Hart an der Grenze angelangt

Der Euro-Franken-Kurs ist gefährlich tief. Warum?

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Der Euro-Franken-Kurs ist auf einen Wert gesunken, der nur noch knapp über der Untergrenze liegt, welche die Schweizerische Nationalbank (SNB) zu verteidigen versprochen hat. Was steht hinter der Entwicklung? Kommen Negativzinsen? Und was hat Ungarn damit zu tun? Mehrere Faktoren hängen zusammen.

Die Goldinitiative

Das Volksbegehren schreibt der Schweizerischen Nationalbank vor, künftig einen Fünftel ihrer Reserven in Gold zu halten. Das grösste Problem dabei ist, dass sie Gold nicht mehr verkaufen dürfte. Die Annahme der Initiative würde die SNB nicht nur zu Goldkäufen zwingen, sondern auch ihren Handlungsspielraum einschränken, eine übermässige Frankenaufwertung mit umfangreichen Eurokäufen abzuwehren. Das böte Spekulanten einen Anreiz, ihre diesbezügliche Entschlossenheit zu testen. Da an den Devisenmärkten, wie an allen Kapitalmärkten, bereits Erwartungen die Preise bewegen, sorgt selbst eine geringe Wahrscheinlichkeit, dass die Goldinitiative angenommen wird, für eine Aufwertung des Frankens gegenüber dem Euro. Jedes Umfrageergebnis zum Ausgang der Abstimmung dürfte sich daher auf das Währungsverhältnis auswirken.

Die Euro-Geldpolitik

Die Europäische Zentralbank (EZB) ist dabei, alle geldpolitischen Schleusen zu öffnen, um der schleppenden Wirtschaft wieder Schwung zu verleihen. Sie hat ihren Leitzins fast auf null gesenkt (konkret sind es noch 0,05 Prozent) und weitere Programme zur direkten Geldversorgung der Banken gestartet. Dieser Kurs hat bisher nur an den Devisenmärkten sichtbare Wirkung gezeitigt – vor allem gegenüber den USA. Seit dem Mai ist der Preis des Euro von rund 1.4 Dollar auf 1.25 Dollar gefallen. In der Schweiz war wegen der Währungsuntergrenze keine ähnliche Aufwertung des Frankens gegenüber dem Euro zu verzeichnen.

Weil die EZB-Massnahmen die Lage in der Eurozone kaum verbessert haben, steigt die Erwartung, dass die Zentralbank noch weiter geht und Staatsanleihen im grossen Stil kauft, wie es die USA getan haben. Das erhöht den Abwärtsdruck auf den Euro und spiegelbildlich den Aufwertungsdruck auf den Franken. Die potenzielle Schwächung der SNB-Abwehr durch die Goldinitiative verstärkt diesen Effekt.

Die Verschuldung in Ungarn

In Zeiten, als der Franken noch ausgesprochen billig und die Zinsen in der Schweiz bereits relativ tief waren, nahmen viele Ungarn ihre Hypotheken und andere Kredite in Schweizer Franken auf. Mit der drastischen Aufwertung des Frankens hat sich die Verschuldung der Ungarn massiv verschärft und auch die dortigen Finanzinstitute unter Druck gesetzt. Um für Entspannung zu sorgen, hat die ungarische Zentralbank in der letzten Woche den heimischen Banken insgesamt 7,8 Milliarden Euro an Krediten gewährt, damit diese die ausstehenden Hypotheken in ungarische Forint tauschen können. Da die Schulden aber auf Franken lauten, könnte eine weitere Aufwertung der Schweizer Währung gegenüber dem Euro diese Hilfe relativieren.

Um sich dagegen abzusichern, hätten ungarische Banken gleich in grossem Stil Franken mit den bereitgestellten Euro gekauft, vermuten manche Beobachter. Das trüge zur Aufwertung des Frankens bei. Aber auch hier muss die Entwicklung im Kontext gesehen werden: Ohne Angst vor einer möglichen Franken­aufwertung hätten die Banken gar keinen Grund zu einer zu solchen Absicherung gehabt.

Drohende Negativzinsen

Negativzinsen würden bedeuten, dass die Schweizerische Nationalbank auf Einlagen der Banken eine Gebühr einführt, so wie es die Europäische Zentralbank getan hat. An den Devisen- und Zinsmärkten wird seit längerem darüber gemutmasst, dass die Nationalbank diesen Schritt ergreifen könnte. Das würde für sich gesehen zwar den Franken schwächen – was auch ihr Zweck wäre –, da sich Anlagen in Franken weniger lohnten. Das es trotzdem für möglich gehalten wird, deutet auf eine gesunkene Glaubwürdigkeit der SNB bei der Verteidigung der Euro-Franken-Untergrenze hin, noch vor der Abstimmung über die Goldinitiative. Auch hier schwingt die Sorge über die Annahme des Volksbegehrens mit. Die Unruhe wird mindestens bis zum Abstimmungssonntag anhalten.

Erstellt: 19.11.2014, 20:02 Uhr

Markus Diem Meier

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