Meinung

Nicht Fett, sondern Zucker muss besteuert werden

Die Dänen haben eine umstrittene Fettsteuer wieder abgeschafft. Doch nicht die Steuer war falsch, sondern die Substanz.

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Man kann die Abschaffung der Fettsteuer in Dänemark aus einem Missverständnis bejubeln: Es war kein Sieg gegen den Nanny-Staat, und es waren nicht vernünftige, konservative Pragmatiker, die eine rot-grüne Schnapsidee wieder rückgängig gemacht haben. Es war umgekehrt: Die Fettsteuer war das Kind einer nationalkonservativen Regierung und ist jetzt von Sozialdemokraten ausser Kraft gesetzt worden.

Doch das ist nicht der Punkt: Hinter der Idee einer Fettsteuer steht nicht parteipolitisches Geplänkel, sondern eine neue Strategie zur Lenkung der Gesellschaft. Sie heisst «Nudge» und wurde von dem Ökonomen Richard Thaler und dem Juristen Cass Sunstein bekannt gemacht. «To nudge» heisst auf Deutsch: jemanden sanft schubsen.

Ökonomie trifft Psychologie

Sunstein und Thaler gehören einer neuen Richtung in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an, den sogenannten Behavioral Economics. Sie versuchen, die klassische Ökonomie mit der modernen Psychologie unter einen Hut zu bringen, und gehen dabei von folgenden Überlegungen aus: Menschen handeln oft unvernünftig, nicht nur wenn es um Sex oder Drogen geht. Sie lassen sich auch leicht manipulieren. Das kann missbraucht werden, beispielsweise in der Werbung oder der politischen Propaganda.

Das kann aber auch zum Vorteil der Menschen verwendet werden, beispielsweise indem man uns in der immer komplexer werdenden Gesellschaft auf den richtigen Weg schubst. Dank dem Nudging schliessen wir bessere Versicherungen ab, verschandeln unsere Umwelt nicht und ernähren uns gesund. Thaler und Sunstein plädieren für eine Art liberalen Paternalismus, für eine unsichtbare kulturelle Architektur, die uns führt, ohne uns zu versklaven.

Ein Schubser geht daneben

Die dänische Fettsteuer war ein klassisches Beispiel einer solchen Schubserei. Sie diente nicht dazu, eine marode Staatskasse zu sanieren, sondern war gedacht als Waffe im Kampf gegen die grassierende Fettleibigkeit. In dieser Funktion ist sie offensichtlich gescheitert: Die Dänen haben nicht weniger Fett gegessen, sondern sie haben ganz einfach das Fett im benachbarten fettsteuerfreien Ausland gekauft. Haben sie damit auch dem liberalen Paternalismus eine Abfuhr erteilt? Nur bedingt.

Dass in modernen Gesellschaften die Menschen immer dicker werden, ist eine offensichtliche Tatsache. Das hat nicht nur Folgen für die Volksgesundheit, das kostet auch gewaltig viel. Gute Gründe sprechen dafür, die Menschen mittels Nudging zu verleiten, sich sinnvoller zu ernähren. Mit dem Fett haben die Dänen ganz einfach den falschen Bösewicht erwischt. Fett enthält zwar mehr als doppelt so viele Kalorien wie Eiweiss oder Kohlenhydrate, doch die Ernährungswissenschaftler sind sich inzwischen nicht mehr einig, ob Fett uns auch dick macht. Einigkeit herrscht jedoch, dass Zucker des Teufels ist. Wenn schon, brauchen wir daher eine Zucker- und nicht eine Fettsteuer.

Die USA gehen auf Zucker los

In den USA wird mit einer solchen Zuckersteuer im Kampf gegen die Fettleibigkeit bereits experimentiert. Richmond und El Monte, zwei Städte in Kalifornien, wollen Süssgetränke mit einer Abgabe belegen. Süssgetränke sind Kalorienbomben und werden vor allem von Kindern und Jugendlichen getrunken. Die UNO und die wichtigsten amerikanischen Gesundheitsorganisationen unterstützen die Sodasteuer, die Lebensmittelindustrie bekämpft sie mit grossem finanziellem Aufwand. Dank einer Sodasteuer würden die relativ armen Städte gleich zwei Fliegen auf einen Streich erledigen: Sie würden die Kinder abhalten, Unmengen von Cola und anderen Süssgetränken zu trinken, und sie hätten das Geld, um diesen Kindern beispielsweise neue Schwimmbäder und andere Sportanlagen zu bauen und sie so zu mehr Bewegung zu animieren.

Die Stimmbürger werden über die geplante Sodasteuer abstimmen können. Damit ist auch der Vorwurf eines geplanten Nanny-Staates hinfällig: Bei einem Ja zu einer solchen Sodasteuer entscheiden sich die Menschen auch dafür, freiwillig geschubst zu werden. Das hätte dann nichts mit Parteipolitik zu tun, sondern mit Einsicht und Vernunft.

Erstellt: 14.11.2012, 12:07 Uhr

Philipp Löpfe ist Autor im Ressort Wirtschaft von Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

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