Vom TV zur Nationalbank

Der frühere Fernsehjournalist Daniel Hanimann arbeitet seit zwei Jahren für die Schweizerische Nationalbank. Dort fühlt er Firmen auf den Zahn – auch bezüglich Euro/Franken-Untergrenze.

Der Basler SNB-Mann: Der frühere Journalist und TV-Mann Daniel Hanimann in seinem neuen Büro an der Freien Strasse 27 in Basel.

Der Basler SNB-Mann: Der frühere Journalist und TV-Mann Daniel Hanimann in seinem neuen Büro an der Freien Strasse 27 in Basel. Bild: Dominik Plüss

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Zwar hat Daniel Hanimann einen alten Tresor in seinem Büro stehen, Bargeld oder Gold hat es jedoch keines drin. Die Zeiten, als die regionalen Filialen der Schweizerischen Nationalbank (SNB) noch für die physische Versorgung der Geschäftsbanken mit Geld zuständig waren, sind schon lange vorbei. Die Kassenabteilung der Basler Niederlassung mit der stattlichen Schalterhalle im heutigen Laurenz-Bau neben dem Kunstmuseum und einst 15 Mitarbeitern schloss ihre Tore 1998.

Übrig geblieben von der SNB-Infrastruktur in den Regionen sind die acht Delegierten für regionale Wirtschaftskontakte, wie die offizielle Bezeichnung lautet. Sie haben eine Art «Botschafterfunktion» für die SNB vor Ort, wie Hanimann es nennt. Den grössten Teil der Zeit beansprucht aber die Beobachtung der regionalen Wirtschaft. Viermal pro Jahr liefert er die anonymisierten Informationen über Firmen aus der Region an die SNB-Zentrale nach Zürich. Dort werden die Daten zusammen mit den Informationen aus den anderen Regionen zum sogenannten Blue Book zusammengefasst und fliessen in die vierteljährliche Lagebeurteilung des Direktoriums ein. Eine Zusammenfassung veröffentlicht die SNB anschliessend in ihrem Quartalsheft. Die Einschätzungen der Unternehmen dienen damit letztlich auch als Grundlage für die geldpolitischen Entscheide der SNB.

Gewinner und Verlierer

In den rund 30 Interviews, die Hanimann pro Quartal führt, fällt ihm auf, wie das Thema Wechselkurs seit der Einführung des Mindestkurses von 1.20 die Unternehmer weniger beschäftigt: «Früher war es von der ersten Minute an ein Thema – heute oft erst, wenn ich es anspreche», sagt der 48-Jährige, «allerdings sind die Firmen nach wie vor sehr dankbar für diese aussergewöhnliche Massnahme», stellt er fest. Hanimann hat den Posten des Delegierten in Basel 2011 von Thomas Kübler übernommen – seinerseits der Nachfolger von Toni Föllmi, der den Job in den 18 Jahren zwischen 1985 und 2003 ausübte.

Für seine Interviews wählt Hanimann jeweils einen wohlabgestimmten Mix von Firmen aus, der die Wirtschaftsstruktur der Region abbildet. Zu seinem Einzugsgebiet gehört neben den beiden Basel, den Solothurner Bezirken Thierstein und Dorneck auch der Aargau. Bei den vertraulichen Befragungen interessieren ihn Dinge wie Umsatzentwicklung, Auftragslage oder Beschäftigung. Es geht aber auch darum, zwischen den Zeilen zu lesen, herauszuspüren, ob das Glas aus Sicht der Firmen halb voll oder halb leer ist. Deshalb wünscht sich Hanimann jene Person als Gesprächspartner, «deren Bauchgefühl ausschlaggebend ist für die Weiterentwicklung der Firma».

Die befragten Unternehmen haben in der Regel nicht weniger als 50 Mitarbeiter. Wie fliesst denn die Befindlichkeit des Gewerbes ein, wo die Betriebe oft viel kleiner sind? Da suche er gezielt das Gespräch mit einzelnen Unternehmern, sagt Dani Hanimann. Die Bank of England mache dies in der Form von Panels, zu denen regelmässig 20 bis 30 Gewerbler eingeladen werden, die dann ihre Befindlichkeit schildern. Aber «so etwas ist bei uns kaum möglich», sagt Hanimann, «da würde wohl keiner vor seinen Konkurrenten etwas Relevantes preisgeben».

Die Fähigkeit, die richtigen Fragen zu stellen, bringt Hanimann aus seiner früheren Tätigkeit als Journalist mit. Zur SNB ist er als Quereinsteiger gekommen, als er nach der Leitung der Wirtschaftsredaktion der «Tagesschau» des Schweizer Fernsehens eine Weiterentwicklung suchte.

Auch das selbstständige Arbeiten auf einem Aussenposten – neben Hanimann arbeitet im Basler Büro nur noch seine Assistentin mit einem Teilzeit-pensum – ist er sich von seiner Journalistenlaufbahn gewohnt. Nach dem Studium in Basel (Volkswirtschaft, Diplomarbeit zu «Unternehmensethik und Wirtschaftsjournalismus») und Freiburg (Journalismus) ging er nach Berlin. Dort war er beim ARD-Fernsehsender Freies Berlin in der Nachrichtensendung für die wöchentliche Rubrik «Klatsch- und Tratsch» zuständig. Selber sprechen durfte er als «Schweizer mit dem lustigen Akzent» die Sendungen aber jeweils nur dann, wenn der Intendant in den Ferien war und es nicht verbieten konnte.

Fürs Fernsehen in Brüssel

Später folgten verschiedene Positionen beim Schweizer Fernsehen. Besonders prägend war die Zeit als Brüssel-Korrespondent von 1995 bis 2001 für die Themen EU, Nato und die Benelux-Länder. In diese Periode fielen etwa die Themen Euro-Einführung, Osterweiterung, Bilaterale I oder der Kosovo-Krieg. Zurück in der Schweiz war er vor der erwähnten «Tagesschau»-Stelle sechs Jahre lang bei Cash TV/Cash Talk als Wirtschaftsjournalist tätig.

Obwohl Hanimann die Schweizer Wirtschaft schon lange beobachtet, ist er «immer wieder aufs Neue beeindruckt, wie gut die Schweizer Unternehmen funktionieren und sich den neuen Umständen anpassen». In der momentan laufenden Interviewrunde im Hinblick auf die Lagebeurteilung der SNB im Dezember macht er einen vorsichtigen Optimismus aus: «Es läuft gut, aber die Firmen wissen nicht, ob es nachhaltig ist», sagt er. Zum Beispiel bei den Margen frage sich mancher: «Ist der herrschende Preisdruck die neue Realität oder darf ich noch von den alten Zeiten träumen?»

Unterstützt in seiner Arbeit wird Hanimann von einem regionalen Wirtschaftsbeirat. In diesem Gremium werden etwa Phänomene diskutiert, die sich bei den Firmenbefragungen herauskristallisieren. