Handeln bis zum Exzess

Drei Vermögensverwalter bolzten Kickbacks und vernichteten so das Vermögen ihrer Kunden. Frustrierte Anleger könnten aus dem Fall einiges lernen. Auch für Banken ist das Stück lehrreich.

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Am 27. August blitzte ein früherer Vermögensverwalter vor dem Obergericht des Kantons Zürich mit seiner Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichts Bülach ab. Der Mann war im November 2012 wegen gewerbsmässigen Wuchers und gewerbsmässigen Betrugs zu einer Freiheitsstrafe verurteilt worden. Zwei weitere Angeklagte hatten noch höhere Strafen kassiert.

Das Obergericht strich jetzt in seinem Urteil zwar den gewerbsmässigen Betrug, reduzierte jedoch nicht die Freiheitsstrafe. Gewerbsmässiger Wucher gilt als schwereres Delikt als gewerbsmässiger Betrug. Das Urteil kann zwar noch vor Bundesgericht angefochten werden, doch Valentin Landmann, der Anwalt des Verurteilten, lässt durch­blicken, dass die Hürde dazu hoch sei.

Die drei Verurteilten hatten in den Jahren 2005 und 2006 eine Firma für Devisenhandelsgeschäfte aufgezogen. Die Gelder ihrer Kunden flossen über Konti der Genfer Devisenhandelsplattform Dukascopy (Suisse). Diese erhob pro gehandelte Million Dollar eine sogenannte Interbank-Kommission von 325 Dollar. Davon liessen sich die drei von der Genfer Bank unabhängigen Vermögensverwalter 250 Dollar ausbe­zahlen – eine klassische Retrozession oder Kickbacks also. Den Kunden wurde dies in den Verträgen jedoch raffiniert verschleiert.

Grosse Volumen, hohe Frequenz

Um möglichst hohe Retrozessionen zu erwirtschaften, wurden die Kundengelder dank eingebauter Hebel in grossen Volumina und in hoher Frequenz gehandelt. Mit dem Geldsegen bezahlte sich das Trio monatliche Gehälter von über 20 000 Franken plus grosszügige Spesen­entschädigung aus.

Für die Kunden hatte das gravierende Folgen: In nur 20 Monaten frassen die Gebühren einen Grossteil ihrer Vermögen weg. Die Klienten waren Opfer einer Spesenschinderei, in der Fachsprache Churning genannt, geworden. Laut Finanzmarktaufsicht (Finma) bedeutet dies «Umschichten von Depots der Kunden ohne einen im Kundeninteresse liegenden wirtschaftlichen Grund».

Churning und Retrozessionen sind ein unheilvolles Tandem. Mit exzessivem Handel können Retrozessionen maximiert werden. Im vorliegenden Fall taxierten die Richter das als gewerbsmässigen Wucher. Für Juristen, die sich mit der Problematik von Churning und Retrozessionen auseinandersetzen, könnte sich hier ein Weg für andere Anleger öffnen, deren Vermögen durch exzessives Dealen ihres Vermögensverwalters dezimiert wurde und denen die Retrozes­sionen vorenthalten wurden.

Strafanzeige als gangbarer Weg

Zivilklagen gegen Banken und Vermögensverwalter gelten für die Geschädigten als aufwendig, langwierig und wenig erfolgversprechend. Einfacher, kostengünstiger und effizienter könnte der Weg über die Strafanzeige sein. Es liegt dann am Staatsanwalt, die relevanten Dokumente einzufordern, Zeugen einzuvernehmen und das Beweismaterial bereitzustellen.

Ein in den vorliegenden Fall involvierter Anwalt denkt dabei auch an jene Fälle, wo Vermögensverwalter oder die Bank ihren Kunden hoch riskante An­lagen wie die Lehman-Papiere, Fonds des US-Betrügers Madoff oder strukturierte Produkte ins Depot gelegt oder empfohlen haben, weil dabei üppige Retrozes­sionen angefallen sind. Um bei den Lehman-Papieren zu bleiben: Dem Kunden blieben die Verluste, die Kickbacks kassierten die Vermögensverwalter. In solchen Fällen habe der Kunde nicht nur Anspruch auf Rückerstattung der Retrozessionen, sondern auch auf Schaden­ersatz wegen der erlittenen Verluste, meint der Anwalt.

Der Zürcher Staatsanwalt Marc Jean-Richard-dit-Bressel nahm auch die Verantwortlichen der Dukascopy (Suisse) ins Visier. Deren Verwaltungsratspräsident Alain Broyon wurde 2009 als Auskunftsperson einvernommen. Die Zürcher Staatsanwaltschaft eröffnete jedoch in der Folge keine Strafuntersuchung, weil laut Jean-Richard-dit-Bressel die Verdachtsmomente gegen die Verantwortlichen der Bank nicht hinreichend gewesen waren. Er führte stattdessen ein in der Strafprozessordnung vorgesehenes Verfahren auf Einziehung unrechtmässig erzielter Gewinne. Die Bank wurde 2012 per Einziehungsbefehl verpflichtet, 775 000 Franken abzuliefern. Es handelt sich um den Gewinn, den Dukascopy aus den Devisentransaktionen mit den drei Vermögensverwaltern erzielte. «Ein sehr innovatives Vorgehen», heisst es unter Juristen. Was die gegen 50 Geschädigten, die teilweise sechsstellige Beträge zurückverlangen, davon sehen werden, sobald das Urteil des Obergerichts in Kraft getreten ist, wollte Jean-Richard-dit -Bressel nicht sagen. Bei den Verurteilten dürften die ehemaligen Kunden kaum noch Gelder eintreiben können.

Wichtige Zulieferer von Kunden

Für die erst 2004 in Genf gegründete Dukascopy Bank waren die drei Vermögensverwalter wichtige Zulieferer von Kunden. Alain Broyon, der seit 2005 an der Spitze stand, verliess im August die Bank «überraschend», wie mehrere Brancheninformationsdienste vermeldeten. Laut Mitteilung der Bank tat er dies aus «privaten und persönlichen Gründen».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.09.2014, 22:59 Uhr

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