Sein ganzes Leben ist ein Superlativ

Der Investor Jordan Belfort, bekannt als «Wolf of Wall Street», reist als Redner um die Welt. Und wird reich dabei.

«Weil ich so gut bin»: Jordan Belfort hat einen Tagesansatz von 100'000 Dollar.

«Weil ich so gut bin»: Jordan Belfort hat einen Tagesansatz von 100'000 Dollar. Bild: Keystone

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Als dem jungen Jordan Belfort ein komfortables Leben versprochen wird, steht er sofort auf - und geht. Denn er will mehr als ein komfortables Leben, viel mehr. Der junge Mann, der da in der Begrüssungsveranstaltung für angehende Zahnmediziner an der Uni Baltimore sitzt, will reich werden. Und zwar sofort.

Heute, 30 Jahre später, steht er auf der Bühne unter der prunkvollen Kuppel der Frankfurter Festhalle. Und als er diese Geschichte mehr brüllt als erzählt, flippen die Leute zum ersten Mal an diesem Abend aus. Für solche Geschichten lieben sie ihren Jordan - so nennen sie ihn, als sei er ein alter Freund. Schliesslich haben sie alle dieses Ziel: reich werden. Nicht glücklich, nicht gelassen oder irgendwie ein besserer Mensch, sondern einfach nur reich wollen sie werden. Sonst kann man das ja nicht so offen zugeben, aber hier ist es okay. Auch der Jordan sagt es ja immer wieder: «Money is wonderful.» Und als er seinen Zuhörern dann auch noch zuruft, es sei ganz einfach, reich zu werden, da hat er sie.

Schliesslich ist er nicht irgendjemand, dieser Jordan Belfort, der da vorne in seinem gut geschnittenen schwarzen Anzug auf der Bühne steht. Nicht irgendeiner aus diesem Heer an Motivationstrainern, die mit ihren Vorträgen durchs Land reisen. Jordan Belfort, inzwischen 52, ist der Wolf. Sein exzessives Leben war die Vorlage für Martin Scorseses Blockbuster «The Wolf of Wall Street». Belfort wird darin von Leonardo DiCaprio gespielt, der Film ist der erfolgreichste in Scorseses sehr erfolgreicher Karriere. Nur Superlative bei Belfort.

Orgie aus Geld, Drogen, Betrug und Grössenwahn

Ob er wirklich jemals als Wolf bezeichnet wurde oder ob er sich den Titel selbst gegeben hat, ist nicht ganz klar. Aber es klingt gut, und als begnadeter Verkäufer weiss Belfort, wie wichtig so etwas ist. Natürlich nannte man ihn so, sagt Belfort. Genauso wie er beteuert, dass es so gewesen sei, wie der Film es zeigt, damals in den Neunzigern: eine obszöne Orgie aus Geld, Drogen, Betrug und Grössenwahn.

Nachdem er vor einer Zukunft als Zahnarzt geflohen war, wurde er Fleischverkäufer zu Hause in New York. Mit einer Kühlbox zog er von Tür zu Tür. Gleich am ersten Tag pulverisierte er den Verkaufsrekord in der Firma. Nach ein paar Wochen machte er sich selbständig, nach einem Jahr hatte er ein Unternehmen mit 26 Lieferwagen. Eine typische Belfort-Story.

Dass er kurz darauf pleiteging, ist in seiner Erzählung nur der Auftakt zu einer noch besseren Geschichte. Denn was tut ein junger New Yorker ohne Ausbildung, der schnell reich werden will? Er geht an die Wall Street. Im Vorstellungsgespräch dreht er seinem Gesprächspartner eine Aktie an. Natürlich wäre er in der ehrwürdigen Brokerfirma bald ein erfolgreicher Händler geworden, vermutlich der beste an der Wall Street oder gleich der ganzen Welt. Doch sein erster Arbeitstag war der 19. Oktober 1987, der Schwarze Montag. Der Dow Jones krachte ein, Belforts neuer Arbeitgeber war pleite.

Also wieder ein Neuanfang, jetzt bei einer halbseidenen Truppe, die wertlose Aktien an ahnungslose Kleinverdiener verhökert. Wieder findet Belfort, dass er zu gut ist, um für andere zu arbeiten, und macht sich selbständig. Bald hat er, was er immer wollte: einen Palast in den Hamptons, Sportwagen, Yacht, Hubschrauber. Belfort nennt es «das Leben», als sei alles andere nichts als trauriges Dahinvegetieren.

Kein Wort über seine Opfer

Leider sei ihm die Sache dann etwas entglitten, Schritt um Schritt, und natürlich nie mit böser Absicht, beteuert Belfort heute, die rechte Hand auf dem Herzen. Aber all die Drogen und überhaupt, so machten es doch alle. Er könnte heute Milliardär sein, wenn er nur rechtschaffen geblieben wäre. Durch seine Fehler aber habe er alles verloren. So sieht Reue bei Belfort aus. Kein Wort über Hunderte Opfer, die durch ihn ihre Altersvorsorge verloren.

Etwa 1500 Anleger erleichterte er um etwa 200 Millionen Dollar. Mit aggressiven Verkaufsmethoden brachte er sie dazu, in wertlose Aktien zu investieren, die er zuvor selbst gekauft hatte. Kaum trieb das Geld seiner Kunden den Kurs nach oben, schlug Belfort die Papiere mit enormen Gewinnen los. Seinen Opfern blieben nur Verluste. Nichts daran war besonders klug ausgetüftelt, dasselbe hatten schon viele vor ihm gemacht. Belfort war wohl einfach schamloser als andere und hatte vor allem den grösseren Willen, Geld zu verdienen.

Für 22 Monate landete Belfort im Knast, eine lächerliche Strafe auch für damalige Verhältnisse, als man in den USA noch etwas lässiger mit Finanzbetrügern umging. Belfort hat seine Partner verpfiffen, um schnell wieder in Freiheit zu sein. Um wieder zu verkaufen.

Viel wichtiger, als was man sage, sei das Wie

Nur, dass es heute keine Aktien sind, mit denen er Geld verdient, sondern Träume vom Reichtum. Als Motivationsredner und Verkaufstrainer reist Belfort um die Welt. Er spricht vor Privatleuten und vor Topmanagern. 100'000 Dollar berechne er dafür am Tag, «und die zahlen sie ständig», sagt Belfort. Warum? «Weil ich so gut bin.»

Zumindest an diesem Abend ist niemand zu finden, der Belfort vorwerfen würde, dass er Geld scheffelt mit seiner kriminellen Vergangenheit. Im Gegenteil, es sei doch faszinierend, dass er nach seiner schwersten Niederlage wieder aufgestanden sei. So sieht man das hier: Wer wegen Betrugs in Haft kommt, der hat eine Niederlage erlitten - nicht moralisch, sondern finanziell. Stark, wenn er danach wieder zu Geld kommt.

Denn das Geldverdienen, das Verkaufen gilt an diesem Abend als etwas durch und durch Moralisches, als ein Wert an sich. Für Belfort ist das ganze Leben eine einzige Verkaufsveranstaltung. «Ob ich im Beruf Geld verdienen will, ob ich meinen Kindern etwas beibringen will oder ob ich meiner Frau ein guter Ehemann sein will - entweder ich verkaufe oder ich verliere.»

Auf seinem zweiten Weg zum Reichtum helfen seine Fans Belfort bereitwillig. Mindestens 100 Euro kostet ein Ticket für den Abend. Oder bis zu 1600 Euro, dafür liegen dann aber auch eine traurige Brezel und eine Banane unter Zellophanfolie am Platz bereit. Und nach dem Vortrag gibt es die Chance, Belfort für exakt 50 Minuten auf einem Empfang zu erleben.

Nichts als die üblichen Floskeln

In seinen Verkaufstrainings predigt Belfort, dass es höchstens zu zehn Prozent darum gehe, was man sage. Entscheidend sei allein das Wie. Wie genau er sich selbst an diese Regel hält, ist erstaunlich. Denn wenn all die fleissig mitschreibenden Zuhörer später am Abend noch einmal in ihre Kladden schauen, werden sie dort nichts finden als die üblichen Floskeln aus jedem Motivationsbüchlein: Dein Wille entscheidet. Du bist Herr deiner Welt, nicht Knecht der Umstände. Behalte dein Ziel im Auge. Es gibt unter den Menschen Enten und Adler. Die Enten quaken Ausreden daher, die Adler packen zu. Und ja, natürlich sind heute nur Adler im Saal, denn Enten würden sich das nie trauen. Das Publikum tobt.

Einer, der am lautesten jubelt, ist Thomas aus Wiesbaden. Seinen vollen Namen will er nicht nennen, die Leute sind so schnell neidisch. Mit seiner ganzen Mannschaft von vier Versicherungsmaklern sitzt er auf den guten Plätzen - denen mit Banane und Brezel. Das Ganze ist eine «Massnahme zum Teambuilding und zur Belohnung, das letzte Quartal ist sauber gelaufen», erklärt er. Dass es Thomas wichtig ist, ein Team zu formen, ist leicht zu erkennen. Geradezu unheimlich ähnlich sehen die Männer sich mit ihren akkurat ausrasierten Bärtchen, dem gesunden Teint und dem Firmenlogo auf dem weissen Hemdkragen. Die fünf Männer haben einen guten Abend, sie lachen, sie johlen und schlagen sich auf die Schulter. So geht es über drei Stunden, zumindest auf den teuren Plätzen, weiter hinten sitzen die Stillen, die Studenten, die Hausfrauen, die Rentner.

Sicherlich wäre nur ein Bruchteil der etwa 2400 Besucher gekommen, hätte es den Hollywood-Film nicht gegeben. Zwei Millionen Dollar soll Belfort für die Rechte kassiert haben. Und vielleicht ist das die grösste Meisterleistung des Verkäufers Jordan Belfort: dass er es geschafft hat, Martin Scorsese und Leonardo DiCaprio Werbung für sich machen zu lassen und dafür auch noch Geld zu bekommen.

Erstellt: 01.11.2014, 08:25 Uhr

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