Kleinkredite bleiben trotz Tiefstzinsen enorm teuer

Das Zinsniveau ist tief wie nie, Konsumkredit-Firmen verlangen jedoch immer noch bis zu 15 Prozent.

Teures Leihvermögen: Wenn kurzfristig Bargeld benötigt wird, hilft oft nur noch ein Konsumkredit. Foto: Keystone

Teures Leihvermögen: Wenn kurzfristig Bargeld benötigt wird, hilft oft nur noch ein Konsumkredit. Foto: Keystone

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Die Cembra Money Bank ist in der Schweiz bei Privatkrediten führend – sowohl beim Marktanteil als auch bei den Zinskosten. Für einen Konsumkredit verlangt sie zwischen 9,95 und 14,5 Prozent Zins, 2007 waren es laut damaligen Berichten 9,25 bis 14,5 Prozent. Die Zinsspanne hat sich in den letzten acht Jahren also kaum verändert – während das allgemeine Zinsniveau komplett ins Rutschen geraten ist. Der Zins für Hypotheken hat sich im selben Zeitraum halbiert, der Dreimonatslibor – also der Satz, zu dem sich Banken untereinander Kredite gewähren – sank von 2 auf minus 0,7 Prozent.

Hauptgründe für die Kreditaufnahme: Zur Vollansicht.

Die Cembra Money Bank begründet das Festhalten an den bisherigen Sätzen mit der langfristigen Entwicklung. «Die Zinsen werden nicht immer so tief bleiben, sondern wieder steigen», sagt Sprecher Andreas Werz. Die Verträge mit den Kunden würden meist über mehrere Jahre laufen, eine Phase tiefer Zinsen sollte deshalb «nicht alleine massgebend sein». Wie sich die Zinsspanne und der durchschnittlich vergebene Zinssatz bei ihr in den letzten Jahren im Detail verändert haben, will die Cembra Money Bank nicht kommentieren. Sie verweist auf die «Quiet Period», die soeben begonnen habe – also die Zeit vor der Veröffentlichung des Halbjahresergebnisses, in der börsenkotierte Unternehmen keine für das Ergebnis relevanten Informationen mehr kommunizieren dürfen.

Offizielle Zahlen zur Zinssituation auf dem Konsumkreditmarkt sind ohnehin Mangelware. Ein zentrales Verzeichnis gibt es nicht, die meisten Kreditinstitute veröffentlichen bloss Zinsspannen. Der Cembra Money Bank jedenfalls scheint das aktuelle Zinsumfeld nicht zu schaden, wie ein Blick auf die Geschäftszahlen zeigt. In den letzten drei Jahren sind die Zinskosten in Prozent des Kreditvolumens von 1,8 auf 1 Prozent gesunken. Gleichzeitig hat sich zwar auch der Zinsertrag reduziert, allerdings viel weniger stark, von 8,8 auf 8,5 Prozent. Die Zinsmarge – die Differenz zwischen Zins­ausgaben und -einnahmen – ist von 7,1 auf 7,5 Prozent angestiegen. «Von einer solch hohen Marge können Grossbanken wie die Credit Suisse nur träumen», sagt der ehemalige Bankenprofessor Hans Geiger. Er relativiert darum den Verweis der Cembra Money Bank auf höhere Zinssätze in Zukunft: «Auch wenn der Zins bald wieder steigen sollte, bleibt der Ertrag noch immer sehr gross.»

«Der Markt spielt nicht»

Marktbeobachter haben denn auch eine andere Erklärung, weshalb die Marktleader ihre Zinsen hoch halten. «Bei den Konsumkrediten spielt der Markt nicht, keiner tritt dem andern auf die Füsse», sagt Mario Roncoroni, Co-Leiter der Berner Schuldenberatung. Branchenkenner bestätigen dies. Die gesetzliche Zinsobergrenze für Konsumkredite beträgt seit 2003 15 Prozent. Das sei zu hoch, sagt der Zürcher Bankdirektor Hans-Peter Portmann. «Weil das Zinsniveau seither massiv gesunken ist, konnte die Branche ihre Risikomarge nach eigenem Gutdünken ausweiten.» Zwischen der gesetzlichen Obergrenze und dem Zinsniveau gebe es seit Jahren eine Verzerrung, mit den Negativzinsen sei sie nun noch krasser geworden.

Der FDP-Nationalrat fordert in einem Vorstoss, dass sich die Obergrenze für die Konsumkredite künftig am aktuellen Zinsniveau orientieren muss. «Der Maximalzinssatz von 15 Prozent wurde vor zwölf Jahren festgelegt. Damals gab es für Bundesobligationen noch 3,5 Prozent Zins, heute sind wir bei 0 Prozent gelandet.» Der Bundesrat möchte indes noch weiter gehen: Er will das Zins­niveau ebenfalls jährlich anpassen, aber den Maximalsatz auf 10 Prozent begrenzen, um die Konsumenten vor Wucher zu schützen.

