ­Buckel von weniger Privilegierten knallhart ausgetragen.

«Für viele Menschen ist es wichtig, ein paar Worte mit der Kassiererin zu sprechen.»

Ist das nicht übertrieben?
Sie können mich ruhig einen fortschrittsfeindlichen Nostalgiker nennen. Aber mich stört es, dass wir fortwährend beschleunigen, ohne über die Kosten zu sprechen. Für viele Menschen ist es wichtig, ein paar Worte mit der Kassiererin zu sprechen. Es findet ein Verlust an Sozialkontakten statt mit der Folge, dass alte Leute vereinsamen und Menschlichkeit verloren geht. Mir fehlt eine Debatte über die absurde Idee, dass auch bei sozialen Abläufen die Effizienz gesteigert werden soll.

Nutzen Sie selber kein Selfscanning?
Kritik muss ja nicht heissen, dass man selber zum Einsiedler wird. Ich bin froh, dass es E-Banking gibt und ich meine Flüge von zu Hause aus einchecken kann. Aber wenn es zwei gleichwertige Supermärkte gibt, einen mit Selfscanning und einen ohne, würde ich immer jenen mit dem Personal an der Kasse wählen. Vielleicht wird das ja mal eine Marktlücke: «Hier werden Sie bedient.»

Warum löst das Thema eigentlich solch heftige Gefühle aus?
Vielleicht, weil dieses Phänomen symp­tomatisch ist für die Paradoxien unserer Gesellschaft: Man rationalisiert und beschleunigt die alltäglichsten Abläufe. Wenn man denn wirklich dabei Zeit ­gewinnt, könnte man sie nutzen, um in aller Ruhe einkaufen zu gehen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.07.2015, 09:56 Uhr

Der Deutsche Franz Schultheis (62) ist Professor für Soziologie an der Universität St. Gallen. Er erforscht unter anderem die Soziologie der Arbeitswelt.

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