«Jetzt zu verkaufen, wäre eine schlechte Idee»

Die Börsenpanik scheint fürs Erste vorbei. Was tun? Christoph Riniker von der Bank Julius Bär über Gründe für die Turbulenzen und die Saisonalität an der Börse.

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Herr Riniker, die Börse hat sich heute beruhigt. Ist der Spuk nun vorbei?
Es lassen sich schon Gründe finden, warum die Kurse noch ein paar weitere Prozente fallen könnten. Wir gehen aber davon aus, dass sich die Börse wieder erholt. Jetzt zu verkaufen, wäre vermutlich eine schlechte Idee. Aufs Jahresende hinaus sehen wir bessere Preise.

Zuerst zu den Risiken. Was spricht für weitere Verluste?
Zum einen sind es technische Faktoren. Es sind nun beinahe schon 150 Wochen ohne 10-Prozent-Korrektur beim amerikanischen S&P-500-Index vergangen. Die jüngsten Kurseinbussen betragen dort etwa 7 Prozent. Sollten die Investoren eine Korrektur von 10 Prozent sehen wollen, so würden zu diesem magischen Wert also noch ein paar Prozente fehlen.

Spielen solche Zahlenspiele wirklich eine so grosse Rolle?
Es sind auf jeden Fall sehr subjektive Überlegungen. Sicher ist, dass die Anleger nach einer so langen Rally eine Verschnaufpause gebraucht haben. Gewinne wurden mitgenommen. Der Kurssturz wurde auch dadurch verstärkt, dass mittlerweile einige Anleger im Aktienmarkt sind, die hohe Kursschwankungen eigentlich gar nicht verkraften können – Investoren, die sonst hauptsächlich in den Anleihenmärkten tätig sind, mangels Anlagerenditen aber in Aktien investiert haben.

Welches sind weitere Risikofaktoren?
Dazu gehört sicher die weltwirtschaftliche Grosswetterlage. Die aufgekommenen Deflationsrisiken in Europa waren ein Auslöser der jüngsten Korrekturen. Dazu vermitteln die vorauseilenden Indikatoren kein allzu rosiges Bild der Wirtschaft, speziell in Europa. Daran dürfte sich nicht allzu schnell etwas ändern. Ein schwierig einzuschätzendes Risiko bleibt die Krise in der Ukraine und in Russland.

Trotzdem sind Sie optimistisch bezüglich der Aktienbörse. Warum?
Ein Grund ist die Saisonalität an der Börse. In der Phase des Jahres, die jetzt beginnt, ziehen die Kurse meist an. Ein starkes Zeichen ist auch die Investorenstimmung. Sie ist derzeit extrem schlecht, wie die einschlägigen Indikatoren anzeigen. Historisch betrachtet erholt sich die Stimmung in solchen Situationen eigentlich immer. Dann setzt die Gegenbewegung ein.

Liesse sich diese positive Stimmung denn auch rechtfertigen?
Ja, und zwar wegen des tiefen Zinsniveaus. Aktuell bahnt sich eine weitere Verschiebung des Zinsanstiegs an. Viele Ökonomen rechnen inzwischen auch damit, dass der Zinsanstieg, wenn er denn einsetzt, sehr moderat ausfallen wird. Vielleicht von einem auf zwei Prozent in Europa, in den nächsten zwei Jahren. Im Vergleich zur Vergangenheit ist das nach wie vor wenig. Deswegen dürften Aktien als Anlageklasse attraktiv bleiben.

Ist es nicht verrückt, dass die US-Börsenstände inzwischen doppelt so hoch sind wie vor zehn Jahren? Und fast ein Drittel über dem Niveau vor der Finanzkrise?
Nein. Es gibt derzeit keine Aktienblase – die Börsenkurse sind auf angemessenem Niveau. Das Stichwort dazu heisst «Bewertung»: Im Vergleich zu den Gewinnen, und vor allem im Vergleich zu Obligationen, sind die Aktienpreise gerechtfertigt. Es gibt keine Anlageklasse, die derzeit vergleichbare Anlagechancen bietet.

Bereits wird spekuliert, dass die Federal Reserve eine weitere Runde der Quantitative-Easing-Politik beschliessen könnte. Was würde das bedeuten?
Sagen wir es so: Das Fed hat in der Vergangenheit bewiesen, dass man unzimperlich agiert, wenn die Verantwortlichen das Gefühl haben, dass der Markt gestützt werden muss. Konkrete Vorstellungen darüber, wann und in welchem Umfang ein QE4-Programm kommen könnte, haben wir nicht. Im Markt herrscht aber die klare Erwartung, dass die Federal Reserve alles tun wird, um eine grössere Panik am Markt zu verhindern.

Besonders die Bankentitel haben in letzter Zeit gelitten. Sollten Anleger auch in Zukunft besser die Finger von diesen Aktien lassen?
Der Bankensektor erscheint mir aus strategischer Sicht attraktiv, gerade weil die Titel momentan günstig sind. Fällt der Bankenstresstest der EZB Ende Oktober positiv aus, so könnte dies etwas Auftrieb geben. Mittelfristig ist die Konjunktur die grösste Chance für Bankentitel. Je besser das Umfeld wird, desto stärker dürften zyklische Titel wie Banken auch profitieren.

Wie verhält man sich als Anleger am besten in volatilen Zeiten?
Kurzfristige Schwankungen ausnutzen zu wollen, ist sehr schwierig. Das ständige Umschichten ist kostspielig. Empfehlenswert ist es, eine mittelfristige Sicht einzunehmen und sich entsprechend zu positionieren. Titel mit hohen Dividenden – beispielsweise aus dem Versorger- oder dem Telecomsektor – ins Portfolio aufzunehmen, die in jedem Fall eine gewisse Rendite bieten, ist eine Möglichkeit. Diese Strategie ist derzeit sehr beliebt, bei einem allgemeinen Aufschwung liegt die Performance aber unter dem Gesamtmarkt.

Welche Märkte sind aus Schweizer Sicht vielversprechend?
Im bisherigen Jahresverlauf haben die US-Börsen klar besser abgeschnitten als die Märkte in Europa. Speziell wenn man die Entwicklung in Schweizer Franken umrechnet. In nächster Zeit dürfte dieses Muster weiterhin Bestand haben. Allerdings hilft der starke Dollar mittelfristig den europäischen Unternehmen. Wobei man festhalten muss: «Europa» als einheitliches Gebilde gibt es nicht. Der spanische Aktienmarkt hat in den letzten Wochen deutlich besser abgeschnitten als jener in Deutschland.

Erstellt: 17.10.2014, 12:41 Uhr

Zur Person

Christoph Riniker ist Chef der Marktstrategie-Forschungsabteilung bei der Bank Julius Bär.

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