So viel weniger verdienen Frauen in der Schweiz

Frauen verfügen heute über einen gleich guten oder höheren Bildungsstand als Männer – und erhalten trotzdem deutlich weniger Lohn.

Schwangerschaft ist einer der Gründe für das Lohngefälle zwischen Frauen und Männern: Besprechung in einem Büro in Zürich.

Schwangerschaft ist einer der Gründe für das Lohngefälle zwischen Frauen und Männern: Besprechung in einem Büro in Zürich. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wie hat sich die wirtschaftliche Gleichstellung zwischen Frau und Mann in der Schweiz in den letzten Jahren verändert? Welche Fortschritte wurden gemacht, und wo gibt es weiterhin Baustellen? Das hat das Bundesamt für Statistik (BFS) untersucht, heute wurden die Ergebnisse veröffentlicht.

Demnach haben die Frauen bei der Erwerbstätigkeit aufgeholt. Im Jahr 1991 arbeiteten noch 68,2 Prozent der 15- bis 64-jährigen Schweizerinnen. Heute sind es schon 79,9 Prozent. Im gleichen Zeitraum ist die Erwerbsquote der Männer von 91,1 auf 88,5 Prozent gesunken. Allerdings gehen Frauen viel häufiger einer Teilzeitarbeit nach: 59 Prozent der erwerbstätigen Schweizerinnen arbeiten Teilzeit. Bei den Männern sind es nur 17,6 Prozent.

Dabei verfügen gerade junge Frauen heute über einen gleich guten oder höheren Bildungsstand als junge Männer. Im Jahr 1999 hatte erst eine von zehn Schweizerinnen im Alter zwischen 25 und 34 einen Hochschulabschluss gegenüber 14,4 Prozent der gleichaltrigen Männer. 2018 betrugen die entsprechenden Anteile 42,3 Prozent bei den Frauen und 34,7 Prozent bei den Männern. Punkto Ausbildung haben die Frauen ihren Rückstand wettgemacht.

Trotzdem verdienen die Frauen immer noch deutlich weniger als die Männer. Gemäss den neusten Zahlen aus dem Jahr 2016 beträgt der Lohnunterschied im privaten Sektor im Durchschnitt 19,6 Prozent. Frauen verdienen also fast ein Fünftel weniger als Männer. Knapp die Hälfte dieser Differenz kann nicht durch objektive Faktoren wie Bildungsniveau, Anzahl Dienstjahre oder Ausübung einer Führungsfunktion erklärt werden.

Auch bei den Nettolöhnen der Vollzeitarbeitnehmenden sind deutliche Unterschied erkennbar: Im Jahr 2016 erhielten 16,5 Prozent der Frauen einen monatlichen Lohn von höchstens 4000 Franken, im Vergleich zu 5,3 Prozent der Männer. Einen Nettolohn von über 8000 Franken pro Monat hatten hingegen mehr als ein Viertel der Männer und nur 13,8 Prozent der Frauen.

«Bei der Lohngleichheit ist eine Stagnation oder sogar ein Rückschritt in der Entwicklung zur Geschlechtergleichstellung feststellbar», schreibt das BFS. Denn das Lohngefälle besteht über alle Wirtschaftszweige hinweg und fällt im Allgemeinen grösser aus, je höher die Hierarchiestufe der Stelle ist. Auch bei gleicher Bildung und gleichem Kompetenzniveau liegt der Lohn der Frauen tiefer als jener der Männer.

Neben dem unerklärten Anteil gibt es auch erklärbare Faktoren für die Unterschiede, etwa die längeren Unterbrüche von Frauen aus familiären Gründen beziehungsweise wegen Schwangerschaft und damit verbunden das Dienstalter und die Berufserfahrung, die das Lohngefälle zwischen den Geschlechtern beeinflussen. Der Fortschritt in der Gleichstellung von Frau und Mann erfolgt laut dem BFS deshalb über eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie eine gleichmässigere Aufteilung der Haus-, Familien- und Erwerbsarbeit. Heute ist das noch längst nicht der Fall.

Die Zuständigkeit für die Hausarbeit ist weiterhin ungleich verteilt. In fast 71 Prozent der Familien mit Kleinkindern wurde im Jahr 2013 die Hausarbeit hauptsächlich von der Frau übernommen. Die Erledigung durch beide Partner kam bei einem Viertel dieser Haushalte vor. Männer waren nur in 3,4 Prozent der Fälle hauptverantwortlich für die Hausarbeit. Und je älter das jüngste Kind, desto grösser ist das Ungleichgewicht.

Frauen investieren laut den BFS-Zahlen auch mehr Zeit als Männer für die meisten Tätigkeiten der Haus- und Familienarbeit, insbesondere für zeitaufwendige Aufgaben wie die Kinderbetreuung, die Mahlzeitenzubereitung und das Putzen – und dies, obwohl das traditionelle Familienmodell in den letzten Jahren deutlich abgenommen hat.

1992 waren in 59,2 Prozent der Paarhaushalte mit einem Kleinkind der Mann Vollzeit beschäftigt und die Frau nicht erwerbstätig. Mittlerweile ist das nur noch in 23,3 Prozent der Fall. Dafür gibt es mehr Familien, die eine ausgeglichene Erwerbsbeteiligung leben. In 9 Prozent dieser Haushalte arbeiten beide Teilzeit, 1992 kam das noch fast gar nicht vor.

Am weitesten verbreitet ist heute das Modell mit vollzeiterwerbstätigem Vater und teilzeitbeschäftigter Mutter, das in derselben Zeitspanne von einem Viertel auf rund die Hälfte dieser Familien zugenommen hat.

Erstellt: 06.05.2019, 15:01 Uhr

Artikel zum Thema

Männer erhalten doppelt so hohe Renten wie Frauen

Neue Zahlen zeigen, wie gross die Unterschiede zwischen den Geschlechtern bei den Pensionskassenbezügen sind. Sie lassen sich allerdings auch erklären. Mehr...

Wo die Frauen beim Bund mehr verdienen

Nicht einmal der Bund ist bei der Lohngleichheit der Geschlechter perfekt. Erstmals liegen detaillierte Zahlen vor. Selten verdienen die Frauen mehr. Mehr...

«Lohngleichheit ist eine Frage der Gerechtigkeit»

In Bern demonstrieren laut Organisatoren rund 20'000 Menschen für Lohngleichheit und gegen Diskriminierung. Mehr als 40 Organisationen haben sich beteiligt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...