Trauen Sie keinem Goldexperten

Die Goldinitiative beruft sich auf spezielle «Gurus». Die Ansichten dieser Edelmetall-Euphoriker sind allerdings trügerisch – ebenso trügerisch wie die Initiative selbst.

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Kürzlich trat der SVP-Nationalrat und Mitinitiant der Goldinitiative, Luzi Stamm, an einer Podiumsveranstaltung auf. Der Rechtsanwalt und Ökonom erzählte dort von einer Begegnung mit einem Autostopper, den er vor kurzem auf der Heimfahrt mitgenommen hatte. Ein junger Amerikaner sei das gewesen – einer, der sich in seiner Ausbildung nie intensiv mit der Wirtschaft auseinandergesetzt, aber bezüglich der Goldinitiative trotzdem einen sehr einleuchtenden Satz gesagt habe. «Who has the gold, has the power.» Wer das Gold hat, hat die Macht. Das zeige doch, so Stamm, dass an der Goldinitiative etwas dran sei.

Mag sein, dass der unbekannte Europatourist mit seiner Intuition tatsächlich richtig liegt! Vielleicht endet die Wirtschaftsgeschichte der Industrienationen im 21. Jahrhundert wirklich in einer Spirale aus Schulden und Hyperinflation, so wie es die Initianten rund um Luzi Stamm suggerieren. Möglicherweise wird Gold in einigen Jahrzehnten auch tatsächlich wieder zum zentralen Anker der internationalen Geld- und Finanzarchitektur. Und eventuell wäre die SNB sogar gut beraten, sich bereits jetzt mit massiven Goldkäufen im Umfang von 70 Milliarden Franken auf dieses Szenario vorzubereiten. Wer weiss ...

Eine Geschichte voller Irrtümer

... allerdings schon, ob solche Ereignisse wirklich eintreffen? Die Erfahrung lehrt: Niemand weiss es mit Sicherheit. Die Geschichte des ökonomischen Denkens, speziell des Denkens auf den Finanzmärkten, ist voller Irrtümer. Von Missgriffen, auch von ihren eigenen, lassen sich gerade die selbst ernannten Goldexperten allerdings nicht beirren. Ein Vertreter dieser Spezies ist Marc Faber, ein auch als «Dr. Doom» bekannter Investor und bekennender Geniesser des thailändischen Rotlicht-Nachtlebens. Goldinitiant Lukas Reimann sieht ihn auch als «renommierten Finanzexperten» an. Faber, dessen Ruf auf einer glücklich getimten Prognose des Börsencrashs von 1987 basiert, prophezeit schon seit Jahren einen Anstieg des Goldpreises.

Zwischen 2001 und 2012 lag er damit auch richtig. Die Finanzkrise, die mit massiven Investorenängsten, mutigen Notenbankinterventionen und einer grossen Ausweitung der Geldmenge verbunden war, hatte den Goldpreis von 800 auf über 1900 Dollar in die Höhe gejagt. Allerdings sah der «Crash-Prophet» Faber auch Ende 2012 das gelbe Metall noch als sicheres Investment an und empfahl einen radikalen Bruch mit den Börsen: Gold kaufen, Aktien verkaufen. Tatsächlich haben die Aktienmärkte seither ein historisches Rally hingelegt. Zu Fabers Pech ist der Goldpreis umgekehrt um 35 Prozent eingebrochen. Mit knapp 1140 Dollar hat er gestern ein neues Vierjahrestief erreicht. Hier die historische Grafik dazu:

Verschwörungstheorien statt Berechnungen

Ein Markenzeichen der «Goldbugs» ist: Sie halten trotz Schwankungen an ihrer Meinung fest. Gerade diese Woche trat Faber wieder einmal auf dem Finanzsender CNBC auf und machte sich für sein Lieblingsinvestment stark. Vielleicht nicht morgen, vielleicht auch nicht übermorgen, aber sicher bevor er sterbe (Faber ist 68), werde Gold wieder deutlich an Wert gewinnen. Eine gewagte Prognose? Na ja. Irgendwann wird sie sich womöglich schon erfüllen. Weltwirtschaftliche Unsicherheiten, die meist mit Inflationsängsten verbunden sind, lassen den volatilen Goldpreis mit einer gewissen Regelmässigkeit an- und abschwellen, zuletzt beispielsweise in den Jahren 1980 bis 1982.

1981 war übrigens auch das Jahr, in dem Luzi Stamm sein Lizenziat in Ökonomie an der Uni Zürich erwarb. Goldpolitisch prägend für den Aargauer mussten die späten Neunziger und frühen Nullerjahre gewesen sein. Damals reduzierte die Nationalbank im Zuge der währungspolitischen Neuordnung ihre Goldbestände. Sie verkaufte das Edelmetall dabei just während des Zeitraums, als es am Finanzmarkt günstig gehandelt wurde. Darauf reitet Stamm heute herum. Wer wisse schon, auf Druck welcher geheimen Mächte diese Verkäufe wirklich erfolgt seien? Existiere das im Ausland gelagerte SNB-Gold womöglich gar nicht mehr? Statt mit konkreten Aussagen operiert Stamm lieber mit Suggestivfragen.

Viel Gold und wenig Macht für die SNB

Der clevere Politiker weiss wohl, dass sich ziemlich genau 50 Prozent der Prognosen historisch als falsch herausstellen. Im Archiv finden sich Beispiele dafür zuhauf. Nicht zutreffend war etwa die Ansicht jenes NZZ-Redaktors im November 2001, wonach der Goldpreis «in absehbarer Zeit kaum grosse Gipfel erklimmen» werde. Ähnliche Überlegungen stellte damals auch «Finanz und Wirtschaft» an, vielleicht unter dem Eindruck des damals zwanzigjährigen Gold-Sinkfluges. Einige Jahre später prophezeite ein Genfer Fondsmanager in derselben Zeitung zwar richtig, dass die einsetzende Hausse noch anhalten werde – allerdings nur bis 2009, dann sei der «Zyklus beendet». Am Zenit war der Goldpreis schliesslich erst 2012.

Kaum fundierter als die Goldpreisprognosen sind die damit zusammenhängenden Szenarien zum anstehenden Zusammenbruch des globalen Finanzsystems, die von den Initianten feilgeboten werden. Sie sind ebenso gewagt wie deren Behauptung, dass zusätzliches Edelmetall die SNB in diesen turbulenten Zeiten schützen könnte. Naheliegender scheint das Gegenteil: dass die Notenbank durch die nötigen Goldkäufe und das darauffolgende Verkaufsverbot erheblich eingeschränkt wäre. Aktuell stünden etwa der Euro-Mindestkurs und die Ausschüttungen an die Kantone zur Disposition, vielleicht müssten sogar Negativzinsen eingeführt werden. «The SNB has a lot of gold, but no power», müsste der Autostopper dann im Nachhinein feststellen.

Erstellt: 06.11.2014, 16:42 Uhr

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