Die Vernehmlassung zur entsprechenden Verordnung endete im März, und dabei zeigt sich: Ob der Vorlage tut sich ein Links-rechts-Graben auf. Soziale Organisationen sind für die Anpassung, bürgerliche Parteien dagegen. SP und CVP unterstützen das Ziel, haben aber wie Portmann Vorbehalte betreffend der Methode. Diese löst laut Portmann das Problem nicht. «Die Höchstzinssätze müssen sich flexibel dem Zinsniveau anpassen – auch für den Fall, dass es wieder ansteigen sollte.» Der Bundesrat hat nun eine Studie zum Thema in Auftrag gegeben.

«Die Margen sind nicht zu hoch»

Der Verband Schweizerischer Kreditbanken und Finanzierungsinstitute VSKF hält generell nichts von einer Senkung der Zinsobergrenze. «Die Margen sind nicht zu hoch. Sie sind nötig, um das Geschäft seriös zu betreiben. Der Markt funktioniert», sagt Geschäftsführer Robert Simmen. Er stellt auch in Abrede, dass die Margen gestiegen seien. Gemessen am Liborsatz sei das allgemeine Zinsumfeld viel weniger stark gesunken, als man allgemein annehme, und verschärfte Eigenkapitalvorschriften mit Basel III und weitere Regulierungen der Finanzmarktaufsicht hätten diese Differenz längst aufgefressen.

Attraktiv ist das Geschäft mit Konsumkrediten offenbar trotzdem noch. Indiz dafür sind die neuen Player, die derzeit auf den Markt drängen. Sie werben mit günstigeren Zinsen, operieren mit schlanken Strukturen und setzen auf Onlineangebote. Das Fintech-Unternehmen Bob Finance ist seit Anfang Juli aktiv und bringt mit einem Zinssatz von 8,9 Prozent Schwung in den Markt. «Die Nachfrage entwickelt sich höchst positiv, seit wir unser Bob-Money-Kreditangebot am 1. Juli lanciert haben; wir sind mit den ersten 21 Tagen sehr zufrieden», so Sprecherin Janine Lutz.

Schon Eny Finance, ein junges Unternehmen mit zehn Angestellten in Windisch, ist nach dem Start 2012 von den Kunden förmlich überrannt worden. «Die Nachfrage war so gross, dass wir vorübergehend sogar einen Kreditstopp erlassen mussten», sagt Geschäftsführer Bonart Kerimi. Eny Finance verlangt seit dem 1. Juni 6,9 Prozent Zins, allerdings handelt es sich dabei um eine befristete Aktion. «Von den etablierten Anbietern reduziert keiner freiwillig seine Zinsen – wieso sollten sie auch, wenn die Margen hoch sind und es die Nachfrage erlaubt», sagt Kerimi.

Tiefe Zinsen, höherer Anteil

Wie man mit guten Konditionen Kunden gewinnt, hat die Migros-Bank vorgemacht. Nachdem die Zinsen ins Rutschen geraten waren, senkte sie den Satz für Konsumkredite von 8,5 auf 5,9 Prozent. «Seither haben wir unseren Marktanteil in etwa verdoppelt und kommen derzeit auf rund 20 Prozent», sagt Marketingleiter Matthias Hunn. 90 Prozent der Kleinkredite laufen bei der Migros-Bank online, das sei sehr effizient, weil die Erfassung der Angaben entfalle. Wer eine Beratung wünscht, zahlt 7,9 Prozent – was im Quervergleich immer noch sehr günstig ist.

Erschwerend kommt für die etablierten Player hinzu, dass der Konsumkreditmarkt schrumpft. Ende 2010 waren Kredite im Wert von 7,8 Milliarden Franken im Umlauf, Ende 2014 waren es noch 7,3 Milliarden Franken. Die Zahl der neu abgeschlossenen Kreditverträge nahm im selben Zeitraum um 14 Prozent ab. In diesem Umfeld den Marktanteil zu halten, kommt einem Erfolg gleich. Geschafft hat dies nach eigenen Angaben die Credit-Suisse-Tochter Banknow. Ihr Marktanteil liegt seit Jahren bei rund einem Drittel. Doch auch sie hat nun offenbar begonnen, die Zinsen zu senken.

Ende 2013 führte Banknow laut Sprecher Bernhard Schmid neue Produkte mit Zinssätzen zwischen 4,5 und 8,9 Prozent ein. Allerdings handelt es sich dabei um Spezialkredite für Renovationen und Schulausbildungen. Ausserdem wurden laut Schmid die Portefeuillequalität verbessert und Rabattaktionen eingeführt. Die durchschnittlich angewendeten Zinssätze hätten sich deshalb in letzter Zeit «deutlich reduziert». In den verkrusteten Markt scheint nun also doch Bewegung zu kommen – wenn auch nur langsam. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.07.2015, 22:42 Uhr

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