«Ohne Draghi gäbe es die Eurozone nicht mehr»

Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann erklärt, warum der Euro trotz Silberstreifen am Horizont fast nicht mehr zu retten ist.

Land am Abgrund: Italiens Wirtschaft stagniert seit zehn Jahren und ist total überschuldet. Im Bild: Ein Obdachloser vor einem Shop in Milano.

Land am Abgrund: Italiens Wirtschaft stagniert seit zehn Jahren und ist total überschuldet. Im Bild: Ein Obdachloser vor einem Shop in Milano. Bild: Luca Bruno/Keystone

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Herr Straumann, die Regierungskrise in Italien setzt den Euro unter Druck, gegenüber dem Franken ist die Währung so günstig wie seit Monaten nicht mehr. War die Erholung der Eurozone im Sommer nur ein Strohfeuer?
Tobias Straumann: Ja, das Vertrauen der Anleger ist immer noch sehr zerbrechlich. Nun wurde in Erinnerung gerufen, dass die Krise noch lange nicht ausgestanden ist. Italiens Wirtschaft stag­niert seit zehn Jahren, ist total überschuldet und hat ein schwaches Bankensystem.

Italien ist aber auch seit Jahren politisch instabil, eine Überraschung sind die neuerlichen Entwicklungen nicht. Woher kommt die Unsicherheit?
Die Anleger wissen: Wenn Italien in den nächsten Jahren vorwärtsmachen und zur Erholung der Zone beitragen will, muss die Regierung grosse Schritte machen. Und das ist – blickt man zurück – sehr unwahrscheinlich. Zig Probleme sind immer noch nicht gelöst.

Die Erholung der Eurozone im zweiten Quartal war also nur ein kleiner Lichtblick?
Nur weil eine Rezession technisch vorbei ist, heisst das noch gar nichts. Es spielt keine Rolle, ob die Wirtschaft um 0,3 Prozent wächst oder schrumpft. Es braucht tief greifende Systemänderungen, um eine Rezes­sion mit derartig schwerwiegenden Gründen zu überwinden.

Das Wachstum von 0,3 Prozent stellt den Durchschnitt der Wirtschaftsleistungen der Länder der Eurozone dar. Grob gesehen waren wohl «nur» Deutschland und vielleicht noch Frankreich die Zugkräfte?
Exakt. Der Durchschnitt sagt gar nichts über den Zustand einzelner Länder aus. Südeuropa befindet sich in einer Depression, es braucht ein ganzes Bündel an Massnahmen, damit diese Länder wieder zu Wachstum kommen.

Wird also ein weiterer Schuldenschnitt kommen?
Im Falle von Griechenland: ganz klar. Die Frage ist, wann und wie schnell er kommt. Er muss auf jeden Fall riesig sein. Spanien hat zwar Fortschritte bei der Exportwirtschaft gemacht, aber das reicht nicht, um die private Überschuldung rückgängig zu machen. Auch hier ist ein Schuldenschnitt also möglich.

Welchen Test muss die Eurozone in den nächsten Monaten bestehen, damit es überhaupt zu einer langfristigen Erholung kommen kann?
Der erste und wichtigste Schritt wäre das Beschliessen der Europäischen Bankenunion, einer zentralen und gemeinsamen Verantwortung für die Finanzaufsicht, einer Einlagensicherung und Sanierung von Kreditinstituten. Dies sollte relativ einfach zu implementieren sein, da bereits jedes Euroland eine eigene Abwicklung für alle Banken hat. Die Zeichen für die Bankenunion standen 2012 noch gut; jetzt allerdings gibt es Signale, dass sich die einzelnen Länder sogar darüber nicht einigen können.

Was bedeutet es für die Eurozone, wenn die Bankenunion scheitert?
Dann sehe ich schwarz. Wie gesagt, das ist der erste, wichtigste, aber auch einfachste Schritt. Wenn dieser nicht gemacht wird, geht auch alles andere bachab. Die gemeinsame Aufsicht besteht zwar bereits, aber das ist ja nur ein Element einer Bankenunion.

Apropos: Eine Forderung, die immer wieder auftaucht, ist, dass man die Bankenaufsicht nicht bei der Europäischen Zentralbank (EZB) ansiedelt, wie derzeit vorgesehen. Wäre das sinnvoll?
Grundsätzlich ist es ungünstig, wenn eine Zentralbank zu viele Aufgaben hat. Jedoch ist die EZB die einzige Ins­titution in der Eurozone, die noch handlungsfähig ist und eine grosse Autorität hat. Wenn die EZB Schwächen sieht im Bankensystem, werden auch Massnahmen ergriffen.

Vor einem Jahr sagte EZB-Chef Mario Draghi, dass er alles tun werde, um den Euro zu retten – im Notfall sogar unbegrenzt Anleihen der Krisenländer aufkaufen. Diese Willenskraft brachte wohl auch das Vertrauen der Anleger zurück.
Ich gehe noch weiter: Ohne Draghi gäbe es die Eurozone nicht mehr. Italien und Spanien hätten sich damals nicht mehr lange am Markt refinanzieren können. Das Vorgehen wurde von Deutschland stark kritisiert – Draghi beirrte dies nicht. Er verhinderte bis anhin mit verschiedenen Massnahmen, dass die Zone auseinanderbricht. Damit er weitermachen kann, bräuchte es nun die Einigung in Sachen Bankenunion.

