«Viele Schweizer Banken kennen ihren CO2-Fussabdruck nicht»

WWF-Chef Thomas Vellacott hält das Engagement der Banken gegen den Klimawandel für unabdingbar. Doch die Branche verstehe Chancen und Risiken zu wenig.

Ein Ziel der Banken: Mit Investitionen den erneuerbaren Energien zum Durchbruch verhelfen. Foto: Arnulf Stoffel (Keystone)

Ein Ziel der Banken: Mit Investitionen den erneuerbaren Energien zum Durchbruch verhelfen. Foto: Arnulf Stoffel (Keystone)

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Herr Vellacott, der Finanzplatz Genf organisiert einen einwöchigen Gipfel und propagiert das Green Banking. Ist es den Bankiers ernst damit?
Es ist erfreulich, dass die Finanzindustrie Umwelt- und Sozialthemen heute stärker aufgreift. Problematisch ist, dass viele Finanzinstitute Nachhaltigkeit aber immer noch als Nischenthema behandeln.

Sind die Banken zu langsam?
Von ein paar wenigen Pionieren abgesehen, ja. 2015 beschloss die UNO weltweit gültige Ziele für eine nachhaltige Entwicklung, die sogenannten Sustainable Development Goals. Diese Ziele gilt es bis 2030 zu erreichen. Da bleibt keine Zeit zu zögern. Der Finanzsektor spielt bei der Umsetzung der UNO-Nachhaltigkeitsziele eine zentrale Rolle, da er sie mit seinen Entscheiden, was er finanziert und was nicht, entweder beschleunigt oder verlangsamt. Wir befinden uns dabei mitten in einem Prozess des tiefgreifenden Wandels, der die Weltwirtschaft so stark verändert wie die Industrielle Revolution.  Diejenigen werden gewinnen, die diesen Wandel frühzeitig erkennen und mitgestalten.  

Sie kritisieren, dass Banken weiter in die Produktion nicht erneuerbarer Energien investieren.
Wenn wir die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens ernst nehmen, besteht für Investitionen in fossile Infrastruktur kein Platz mehr. Ausserdem ist die Stromproduktion mithilfe von Windkraft oder Sonne bereits heute in zwei Dritteln des Weltmarkts günstiger als die Produktion mit fossilen Energieträgern. Je länger wir weltweit den Wandel zur Produktion erneuerbarer Energien aufschieben, desto grösser sind die Kollateralschäden für die Wirtschaft und die Umwelt. Dieses Risiko müssen die Banken erkennen und entsprechend handeln.

Der Markt mit Green Bonds wächst stark. Das ist dochein gutes Zeichen.
Durchaus. Aber wenn ein Markt rasch wächst, erhöht sich auch das Risiko von «Greenwashing», dass zum Beispiel angeblich grüne Anleihen angeboten werden, mithilfe derer dann aber Kohlekraftwerke finanziert werden. Diese Gefahr bietet eine Chance für den Schweizer Finanzsektor, nämlich, sich zu differenzieren, indem er auf hohe Qualität setzt, sodass Kundinnen und Kunden sicher sein können, dass auch grün drin ist, wo grün draufsteht. Banken können aber nicht ein paar schöne grüne Nischenprodukte anbieten, während sie in ihrem Kerngeschäft Kohle, Öl und Gas oder die Abholzung von Tropenwäldern finanzieren. Damit ist man heute am Markt nicht mehr glaubwürdig.

Was muss sich noch ändern?
Die Banken müssen die Chancen und Risiken verstehen, die die Umsetzung der UNO-Nachhaltigkeitsziele und der Klimawandel mit sich bringen – und zwar in ihrer gesamten Tätigkeit, also in der Finanzierung genauso wie in der Vermögensverwaltung. Welchen positiven Beitrag können sie leisten? Wo besteht Handlungsbedarf, weil ihre Tätigkeiten eine negative Wirkung erzeugen? Welche Ziele setzen sie sich und bis wann? Ich bin erstaunt, wie viele Schweizer Banken heute immer noch nicht wissen, wie gross der CO2-Fussabdruck ihrer Tätigkeiten oder deren Auswirkung auf die Biodiversität ist. Deshalb können sie auch ihre Kunden nicht über den Umgang mit diesen Risiken beraten. Der Versicherungssektor ist da schon deutlich weiter. 

