«Rekorde sind bald wieder ein Thema»

Die Ukrainekrise hat in den letzten Wochen für Kursstürze gesorgt. Jetzt ist Ruhe eingekehrt. War es das bereits mit der grossen Korrektur? Dazu der Anlagestratege Gabriel Bartholdi von J. Safra Sarasin.

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Herr Bartholdi, die Börsen sind in den letzten Wochen eingebrochen. Wie dramatisch ist die Lage?
Man muss das Bild vom Kurssturz etwas relativieren. Der Schweizer Markt hat gut 5 Prozent verloren: Im historischen Vergleich ist das eigentlich nicht so viel. Am stärksten betroffen war der deutsche Aktienindex mit einem Minus von zeitweise 11 Prozent. Auch der französische Markt hat mit 9 Prozent gelitten. Aber in den USA, wie auch in den Schwellenländern, waren die Einbussen geringer.

Drohen weitere Verluste, wenn der Ukrainekonflikt erneut eskaliert?
Ausgeschlossen ist dies nicht. Aber wir rechnen nicht mit einer erneuten Korrektur von 10 bis 20 Prozent. Die fundamentalen Konjunkturdaten sind zu solide. Der Aufschwung verläuft zwar in Europa weiterhin langsamer, als viele Marktteilnehmer erwartet hatten. Aber Fakt ist: Die Wirtschaft erholt sich, allen voran in den USA.

Die US-Börse notiert nur 3 Prozent unter dem Jahreshoch. Wie geht es dort weiter?
Rekorde könnten durchaus bald wieder ein Thema werden. Zumal es im Tiefzinsumfeld noch immer kaum Alternativen zu Aktien gibt. Zwar haben sich die Grossinvestoren mehrheitlich bereits mit Aktien eingedeckt. Trotzdem gilt: Wer Geld am Finanzmarkt verdienen will, kommt nicht um Aktien herum. Insofern dürften sich die Kurse nach den jüngsten Verlusten relativ rasch erholen.

Wie sieht es mittelfristig aus? Rücken die Zentralbanken wieder in den Fokus?
Die Zinswende ist ein Damoklesschwert – wir erwarten sie in etwa im ersten Halbjahr 2015 in den USA, in Europa einiges später. Momentan sind die Märkte gegenüber dieser Drohung allerdings taub.

Welche Folgen hat die Zinswende? Sind Aktien ein Spiel auf Zeit?
Nicht zwingend. Zinserhöhungen durch die Zentralbanken führen nicht automatisch zu Kursverlusten. Sie sind nichts Negatives, solange die Konjunktur anzieht. Ein Problem wären steigende Zinsen nur, wenn sie auf eine fragile Wirtschaft träfen. Wir gehen davon aus, dass die Zentralbanken – allen voran die Federal Reserve – dies berücksichtigen. Die Zinsen dürften weder besonders schnell noch besonders stark steigen.

Das heisst, man kann ruhig einsteigen.
Den optimalen Einstiegszeitpunkt zu definieren, ist sehr schwierig. Mittelfristig rechnen wir jedoch mit einer Sektorrotation. Im Zuge des Aufschwungs ist eine Rotation von defensiven in zyklische Titel zu erwarten: das heisst, global aufgestellte Industriefirmen wie ABB. Sie werden stärker von der anziehenden Konjunktur profitieren als etwa die defensiven Aktien von Nestlé, Roche oder Novartis. Auch wenn diese Firmen robuste Gewinne erzielen, dürften sie dann aus relativer Sicht weniger attraktiv sein. Finanztitel sind ein Thema für sich, hier ist weiterhin eine gewisse Vorsicht angebracht.

Was ist Ihr Eindruck von den jüngsten Halbjahreszahlen?
In der Schweiz läuft es grundsätzlich gut, auch in den USA haben die Unternehmen ihre Gewinne steigern können. Europäische Unternehmen sind bei der Entwicklung etwas zurückgeblieben, was im gegenwärtigen Umfeld keine wirkliche Überraschung ist. Entsprechend sind die europäischen Aktien im Vergleich zu Titeln aus den USA etwas günstiger zu haben – besonders nach den jüngsten Korrekturen. Doch die Anleger betrachten Europa heute nüchtern. Es ist nicht mehr das heisse Anlagethema, das es noch Anfang dieses Jahres war. Wir erwarten deshalb auch kein Rally, wie es im letzten Jahr stattgefunden hat, sondern eine moderate Fortsetzung des Aufwärtstrends.

Erstellt: 12.08.2014, 12:31 Uhr

Händler bringen sich in Stellung: Innenansicht der New Yorker Börse. (Bild: Reuters )

Gabriel Bartholdi ist Anlagestratege bei der Bank J. Safra Sarasin. (Bild: PD)

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