Interview

«Mehr Ferien für mich sind eine Illusion»

Boris Zürcher, Chef der Direktion für Arbeit beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), erhält für seine langen Arbeitstage einen Lohnzuschlag. Er warnt vor der Einführung eines Mindestlohns von 4000 Franken.

«Risiken wie Stress und Burn-out haben zugenommen», sagt Boris Zürcher.

«Risiken wie Stress und Burn-out haben zugenommen», sagt Boris Zürcher. Bild: Peter Schneider/Keystone

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Wie lange dauern Ihre Arbeitstage?
Ich arbeite rund zehneinhalb Stunden.

Sind Sie der Erste, der kommt, oder der Letzte, der geht?
Weder noch.

Wie kontrollieren Sie die Präsenz Ihrer Mitarbeiter?
Die meisten Leute stempeln. Ich selber dokumentiere meine Arbeitszeit summarisch. Das sieht das bundeseigene Modell der Vertrauensarbeitszeit so vor. Dafür hat man wahlweise entweder zwei Wochen mehr Ferien zugute oder mehr Lohn.

Was wählten Sie?
Man sagte mir, dass in meiner Funktion mehr Ferien eine Illusion seien. So wählte ich den Lohnzuschlag.

Wäre dieses Modell eine Lösung für die Privatwirtschaft?
Je nach Funktion, ja. Das Modell macht Sinn für Kader, die ihre Zeit selber gestalten können. Bei der überwiegenden Mehrheit der Arbeitskräfte ist dies aber nicht der Fall. Eine Verkäuferin etwa muss zu einer bestimmten Zeit antreten und hat vorgeschriebene Pausenzeiten.

Und für Büroarbeit?
Auch in Büros sind viele Leute nicht frei. In der Schweiz arbeiten rund 17 Prozent soweit selbstbestimmt, dass für sie Vertrauensarbeitszeit infrage kommt. In diesem Fall kann die Zeiterfassung erleichtert werden. Das heisst aber nicht, dass das Arbeitsrecht und die zugehörigen Regulierungen nicht gelten.

Arbeitgeber und Gewerkschaften streiten sich um eine Ausweitung der Vertrauensarbeitszeit.
Es gab eine Verunsicherung, ob die Pflicht zur Zeiterfassung noch bestehe. Das Seco hat kurz vor Weihnachten eine Weisung erlassen: Die Arbeitgeber müssen dafür sorgen, dass die täglichen Arbeitszeiten weiterhin erfasst werden. Wir haben jedoch eine kleine Erleichterung festgehalten: Die sogenannte Lage (Beginn, Ende, Pausen) muss bei höheren Kadern nicht aufgezeichnet werden. Sie müssen die Arbeitszeit nur summarisch dokumentieren. Eine totale Flexibilisierung gibt es aber nicht. Kontrollen werden nach wie vor durchgeführt.

Woher rührte die Unsicherheit?
Sie war wohl die Folge eines Pilotprojekts bei sieben Banken von 2009 bis 2011. Im Büroalltag wurde getestet, ob es Probleme gibt und ob sie zulasten der einen oder anderen Seite gehen. Die Auswertung ergab stark divergierende Ansichten zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite.

Gibt es ein Kontrollmoratorium?
Es gab aber weder ein generelles Abrücken von der Zeiterfassungspflicht noch ein generelles Kontrollmoratorium. Zu lösen bleibt sicher die Diskrepanz zwischen Gesetz und der gelebten Arbeitswelt. Nicht jede Pause und jedes in der Freizeit beruflich geführte Telefonat wird heute erfasst. Dies erleichtert den Arbeitgebern die Planung. Die gelebte Flexibilität wird auch von vielen Arbeitnehmern geschätzt.

Der Präsident der kantonalen Arbeitsinspektoren sagte, dass Menschen ohne Kontrolle länger arbeiteten und deshalb häufiger krank seien. Was sagt man im Seco dazu?
Die Übergänge zwischen Arbeit und Freizeit sind in gewissen Branchen fliessend. Wir sind in der Freizeit oft beruflich erreichbar. Psychosoziale Risiken wie Stress und Burn-out haben zugenommen. In diesem Zusammenhang sieht das Seco Handlungsbedarf. Es wird im 2014 einen Schwerpunkt dazu setzen.