Schweizer Banken präsentieren sich als weltweite Leader der grünen Wirtschaft. Stimmt das?
Ein paar Pioniere gibt es schon, der Mehrheit der Banken steht die Integration von Nachhaltigkeit ins Kerngeschäft aber noch bevor. Das darf man allerdings nicht alleine den Banken anlasten. So spielt etwa in Frankreich oder Grossbritannien der Regulator eine viel aktivere Rolle beim Umgang mit Klimarisiken. Die Bank of England hat dieses Jahr angekündigt, britische Banken systematisch auf Klimarisiken zu untersuchen. Davon sind wir in der Schweiz noch weit entfernt. Das gestiegene Interesse an Nachhaltigkeit bietet für den Schweizer Finanzsektor eine grosse Chance – allerdings nur, wenn er auf Qualität und glaubwürdige Standards setzt und Nachhaltigkeit im Kerngeschäft verankert.

Erstellt: 11.10.2019, 20:14 Uhr

Schweizer Banker suchen ihr grünes Herz

Die Finanzbranche sprach in Genf über nachhaltiges Investieren.

Der Kampf gegen Migration, Klimawandel, Umweltzerstörung, Armut und Hunger hat für die UNO oberste Priorität. Die UNO-Mitgliedsstaaten haben dafür die Agenda 2030 mit 17 sozialen, wirtschaftlichen und umweltpolitischen Nachhaltigkeitszielen verabschiedet. Es geht um verbesserten Zugang zu Gesundheitssystemen, sauberes Trinkwasser, Bildungsangebote, bezahlbare, moderne Energiedienstleistungen und um Verbesserungen bei der Luftqualität und der Abfallentsorgung.

Die Finanzbranche sprach in Genf über nachhaltiges Investieren.

Die Ziele der Agenda 2030 können Staaten nicht allein bewältigen. Es braucht Investitionen. Banken sollen helfen, auch in der Schweiz.

Die UNO-Stadt Genf positioniert sich seit Jahren als Welthauptstadt für Umweltfragen. Diese Woche kam die Schweizer Finanzbranche in Genf zu einem Gipfel zusammen. Auch UBS-CEO Sergio Ermotti reiste an. Er betonte, seine Bank identifiziere sich mit den Zielen für eine nachhaltige Entwicklung und wolle ihren Beitrag daran leisten. Die UBS helfe Unternehmen, von alten auf neue, umweltschonende Technologien umzustellen. Der Tessiner hatte aber noch eine andere Botschaft. Diese war: «Die UNO ist eine mächtige Struktur, und es ist wichtig, hohe Ambitionen zu haben. Aber es ist auch wichtig, realistisch zu sein. Gutes tun soll sich finanziell auszahlen.» Das sah Philipp Rickenbacher, CEO der Bank Julius Baer, genauso. Er betonte: «Die positive Wende ist gut, aber die Kunden verlangen Gewinne. Wir betreiben keine Philanthropie.»

Ermotti signalisierte aber: Renditevorstellungen und Investitionen gemäss den UNO-Nachhaltigkeitszielen lassen sich durchaus vereinen. Er nannte Beispiele. Auf Rat medizinischer Experten habe die UBS eine halbe Milliarde in einen Fonds für Krebsforschung investiert und finanziere ein Bildungs-programm für 300'000 indische Kinder.

Insgesamt bleibt die Grossbank aber vorsichtig. Ermotti sprach von der Gefahr von «Kollateralschäden für die Wirtschaft». Diese sieht er dort, wo man die Energieproduktion mit hoher CO2-Produktion einstellt und damit gemäss Ermotti mitunter bewirkt, dass Menschen von lebenswichtigen Dienstleistungen ausgeschlossen werden, wo sie doch gerade versuchen, aus der Armut zu kommen.

Patrick Odier, ehemaliger Präsident der Bankiervereinigung und Organisator des Gipfels, rief dazu auf, im Green Banking eine Revolution zu sehen. «Wirtschaftliches Wachstum muss nicht mehr Verschmutzung und eine Zunahme der Armut bedeuten», betonte Odier.

Philippe Reichen

Thomas Vellacott


Foto: Keystone

Der in England geborene und in der Schweiz aufgewachsene Thomas Vellacott (*1971) studierte Arabistik, danach arbeitete er für die Citibank und das Beratungsunternehmen McKinsey. 2001 stiess er zum WWF Schweiz, deren CEO er heute ist. Er lebt mit seiner Familie in Zürich. (red)

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