Facebook greift das Finanzsystem an

Mark Zuckerberg will mit der Weltwährung Libra das Finanzgeschäft revolutionieren. Warum das gelingen könnte.

Nun will er den Zahlungsverkehr revolutionieren: Facebook-Chef Mark Zuckerberg bei einer Präsentation in Kalifornien. Foto: Josh Edelson (AFP)

Nun will er den Zahlungsverkehr revolutionieren: Facebook-Chef Mark Zuckerberg bei einer Präsentation in Kalifornien. Foto: Josh Edelson (AFP)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Seit Jahren prophezeien Enthusiasten aus der Blockchain-Branche, dass Kryptowährungen wie der Bitcoin das Finanzgeschäft revolutionieren und Banken überflüssig machen würden. Bisher blieb dies ein Wunschtraum. Der Bitcoin und Hunderte weiterer Kryptowährungen sind bis heute im besseren Fall Spekulationsobjekt – im schlechteren Fall werden sie für dubiose Transaktionen genutzt.

Das könnte sich jetzt ändern, da mit Facebook ein grosser US-Internetkonzern eine Kryptowährung lanciert.

Den Angriff auf das etablierte Finanzsystem verkündete Facebook-Chef Mark Zuckerberg kürzlich an der hauseigenen Entwicklerkonferenz ganz beiläufig. Während Dutzende Entwickler ihn mit ihren Smartphones ablichteten, dampfte er seine Vision in einen Satz zusammen: «Geld versenden sollte so einfach sein, wie ein Foto zu verschicken.» Dann liess er noch ein schelmisches Grinsen über sein Gesicht huschen, das vielen endgültig klarmachte: Facebook hat da etwas vor.

Ein Schweizer Kopf

Libra heisst die neue Kryptowährung, die gestern vorgestellt wurde und in der ersten Jahreshälfte 2020 in Umlauf kommen soll. Zuckerberg schwebt nichts weniger als eine Art Weltwährung vor, mit der jedermann unabhängig von Landesgrenzen in Sekundenschnelle und zu tiefen Transaktionsgebühren übers Smartphone Geld überweisen kann.

Facebook zielt dabei nicht zuletzt auf jene 1,7 Milliarden Menschen, die heute keinen Zugang zum Finanzsystem haben. Besonders in Entwicklungsländern gibt es teils hohe Hürden, etwa in Form von Gebühren. Doch die Mehrheit von ihnen hat ein Handy mit Internetzugang.

Zum Dreh- und Angelpunkt der Währung wird die Schweiz, genauer die Stadt Genf. Dort hat die Libra Association, die das Projekt steuert, ihren Hauptsitz. Die Organisation möchte neutral arbeiten und hat deshalb ein neutrales Land ausgewählt. Dass die Schweiz für die Blockchain-Technologie ein wichtiger Standort ist, hat ebenfalls zum Entscheid beigetragen.

Einen Einfluss hat vielleicht auch, dass der Mann hinter dem Projekt einen Schweizer Pass besitzt: David Marcus übernahm vor einem Jahr bei Facebook eine Abteilung, welche die Möglichkeiten der Blockchain-Technologie ausloten sollte. Das Resultat liegt jetzt mit dem Libra vor.

Namhafte Unternehmen wie Mastercard, Visa, Booking Holdings, Ebay, Uber, Spotify und Vodafone sind mit an Bord.

Mehrere Gründe sprechen dafür, dass sich der Libra anders als die bisherigen Kryptowährungen als Zahlungsmittel etablieren könnte. Erstens verfügt Facebook mit seinen beiden Tochterfirmen Whatsapp und Instagram über ein Netzwerk von über zwei Milliarden aktiven Nutzern. Zweitens ist es kein Alleingang: Namhafte Unternehmen wie Mastercard, Visa, Booking Holdings, Ebay, Uber, Spotify, Vodafone und andere mehr sind mit an Bord. Drittens wird der Libra mit echten Wertanlagen in verschiedenen Landeswährungen hinterlegt, was bei bekannten Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ether nicht der Fall ist. Das hat den Vorteil, dass der Libra nicht derart starken Kursschwankungen ausgesetzt ist wie andere Digitalwährungen. Verluste von 30 Prozent an einem Tag sind beim Bitcoin keine Seltenheit.

Trotz guten Voraussetzungen ist der Erfolg alles andere als garantiert. Das gelingt nur, wenn der Libra das Vertrauen vieler Menschen gewinnt, damit diese hart verdientes Geld in die Währung wechseln. Das wissen auch die Initianten, die von einem steinigen Weg sprechen. Auch Banken funktionieren nur, wenn Kunden ihnen Geld anvertrauen. Im Konzeptpapier betont die Libra Association, dass sie mit Finanzdienstleistern zusammenarbeiten wolle. Doch die Realität ist eine andere: Wer den Libra nutzt, braucht für Überweisungen keine Bank mehr, da das Geld wie bei Kryptowährungen üblich direkt vom Sender zum Empfänger geht. Und schon auf der ersten Seite des Konzeptpapiers gibt es einen Seitenhieb gegen die Banken – indem das heutige Finanzsystem mit der Telekommunikation vor Einführung des Internets verglichen wird.

Erstellt: 19.06.2019, 07:51 Uhr

Artikel zum Thema

Zerschlagt Facebook!

Kommentar Mark Zuckerberg will Whatsapp und Instagram mit seinem Messenger verknüpfen. Das ist gefährlich. Mehr...

Täuschend echt, dumm für den Chef

Was tun mit Fake-Videos? Facebook weigerte sich jüngst, eine Pelosi-Veräppelung zu löschen – und gab ein Versprechen ab. Prompt kommt nun Mark Zuckerberg unter die Räder. Mehr...

Ein Wachhund für die Tech-Industrie

Zuerst hat er sie geschwächt, nun will er sie stärken: Internetpionier Craig Newmark steckt viel Geld in unabhängige Medien. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Gross-Demo: Mit Schutzmaske und Schwimmbrille schützt sich ein Demonstrant vor einem Tränengas-Angriff der Polizei in Hong Kong am Sonntagabend. (21. Juli 2019)
(Bild: Getty Images / Ivan Abreu) Mehr...