Als Sie noch bei Avenir Suisse waren, sagten Sie, dass man in der Schweiz nicht mehr so produktiv arbeite wie früher. Warum?
Bei der Anzahl Arbeitsstunden pro Kopf liegen wir im Mittelfeld der OECD-Länder. Wir unterscheiden uns aber dadurch, dass überdurchschnittlich viele Leute im Erwerbsleben stehen. Der sich daraus ergebende hohe Arbeitseinsatz ist ein wesentlicher Grund für den Reichtum der Schweiz.

Aber wir sind weniger produktiv?
Der Vergleich gilt gegenüber den 60er- und 70er-Jahren. Früher dominierte die Industrie, heute sind es Dienstleistungen, deren Produktivität schwierig zu messen ist. Das Produktivitätswachstum sank aber auch, weil der starke Franken unsere Exportprodukte teurer macht. Die Wettbewerbsfähigkeit nahm ab.

Ohne dass Leute entlassen wurden.
Viele Unternehmen gerieten in Schwierigkeiten, aber sie hielten durch. Die Zahl der Arbeitslosen blieb tief: Dank dem Staat, der Kurzarbeit finanzierte, und dank den Firmen, die ihre Mitarbeiter behielten. 2013 gab es eine Umkehr: Der Franken schwächte sich leicht ab, die Wettbewerbsfähigkeit und damit die Produktivität stiegen wieder leicht.

Der liberale Schweizer Arbeitsmarkt führt also nicht zu Hire and Fire?
Richtig. Hierzulande arbeiten viele hoch qualifizierte Arbeitnehmer. Diese entlässt man nicht leichten Herzens, denn eine spätere Wiedereinstellung, wenn die Konjunktur anzieht, ist teuer. Flexibel ist der Markt vor allem, weil er zulässt, dass die Jungen Jahr für Jahr eine Stelle finden. Das sind rund 7 Prozent aller Angestellten, während nur rund 5 bis 6 Prozent ältere Arbeitnehmer ausscheiden. Das ist in Europa einmalig.

Sie sind Anhänger offener Grenzen und internationaler Konkurrenz, auch auf dem Arbeitsmarkt.
So absolut würde ich das nicht sagen. Mit den flankierenden Massnahmen zur Personenfreizügigkeit haben wir einen für Europa modellhaften Ausgleich gefunden. Sie setzen auf eine Überwachung der Arbeitsbedingungen durch die Sozialpartner. Es gibt zwar Länder, in denen prozentual mehr Leute einem Gesamtarbeitsvertrag unterstellt sind als in der Schweiz. Aber dort kontrolliert der Staat die Lohnbedingungen.

Stimmen die Gerüchte, wonach die EU die flankierenden Massnahmen reduzieren will?
Das war in der Vergangenheit so. Die EU-Kommission hat vor Weihnachten eine Durchsetzungsrichtlinie zur Entsenderichtlinie verabschiedet. Sie muss noch vor den EU-Rat. Für die Schweiz erfreulich ist, dass es eine offene Liste der flankierenden Massnahmen geben wird. Die Schweiz wird sich einbringen können.

Es gibt immer wieder Fälle von Lohndumping. Hat die Kontrolle Mängel?
Wir kontrollieren nicht im Voraus, sondern erst am Einsatzort. Wir stellen fest: Es gibt keinen systematischen Lohndruck und keine systematische Erosion der Arbeitsbedingungen. Die Lohnentwicklung ist ausgeglichen.

Die Gewerkschaft Unia sagt, dass bereits Einzelfälle das Preis- und Lohnniveau drücken.
Es gibt solche Einzelfälle, aber der generelle Trend bestätigt diese Befürchtung nicht. Im Vollzug gibt es durchaus Probleme. Einzelne paritätische oder tripartite Kommissionen sind nicht auf der Höhe ihrer Aufgabe. Massive Verfehlungen gibt es aber nicht. Ich warne davor, die flankierenden Massnahmen schlechtzureden: Die Sozialpartner sind am Vollzug mitbeteiligt, und ihre Kritik fällt auf sie selber zurück.

