Analyse

Jetzt gibt es kein Zurück mehr

Die Nationalbank gab heute bekannt, dass sie den starken Franken bekämpft. Bisher allein mit Worten. Die stärkste Massnahme wurde noch nicht angesprochen. Die Hintergründe.

Braucht sehr starke Nerven: Schweizer Notenbanker Philipp Hildebrand.

Braucht sehr starke Nerven: Schweizer Notenbanker Philipp Hildebrand. Bild: Keystone

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Die Nationalbank hat gehandelt. Sie hat in einer kurzen Mitteilung von drei Abschnitten mitgeteilt, dass sie die weitere drastische und schnelle Aufwertung des Frankens nicht mehr länger hinzunehmen bereit ist. Und das Signal hatte unmittelbar Wirkung. Schon in den ersten zehn Minuten nach Bekanntwerden der Botschaft um 8.57 Uhr heute Morgen ist der Franken gegenüber dem Euro um rund 1,6 Prozent und gegenüber dem Dollar um 1,25 Prozent gefallen.

Wie hat sie das erreicht: Bisher allein mit Worten. Doch diese sind vorerst entscheidend. Denn die Nationalbank hat damit an die Devisenmärkte das Signal gesandt, dass sie eingreift. Und sie ist die einzige Institution, die überhaupt in der Lage ist, den Franken zu schwächen. Das Prinzip ist ganz einfach: Sie muss nur zusätzliche Franken neu erschaffen. Je mehr Geld im Verhältnis zur erschaffenen Gütermenge geschaffen wird, je weniger hat dieses zusätzliche Geld wert – auch gegenüber anderen Währungen. Die Kehrseite der Medaille ist eine steigende Inflationsgefahr.

Geschäft vermiesen

Doch diese ist dann am geringsten, wenn die Nationalbank entschieden und auf keinen Fall halbherzig vorgeht. Warum? Jeder auf dem Devisenmarkt weiss, dass die SNB die Mittel hat, den Franken zu schwächen. Wenn auch jeder davon überzeugt ist, dass sie diese auf Biegen und Brechen einzusetzen bereit ist, wird kein Devisenhändler und Spekulant auf eine weitere Aufwertung setzen. Denn er weiss ja dann, dass ihm die Nationalbank dieses Geschäft vermiesen wird. Mit anderen Worten: Die Währungsaufwertung wird ohne den Einsatz grosser Geldmengen und einer steigenden Inflation gestoppt, wenn die Nationalbank glaubhaft macht, dass sie selbst unter Inkaufnahme einer steigenden Inflation bereit ist, die Aufwertung des Frankens zu stoppen.

Doch das erfordert sehr starke Nerven der Notenbanker. Dies umso mehr, weil die Notenbank mit dem Versuch, eine weitere Aufwertung des Frankens durch Eurokäufe zu stoppen, schon einmal gescheitert ist und sie auf hohen Devisenreserven sitzt, die ihr jetzt laufend hohe Buchverluste bescheren, und sie jetzt schon von vielen heftig kritisiert wird. Kommt die Lage an den Immobilienmärkten hinzu, wo die SNB selbst andauernd vor einer Blasenbildung warnt. Nicht zuletzt muss die SNB auch bereit sein, im Zweifelsfall ihren gesetzlichen Auftrag, die Preisstabilität zu gewährleisten, in den Wind zu schlagen. Immerhin kann sie sich auch auf den zweiten Auftrag berufen, nach dem sie auch auf die konjunkturelle Entwicklung Rücksicht nehmen muss.

Anheizen der Immobilienmärkte verhindern

Eine glaubwürdige Strategie, um den Aufwärtstrend des Frankens zu schwächen, erfordert, dass die Notenbank in ihrer Geldpolitik klarmacht, dass sie auf diese Einwände angesichts der Gefahren für den Schweizer Industriestandort jetzt keine Rücksicht mehr nimmt. Es bleibt dann nur noch den Regulierungsbehörden überlassen, durch administrative Massnahmen etwa ein weiteres Anheizen der Immobilienmärkte zu verhindern.

