Spanien drohen griechische Verhältnisse

Die Zinsen für Staatsanleihen haben Rekordhöhe erreicht. Die Menschen gehen auf die Strasse. Institutionen, Parteien und das Königshaus sind nicht mehr glaubwürdig.

Jetzt wackelt auch Spanien: Die Währungsunion droht wie ein Kartenhaus in sich zusammenzustürzen.

Jetzt wackelt auch Spanien: Die Währungsunion droht wie ein Kartenhaus in sich zusammenzustürzen. Bild: Martin Sutovec, Slowakei, Cagle Cartoons

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Die Zinsen für zehnjährige spanische Staatsanleihen haben mit knapp 7,4 Prozent einen neuen Rekord in der Euro-Ära erzielt. Auch die Zinsen der zweijährigen Staatspapiere klettern in immer luftigere Höhen. Diese Situation ist nicht lange aufrechtzuerhalten. «Es geht hart auf hart», sagt Nick Gartside, Chief Investment Officer von JP Morgan. «Zinsen über 7 Prozent sind zerstörerisch.»

Finanztechnisch gesehen sieht die Situation wie folgt aus: Der Euro hat keinen «lender of last resort», weil die Europäische Zentralbank – anders als etwa das US Fed oder die Schweizer Nationalbank – nicht für die Solvenz der einzelnen Mitgliedsländer bürgt. Deshalb werden die spanischen Staatsobligationen in Krisenzeiten von den Investoren wie Aktien behandelt. Je höher das Risiko eingestuft wird, desto stärker steigen die Zinsen.

Kleinsparer sehen zu, wie sich ihr Geld in Luft auflöst

Das Risiko ist in Spanien in den letzten Tagen massiv gestiegen. Die konservative Regierung von Mariano Rajoy ist bereits in grössten Nöten. Sie hat soeben ein knallhartes Sparprogramm verkündet. Und was selbst die eigenen Wähler auf die Barrikaden bringt: Sie hat zur Sanierung der Landessparkassen ein Programm aufgelegt, dass vor allem den Mittelstand zur Kasse bittet. Rund 700'000 Kleinsparer müssen hilflos zusehen, wie sich ihre Ersparnisse in Luft auflösen.

Die politische Reaktion lässt nicht auf sich warten. Über das Wochenende haben im ganzen Land spontane Demonstrationen stattgefunden. Bergarbeiter, Beamte und Feuerwehrleute sind auf die Strasse gegangen. Zudem befinden sich Spaniens Jugendliche in einem permanenten Protestzustand. Kein Wunder, jeder zweite von ihnen ist arbeitslos. Seit rund einem Jahr gibt es daher eine Bewegung mit dem Namen «indignados», die Empörten. Diese Jugendlichen fühlen sich keiner Partei zugehörig, aber ihre Proteste werden an Intensität noch zunehmen. «Jeden Tag wird irgendwo etwas los sein, bis die zurücktreten», droht die 27-jährige Sofia in der «Financial Times».

Und der König jagt lieber Elefanten

In Spanien droht eine Wiederholung eines politischen Zerfalls, wie ihn Griechenland bereits erlebt hat. «Das ist die schlimmste Krise, seit die neue Verfassung von 1978 in Kraft ist», sagt Jesus Ceberio, ehemaliger Chefredaktor der Zeitung «El Pais». «Ich fürchte, wir werden innerhalb eines Jahres ein Papandreou-Szenario haben.» Will heissen: Den etablierten Parteien laufen die Wähler in Scharen davon. Extrem linke und rechte Gruppierungen werden über Nacht zu Massenparteien. Inzwischen spitzt sich die Krise in Griechenland sogar dermassen zu, dass von einem nahen Bankrott des Staates die Rede ist.

Auch das spanische Königshaus hat seinen einst guten Ruf verloren. König Juan Carlos tritt in der Krise kaum in Erscheinung, sondern begibt sich lieber auf Grosswildjagd in Botswana. Sein Schwiegersohn ist in einen Finanzskandal verwickelt.

Europa bedeutet für viele Sparen, Rezession und Abstieg in die Armut

In Italien ist die Lage nicht viel besser. Kein Ausländer kauft mehr italienische Staatsanleihen, und die Banken haben bereits jetzt grosse Mühen, genügend inländisches Sparkapital aufzutreiben. Experten gehen davon aus, dass Rom schon im Herbst ebenfalls um Finanzhilfe bitten muss. Und wie in Spanien verliert die noch vor kurzem gefeierte Regierung des Technokraten Mario Monti täglich an Vertrauen bei der Bevölkerung. Auch in Rom besteht kein Mangel an Populisten und Demagogen, die von der Anti-Europa-Welle profitieren. Berlusconi lässt grüssen.

Sommerferien sind den Europäern heilig, auch den Politikern. Dieses Jahr dürften diese Ferien jedoch alles andere als entspannt sein. Auf dem aktuellen Zinsniveau haben weder Spanien noch Italien ein Interesse daran, im Euro zu bleiben. In beiden Ländern wird Europa zudem bei der Bevölkerung immer stärker mit Sparen, Rezession und Abstieg in die Armut gleichgesetzt. Man muss schon (deutscher) Ökonom sein, wenn man immer noch glaubt, diese Situation sei noch lange haltbar. Europas Politiker sollten daher ihren Urlaub am besten auf dem eigenen Balkon verbringen.

Erstellt: 23.07.2012, 12:06 Uhr

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