Hintergrund

Kommt jetzt die geldpolitische Keuschheit?

Nach der US-Notenbank deutet auch die Bank of England einen Ausstieg aus dem sogenannten Quantitative Easing an – oder auch nicht.

Quantitative Easing scheidet die Geister: Fed-Präsident Ben Bernanke ist für einen Ausstieg aus der Politik des Quantitative Easing – aber noch nicht jetzt.

Quantitative Easing scheidet die Geister: Fed-Präsident Ben Bernanke ist für einen Ausstieg aus der Politik des Quantitative Easing – aber noch nicht jetzt. Bild: Charles Dharapak/Keystone

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«Herr, gib mir Keuschheit und Enthaltsamkeit – aber jetzt noch nicht», hat der Kirchenfürst St. Augustinus einst gebetet. Nach dem gleichen Motto verfahren derzeit die Chefs der amerikanischen und der britischen Zentralbank. Vor Monatsfrist hat Fed-Präsident Ben Bernanke ein «tapering» angekündigt, will heissen: einen Ausstieg in kleinen Schritten aus der Politik des Quantitative Easing (QE). Allerdings nur unter der Voraussetzung, dass sich der Zustand der US-Wirtschaft weiter verbessert.

Die Rolle der Zentralbank

Dasselbe hat nun auch Mark Carney angedeutet, der neue Gouverneur der Bank of England. Auch er will zunächst das QE nicht weiter ausdehnen und dann nach Möglichkeit ebenfalls reduzieren. Beide, Bernanke und Carney, haben aber sogleich beteuert, dass bis auf weiteres die Politik des billigen Geldes noch weitergeführt werde und das letzte Wort in dieser Sache noch nicht gesprochen sei. Die geldpolitische Keuschheit könnte somit auch noch auf sich warten lassen. Warum die Verwirrung?

Zunächst: Was ist QE? Darunter versteht man den Vorgang, dass eine Zentralbank Staatsanleihen und – je nach Situation – auch andere Vermögenswerte aufkauft, um die Zinsen tief zu halten. Das billige Geld soll die Unternehmen zu Investitionen und die Konsumenten zum Shoppen anreizen und damit die Wirtschaft in Schwung bringen. QE ist nicht nur eine geldpolitische Angelegenheit, sondern auch eine philosophische. Im Zentrum steht dabei die Rolle der Zentralbank.

Sie fordern eine Abschaffung der Zentralbank

Nach den extremen Vertretern der Österreichischen Schule (Ludwig von Mises, Friedrich von Hayek) ist QE grundsätzlich abzulehnen. Gemäss ihrer Vorstellung kann eine Wirtschaft nur mit gespartem Geld gesund wachsen. Geld sollte deshalb nicht elastisch und möglichst mit Gold abgesichert sein. Nur ein hartes, unelastisches Warengeld kann langfristig zu mehr Wohlstand führen. Alle Versuche, mit künstlichem Fiat-Geld die Wirtschaft zu stimulieren, sind eine Illusion und führen zwangsläufig in die Krise. Die Hardcore-Vertreter der Österreichischen Schule sind nicht nur gegen die Interventionen der Zentralbank, vielmehr wollen sie die Zentralbanken selbst abschaffen.

Die Neoliberalen hingegen stützen sich auf Milton Friedman, den Begründer der Chicago-Schule. Friedman war eng mit von Hayek befreundet, teilte jedoch dessen geldpolitische Vorstellungen nur bedingt. Nach ihm ist es nicht nur erlaubt, sondern zwingend erforderlich, dass die Zentralbank ihre Geldpolitik mit der Konjunktur abstimmt. Die Grosse Depression der 30er-Jahre war gemäss Friedman ein Versagen des Fed, weil es nach dem Crash von 1929 die Zinsen nicht aggressiv gesenkt, sondern gar erhöht und damit eine torkelnde Wirtschaft vollends ins Elend gestürzt hatte. Ben Bernanke ist ein überzeugter Friedman-Anhänger und hat stets beteuert, mit QE die Fehler von damals zu vermeiden.

Wenn die Wirtschaft in der Liquiditätsfalle ertrinkt

Schliesslich gibt es noch die Keynesianer. Sie halten die geldpolitische Unterstützung durch die Notenbank grundsätzlich für richtig, aber unzureichend. Wenn der Staat nicht gleichzeitig die Geldpolitik mit fiskalischen Massnahmen – Konjunkturprogrammen, Steuersenkungen – unterstützt, dann wird die Geldpolitik letztlich verpuffen und die Wirtschaft in der Liquiditätsfalle ertrinken.

Wie ist nun die Wirkung des QE zu beurteilen. Das hängt von der philosophischen Ausrichtung ab. Wie erwähnt, für Hardcore-Österreicher ist QE aus grundsätzlichen Überlegungen des Teufels. Gemässigte Konservative gestehen murrend ein, dass die Zentralbanken nach dem Kollaps von Lehman Brothers im September 2008 billiges Geld in die Finanzkreisläufe pumpen mussten, um eine verheerende Kreditklemme zu verhindern. Doch inzwischen richtet QE mehr Schaden als Nutzen an. So schreiben die beiden konservativen Finanzprofessoren Amar Bhidé und Edmund Phelps im «Wall Street Journal»: «Es ist zweifelhaft, ob QE Wohlstand und Vertrauen verstärkt hat (…) ja, es könnte sogar das Vertrauen vermindert haben.» Für die Vertreter dieser philosophischen Schule ist ein Ausstieg aus dem QE überfällig geworden.

«Amerika verdankt Bernanke sehr viel»

Für die Anhänger der Friedman-Schule haben die Zentralbanken mit dem QE das Richtige getan; sie konnten einen Absturz der Wirtschaft und eine Depression verhindern. «Amerika verdankt Bernanke sehr viel», lobt daher beispielsweise der Chefökonom der «Financial Times», Martin Wolf. Keynesianer wie Paul Krugman teilen diese Einschätzung, fürchten nun jedoch, dass der Fehler von 1936 wiederholt wird. Damals gabs Anzeichen einer Erholung der Wirtschaft, die jedoch durch eine härtere Geldpolitik des Fed sogleich wieder abgewürgt wurde. Um Millionen von Arbeitslosen wieder einen Job zu geben, fordert Krugman deshalb nicht nur eine Weiterführung des QE, sondern auch eine Unterstützung durch die Fiskalpolitik mit massiven öffentlichen Investitionen in Infrastruktur, Bildung und Cleantech. Keusch werden darf die Geldpolitik erst dann, wenn die Wirtschaft wieder gesund ist.

Erstellt: 18.07.2013, 15:30 Uhr

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