Die bisher bekannt gegebenen Massnahmen haben vor allem Symbolcharakter. Die SNB will die Geldmenge massiv ausweiten. Beeinflussen kann sie diese allerdings nur über die Verfügbarkeit von Geld für die Banken. Daher will sie deren Guthaben auf den SNB-Konten von rund 30 Milliarden Franken mehr als verdoppeln und auf 80 Milliarden ausdehnen. Damit will sie auch den Leitzins (Libor) möglichst auf null senken (siehe Infobox), doch der befindet sich schon seit langem auf einem historischen Tiefstand von aktuell 0,175 Prozent. Nach ihren massiven Interventionen in der Zeit nach der Finanzkrise hat die SNB seit längerem begonnen, den Märkten wieder Geld zu entziehen: Unter anderem, indem sie selbstgeschaffene Schuldpapiere (SNB-Bills) an die Banken verkauft hat. Diese Verkäufe will sie jetzt einstellen, um die angestrebte Ausweitung der Geldmenge zu erreichen.

Der erste Schritt

Auffällig ist, dass sie das stärkste Mittel zur Währungsbeeinflussung bisher nicht angesprochen hat: Direkte Interventionen an den Märkten – durch Käufe von Dollar und Euro gegen Franken. Auch dies kann sie in beliebigen Mengen tun, da sie den Franken beliebig schöpfen kann. Rein ökonomisch ist das Argument falsch, dass ihre Möglichkeiten angesichts der Grösse der Devisenmärkte beschränkt seien.

Jetzt, wo die SNB den ersten Schritt getan hat, gibt es kein Zurück mehr. Sie hat wörtlich erklärt: «Die Nationalbank nimmt eine fortwährende Verschärfung der geldpolitischen Rahmenbedingungen nicht tatenlos hin und trifft daher Massnahmen gegen den starken Franken.» Wenn die ersten Schritte auf den Devisenmärkten nicht für glaubwürdig genug erachtet werden, müssen weitere folgen, bis hin zu Devisenmarktinterventionen. Die SNB schliesst das selber nicht aus, indem sie schreibt, bei Bedarf würden «weitere Massnahmen» folgen.

Einladung an alle Devisenspekulanten

Die SNB ist von der Politik unabhängig, genau weil die Geldpolitik – um glaubwürdig zu sein – zuweilen harte und nicht immer leicht zu verstehende Massnahmen erfordert. Jetzt, wo sie den Weg beschritten hat, muss sie ihn konsequent fortsetzen. Fällt sie mittendrin um, ist die Wirkung schlimmer, als wenn sie nichts getan hätte. Denn das käme einer Einladung an alle Devisenspekulanten der Welt gleich, auf eine weitere Aufwertung des Frankens zu wetten. Die wirtschaftlichen Umstände in der Welt lassen auf jeden Fall den Franken weiterhin als äusserst attraktiv erscheinen. Die Chefs der SNB brauchen in nächster Zeit ein dickes Fell.

Erstellt: 03.08.2011, 10:56 Uhr

Leitzins, Libor und Zielband der SNB

Der Leitzins der Schweiz ist der Libor, was für «London Interbank Offered Rate» steht. Genau genommen wird der Libor nicht durch die Nationalbank gesetzt, sondern steht für den Zins, den Banken gegenseitig für kurzfristige Ausleihungen verlangen. Für die Schweiz ist der Libor für Ausleihungen über 3 Monate, der 3-Monats-Libor, von Belang. Der Libor wird in London täglich als Durchschnitt solcher gegenseitig zwischen Banken verlangten Zinssätze errechnet und publiziert. Die Nationalbank kann den Libor für Schweizerfrankengelder aber indirekt beeinflussen. Wenn sie die Banken mit mehr Geld versorgt, sinkt er und umgekehrt.

Offiziell legt die SNB auch nicht einen bestimmten Liborwert als Leitzins fest, den sie durch ihre Geldversorgung anstrebt, sondern ein Zielband. Dieses liegt augenblicklich zwischen 0 und 0,75 Prozent. Der von der SNB angestrebte Mittelwert lag bisher bei 0,25 Prozent. Tatsächlich aber notierte der Libor gestern tiefer: bei 0,175. Neu verengt die SNB das Zielband auf 0 bis 0,25 Prozent und strebt einen Wert von 0 Prozent an.

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