Mit Dogmen gebrochen

Der Internationale Währungsfonds galt einst als Kampforganisation des Neoliberalismus. Heute vertritt er die Standpunkte seiner früheren Kritiker.

IWF-Direktorin Lagarde vertritt eine Linie, die vor 2008 undenkbar war. Foto: Bloomberg

IWF-Direktorin Lagarde vertritt eine Linie, die vor 2008 undenkbar war. Foto: Bloomberg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Massnahmen gegen die Ungleichheit drängen sich auf. Das ist nicht die Forderung einer antikapitalistischen Frontorganisation, sie wurde soeben vom Internationalen Währungsfonds (IWF) erhoben – an der Frühjahrs­tagung der Organisation. Das Haupt­argument der IWF-Ökonomen: Die Ungleichheit schade dem Wirtschaftswachstum. Diese Einschätzung ist ein Bruch mit dem, was Ökonomen bisher mehrheitlich vertraten: Umverteilung gilt als Gift für Anreize zu besonderen Leistungen.

Das Aufbrechen ökonomischer Dogmen ist mittlerweile schon fast Programm beim IWF. Die einst heiligen geldpolitischen Grundsätze aus der Vorkrisenzeit stellt er offen infrage, kritisiert die Europäische Zentralbank für ihre Zurückhaltung und fordert eine höhere Inflation. Selbst gegenüber den harten Sparmassnahmen der Euroländer in der Krise zeigen sich die IWF-Ökonomen skeptisch. Sie halten eine Beschränkung des Kapital­verkehrs in bestimmten Situationen sogar für angemessen.

Schatten der Globalisierung

Es ist noch nicht lange her, dass der IWF eine ganz andere Position vertrat. Der Währungsfonds galt als Front­organisation zur Durchsetzung von  US-Finanzinteressen und als Hort neoliberaler Dogmen. Die Tagungen des Fonds waren Anlass für heftige Proteste. Das Buch des Wirtschafts­nobelpreisträgers Joseph Stiglitz «Die Schatten der Globalisierung» wurde 2002 zum Bestseller. Es war eine einzige Abrechnung mit der IWF-Politik in der Asienkrise, die 1997 ihren Anfang genommen hatte.

Dass Stiglitz auch Chefökonom der IWF-Schwesterorganisation Weltbank war, gab der Kritik besonderes Gewicht: Dem Fonds gehe es in seinen Hilfsprogrammen hauptsächlich darum, dass die von der Finanzindustrie der reichen Länder geliehenen Gelder zurückbezahlt würden. So werde eine unselige Spekulation belohnt, weil die scheinbar höheren – und darum besser verzinsten – Risiken in Wahrheit vom IWF mit Steuer­geldern abgesichert würden.

Länder wie Indonesien wurden damals aufgefordert, ihre Lebensmittelsubventionen zu streichen, was dort zu Aufständen und letztlich zum Sturz des Diktators Suharto führte. Die einzigen Länder, die einigermassen unbeschadet durch die Asienkrise kamen, waren China und Malaysia. Ihr Kapitalmarkt war nach aussen geschlossen (im Fall Chinas) oder wurde geschlossen (im Fall Malaysias). Beides widersprach der Medizin des IWF.

Umfassende Währungsreserven

Seither war allen Ländern klar: Es gibt nichts Schlimmeres, als in einer Krise auf den Währungsfonds angewiesen zu sein. Die Schwellenländer begannen umfassende Währungsreserven anzuhäufen. Die Folge waren gewaltige weltwirtschaftliche Ungleichgewichte, die mit zur jüngsten Finanzkrise beitrugen: Denn Reserven liessen sich nur durch Export­überschüsse anhäufen, denen auf der anderen Seite entsprechende Defizite – vor allem in den USA – gegenüber­standen. Weil die Reserven auch noch in der Weltwährung US-Dollar angelegt und in US-Staatsanleihen investiert wurden, wertete sich der Dollar nicht ab. Die Zinsen in den USA bleiben tief – zu tief, sodass sich eine riesige Immobilienblase in den USA bildete.

Die Ironie der Geschichte ist, dass der Internationale Währungsfonds 1944 kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs gegründet worden war, um solche Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft zu verhindern.

Der Gesinnungswandel beim IWF wird zuweilen mit den Franzosen an seiner Spitze erklärt: Tatsächlich setzte der Wandel mit Dominique Strauss-Kahn ein, der die IWF-Leitung 2007 übernahm. Seit 2011 ist Christine Lagarde am Ruder. Für die neuen Töne beim Fonds dürfte allerdings ein anderer Franzose mehr Ver­antwortung tragen: Chefökonom Olivier Blanchard, der seit 2008 beim IWF ist. In Konferenzen und in Studien hat er sich dafür ausgesprochen, einstige Gewissheiten seines Fachs über Bord zu werfen.

Selbst überflüssig gemacht

Eine Generalüberholung war beim Fonds ohnedies notwendig. Die Re­servenanhäufung der Schwellenländer hatte ihn bis zur Finanzkrise fast überflüssig gemacht. Die Krise selbst erzwang dann eine Neubeurteilung alter Gewissheiten. Denn es waren nun die überheblichen, tonangebenden west­lichen Staaten im Fonds, deren Wirtschaft sich als besonders labil erwies.

Erstellt: 22.04.2014, 07:16 Uhr

Artikel zum Thema

Macht die EZB zu wenig für die Konjunktur?

Never Mind the Markets Der Internationale Währungsfonds fordert von der Europäischen Zentralbank offen, Massnahmen zu treffen, um die Konjunktur anzukurbeln. EZB-Präsident Mario Draghi lässt die Kritik auflaufen. Zum Blog

Laut IWF bleiben die Zinsen auch in Zukunft tief

Auch wenn die Notenbanken künftig ihre Leitzinsen wieder erhöhen, dürfte der Anstieg des Zinsniveaus bescheiden bleiben. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Geldblog So riskant ist die Osram-Übernahme für AMS
Sweet Home Willkommen im Weihnachtswunderland

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Ein Märchen aus Lichtern: Zum ersten Mal findet das Internationale Chinesische Laternenfestival «Fesiluz» in Lateinamerika, Santiago de Chile statt. Es dauert bis Ende Februar 2020. (3. Dezember 2019)
(Bild: Alberto Walde) Mehr...