Sie meinen die Gewerkschaft Unia.
Auch sie trägt die flankierenden Massnahmen mit und muss die gemeinsam definierten Prozesse einhalten. 640 Gesamtarbeitsverträge und ebenso viele Regeln erleichtern die Überprüfung der Arbeitsbedingungen sicher nicht. Die Sozialpartner kennen sie aber am besten und sollen sie deshalb überprüfen.

Aber da mischen die Kantone mit.
Sanktionen werden vom Staat ausgesprochen. Das ist rechtsstaatlich richtig so. Die Rolle der paritätischen Kommissionen ist, die vermuteten Lohnverstösse hinreichend zu dokumentieren und dem Kanton zu melden. Die Statistik zeigt, dass es viele vermutete Verstösse gibt, aber nur wenige sanktioniert werden müssen. Der Grund dafür sind vielfach nicht rechtsgültig erbrachte Beweismittel. Für die Akzeptanz der flankierenden Massnahmen ist es wichtig, dass diese rechtsstaatlich sauber umgesetzt werden.

Ausländische Arbeitgeber nehmen es offenbar weniger ernst.
Ausländische Entsandte und selbstständige Kurzaufenthalter leisten nur rund 0,6 Prozent des inländischen Arbeitsvolumens. Das ist wenig. Rund 200'000 Leute aus dem EU-Raum arbeiten im Schnitt etwa 45 Tage in der Schweiz. Das Ziel ist, die Hälfte davon zu kontrollieren. Die Solidarhaftung ist erst vor 6 Monaten eingeführt worden. Die Regeln zur Bekämpfung von Scheinselbstständigkeit gelten seit 2012. Wir sollten beiden Massnahmen eine Chance geben, bevor neue gefordert werden.

In diesem Jahr stimmen wir über die Einführung eines Mindestlohns von 4000 Franken ab. Welche Wirkung hätte ein Ja für die Löhne über dieser Schwelle?
Ein Ja würde zu einem Dominoeffekt führen. Wenn ein Lohn bei gleicher Funktion und Ausbildung von heute 3700 auf 4000 Franken erhöht wird, dann verlangen Mitarbeiter, die heute 4000 Franken verdienen, einen Lohn von beispielsweise 4300 Franken. Solche bei 4300 Franken wünschen dann 4600 Franken pro Monat. Der Effekt pflanzt sich fort. Die Hälfte aller Arbeitnehmer in der Schweiz verdient weniger als rund 6000 Franken. Viele wären von einem hohen gesetzlichen Mindestlohn betroffen.

Was würde die Einführung des Mindestlohns insgesamt kosten?
Eine Erhöhung würde weit mehr als nur die 9 Prozent jener Lohnbezüger betreffen, die heute weniger als 22 Franken pro Stunde oder bei Vollzeit 4000 Franken pro Monat verdienen. Die Kosten einer solchen Erhöhung wären weit grösser, als es die Befürworter sehen. Die simple Formel «durchschnittliche Lohnlücke mal Anzahl Leute unter 22 Franken Stundenlohn» zeugt von einem schlechten Verständnis sozioökonomischer Zusammenhänge.

Wer trägt die Kosten?
Sie würden allein den Arbeitgebern aufgebürdet. Rationalisierungsmassnahmen könnten schliesslich dazu führen, dass wenig Qualifizierte entlassen werden. Das würde auch die Arbeitslosenkasse und die Fürsorge belasten.

Die Binnenwirtschaft kann ja nicht ins günstigere Ausland ausweichen.
Ich kaufe fast alles in der Schweiz ein. Meine Anzüge, das Essen, meine Wohnung – alles bezahle ich hier. Der grösste Kostenblock einer Mindestlohnerhöhung würde im Inland anfallen. Sie würde zu einem guten Teil über höhere Konsumpreise kompensiert werden.

Trotz höherer Löhne wäre die Kaufkraft also die gleiche.
Richtig.

Erstellt: 03.01.2014, 07:04 Uhr

Boris Zürcher

Ökonom und Soziologe

Der 49-jährige Boris Zürcher ist seit letztem August Leiter der Direktion für Arbeit beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Er war zuletzt Chefökonom bei BAK Basel, davor fünf Jahre lang Vize bei Avenir Suisse. Boris Zürich ist Nationalökonom und Soziologe über den zweiten Bildungsweg. Er absolvierte eine Maschinenzeichnerlehre und studierte später an der Uni Bern. (val)

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