«Längerfristig ist das Verschwinden eine gute Nachricht»

Mit Mt. Gox verschwand eine bedeutende Händlerin der virtuellen Währung Bitcoin aus dem Internet. Millionen von Dollar sind womöglich verloren. Schweizer User sprechen von einer Marktbereinigung.

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Insider haben sich längst von der Tauschbörse Mt. Gox verabschiedet. Zu viele Unregelmässigkeiten, zu viele Ungereimtheiten. Die japanische Bitcoin-Börse verschwand gestern vom Netz. Weshalb genau, ist nicht bekannt. Mit der Plattform sind auch die Bitcoins verschwunden, die über Mt. Gox verwaltet wurden – ihr Wert entspricht zig Millionen Dollar. Im Netz wird gespottet, die Betreiber hätten sich auf die Bahamas abgesetzt, wo sie bis zu ihrem Lebensende mit Geld um sich würfen.

Jenen, die ihr Geld auf Mt. Gox angelegt hatten, ist das Lachen längst vergangen. Auch Schweizer sind betroffen. Niemand weiss, ob die Bitcoins, die gestern offline gingen, nicht verloren sind. Die japanische Finanzmarktaufsicht liess verlauten, sie könne nichts tun. Der Bitcoin-Kurs stürzte ab, gestern Abend war ein Bitcoin noch rund 500 Dollar wert.

Gestern kam der Dämpfer nach der grossen Party. Insider hatten ihn erwartet, denn was in den letzten Monaten mit dem Bitcoin-Kurs geschah, war nicht mehr nachvollziehbar. Der Kurs stieg Ende letzten Jahres auf über 1000 Dollar, der Wert der virtuellen Währung verhundertfachte sich innerhalb einiger Monate. Viele haben das schnelle Geld gesucht – der Hype hat auch Betrüger angezogen. Es heisst, Mt. Gox hätte den Hackerattacken nicht standhalten können. Das Unternehmen verwaltete Online-Brieftaschen, sogenannte Wallets. Es ist ebenfalls bekannt, dass Tauschbörsen nicht die sichersten Orte sind, um Geld aufzubewahren. Eine offizielle Begründung des Unternehmens mit Sitz in Tokio gibt es bisher nicht.

Eine harte, aber gute Nachricht

Bitcoin ist eine digitale Währung, eine sogenannte Kryptowährung, die nur aus Zahlen und Buchstaben besteht. Sie ist verschlüsselt und anonym benutzbar. Da Bitcoin ein bestechend einfaches Bezahlsystem ist, das mittels App auf dem Smartphone oder via Mail funktioniert und auf dessen Handel keine Gebühren erhoben werden, wurde das Onlinegeld immer beliebter.

Der Schweizer Bitcoin-Unternehmer Nicolas Genko sagt, das Verschwinden von Mt. Gox vom Markt sei kurzfristig schlimm. Längerfristig jedoch «ist das eine durchaus gute Nachricht», glaubt der studierte Elektroingenieur und Computerspezialist. «Es brauchte eine Bereinigung von Bad Players», sagt Genko, von Mitspielern, die nicht vertrauenswürdig arbeiten. Dies sei nun gestern im Fall von Mt. Gox geschehen.

Nicolas Genko, der an der ETH Lausanne studiert hatte, machte sich im vergangenen Jahr selbstständig. Der 33-Jährige gründete BTC-Consulting und berät nun Investoren, die Geld in Bitcoins anlegen wollen. Für Genko ist Bitcoin «die grösste digitale Revolution seit der Erfindung des Internets». Genk widerspricht denn auch den Bitcoin-Skeptikern, die mit dem Ende von Mt. Gox auch das Ende der Kryptowährung verkünden; das Potenzial sei längst nicht ausgeschöpft. Bitcoin sei so neu, dass alle noch lernen müssten, damit umzugehen. Das zeigt sich auch daran, dass viele Staaten ratlos sind, wie sie den Umgang mit der digitalen Währung regeln sollen. So auch die Schweiz: Der Bundesrat hat die Finanzmarktaufsicht beauftragt, die rechtliche Situation von Bitcoin zu prüfen. Erst danach will die Regierung bestimmen, welchen Gesetzen Bitcoin und sein Handel unterliegt.

Nicht die erste Onlinewährung

Onlinewährungen gab es bereits vor Bitcoin. Aber damit konnte man keine realen Dinge kaufen: weder Kaffee noch Computerzubehör oder Hotelübernachtungen, nicht so wie mit Bitcoins. Damit wurde zum ersten Mal ein technisches System geschaffen, das zuverlässig verhindert, dass digitales Geld doppelt ausgegeben wird. Deshalb fand Bitcoin auch Einzug in die analoge Welt. Die Kontrolle über die Transaktionen und die Geldmenge geschieht im Netzwerk der User, ganz ohne Staat – so, wie Anhänger des libertären Gedankenguts es sich schon lange gewünscht haben. Kritiker sagen, das Debakel mit Mt. Gox wäre nicht passiert, wenn es eine Regulierung gegeben hätte.

Dem widerspricht Luzius Meisser, Präsident der Bitcoin Association Schweiz: «Das Debakel wäre nicht passiert, wenn es einen freien Markt gäbe.» Laut Meisser wollen viele Bitcoin-Enthusiasten Handelsplattformen eröffnen. Regulatorische Hürden würden sie jedoch daran hindern. In einem freien Markt gäbe es mehr Wettbewerb. Die Konsumenten hätten mehr Alternativen – «und das Klumpenrisiko Mt. Gox wäre gar nicht erst entstanden».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.02.2014, 22:25 Uhr

Wie Bitcoins gehandelt werden

Nur wer Bitcoins selber schürft, muss keine kaufen. Doch es sind im Verhältnis wenige, die sich die Mining-Software heruntergeladen und in teure Hardware investiert haben. Mit einem einfachen PC geht das schon lange nicht mehr. Es braucht Maschinen, die extra für das Schürfen entwickelt wurden. Um eine gute Maschine zu bekommen, braucht es viel Wissen. Einfacher gelangt man über eine Tauschbörse zu Bitcoins. Früher konnte man sich anonym registrieren. Heute verlangen alle seriösen Bitcoin-Börsen nach einer Passkopie und je nachdem weiteren amtlichen Dokumenten.

Die gestern vom Markt verschwundene Mt. Gox war die erste Bitcoin-Tauschbörse, aber längst nicht mehr die wichtigste. Kenner haben sich von ihr abgewandt. Der Ruf im Netz ist alles. Und Börsen wie Bitstamp.net, Bitfinex.com oder die deutschsprachige Bitcoin.de genossen ein zunehmend besseres Ansehen. Wer auf einer Handelsplattform einen Account eröffnet, führt darüber zwei Geldkonten: eines in einer realen Währung und eines in Bitcoins (die sogenannte Wallet). Auf das eine Konto bezahlt man beispielsweise Franken ein. Damit werden die Bitcoins bezahlt, die man über die Börse kauft. Die gekauften Bitcoins werden dann in der Wallet gutgeschrieben.

Allerdings gilt ein Wallet als kein allzu sicherer Ort, um Bitcoins zu speichern. Experten empfehlen, dort nur kleine Mengen zu halten, höchstens 10 Prozent des Bitcoin-Vermögens. Besser sei es, eine persönliche Brieftasche auf dem eigenen Computer zu erstellen und sie mit einem Passwort zusätzlich zu verschlüssel. Am sichersten ist es, Bitcoins offline zu lagern, auf Geräten ohne Internetverbindung. (ber)

Die Entwicklung des Bitcoin-Wechselkurses. (Bild: TA-Grafik)

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