Könnte man heute nicht Lehren aus der Geschichte ziehen, Fehler umgehen, die damals begangen wurden?
Nein, das ist das Problem. Eine multinationale Währungsunion oder ein Wechselkurssystem wurde noch nie zuvor von lediglich einer Zentralbank gesteuert. Zur Rolle der EZB kann man deshalb keine Parallelen ziehen. Fixe Wechselkurssysteme sind zwar nicht neu, das hat es schon gegeben, etwa das Europäische Währungssystem (EWS) oder den Goldstandard. Beide sind an der fehlenden Koordination zwischen den einzelnen Zentralbanken der Länder gescheitert; das EWS ist zusammengebrochen, weil sich die Deutsche Bundesbank und die Bank of England nicht einigen konnten. Dieses Problem kennt man heute nicht. Und gerade das macht die Eurokrise so gefährlich.

Inwiefern?
In ihrer Rolle als Zentralbank kann die EZB ein Zusammenbrechen jedes Mal verhindern. Das heisst aber nicht, dass sich die Divergenzen zwischen den einzelnen Ländern in Luft auflösen – im Gegenteil. Diese werden immer grösser, parallel zum Wachstum im Norden Europas hat sich die Schuldenlast im Süden kumuliert.

Euro-Optimisten verweisen meist auf die USA, um die historische Zwangsläufigkeit der Integration des Euros zu untermauern; es brauche nur noch ein wenig Zeit dafür. Schliesslich konnte in den USA die Währungsunion erst nach 150 Jahren vollendet werden. Hat der Euro noch so viel Zeit?
Nein, dieser Vergleich ist absurd. Wir leben heute in einer anderen Welt. Im 19. Jahrhundert wurde die Politik nicht für die Situation am Arbeitsmarkt verantwortlich gemacht; man sah diesen Zusammenhang noch nicht. Heute stehen die Regierungen in allen Ländern unter enorm hohem Druck. Angela Merkel wäre bei einer schlechten Wirtschaftsleistung sicher nicht wiedergewählt worden. Das Volk ist weniger geduldig und auch weniger gnädig – unangenehme politische Entscheide im Zusammenhang mit dem Euro werden deshalb herausgeschoben, weil dies zur Gefährdung der Wiederwahl führt. Man will diese Krise aussitzen, warten, bis sie sich in Luft aufgelöst hat – aber das wird nicht geschehen. Das ist keine wahre Rettungspolitik, sondern eher eine Stilllegungspolitik.

Hatte der Euro überhaupt jemals eine Chance, ökonomisch gesehen?
Ja sicherlich. Aber er funktioniert nur bei einem optimalen Zusammenspiel zwischen Zentralbank und politischen Massnahmen. Ich bin nicht gegen den Euro, aber wenn die nächsten Jahre so weitergemacht wird wie bisher und keine wichtigen Entscheidungen wie etwa jene zum Beschliessen der Bankenunion getroffen werden, wird ein immens hoher Schaden angerichtet.

Wie lange hat der Euro noch Zeit?
Ich würde niemals darauf wetten, aber ich bin nicht sicher, ob es den Euro in der heutigen Zusammensetzung in zehn Jahren noch gibt. Gehen wir mal davon aus, dass die südlichen Länder in den nächsten fünf Jahren weiterhin kränkeln und in Brüssel keine entscheidenden Massnahmen gefällt werden, wird ein Zinsanstieg – und der wird kommen – praktisch nicht zu bewältigen sein. Dann wird es richtig heftig.

Kann die EZB die Zinsen nicht unbestimmt lange tief halten?
Nein, da sie sich von der US-Notenbank nicht gänzlich abkoppeln kann. Die USA werden zwar zuwarten mit einer Anhebung der Zinsen, aber irgendwann wird das Realität. Und spätestens dann kommt die nächste Belastungsprobe für die Eurozone.

Besteht noch die Möglichkeit des Austritts eines Eurolandes?
Absolut. Italien – aus politischen Gründen – wäre eine Möglichkeit. Das Land findet keinen Konsens und wächst seit Jahren nicht mehr. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Italien weitere zehn Jahre Nullwachstum aufweist, ohne dass politisch gegen den Euro vorgegangen wird.

Morgen hält die EZB Ratssitzung. Was muss oder wird Draghi verkünden?
Das Hauptproblem sind derzeit die hohen Kreditzinsen für Unternehmen etwa in Italien oder Spanien, die sich nicht mehr nach unten bewegen. Eventuell verkündet Draghi diesbezüglich Massnahmen. Vielleicht wird auch eine neu Bankenstützungsaktion lanciert, aber das wäre eher eine Überraschung.

Erstellt: 01.10.2013, 11:52 Uhr

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Tobias Straumann ist Wirtschaftshistoriker und lehrt an den Universitäten Basel und Zürich. Am Donnerstag, 3. Oktober 2013, hält er im Schweizerischen Wirtschafts­archiv, Peter-Merian-Weg 6, in Basel einen Vortrag zum Thema «Ist die Eurokrise schon zu Ende?». Die Veranstaltung beginnt um 18.15 Uhr, der Eintritt ist frei. (Bild: Keystone Alessandro Della Bella)

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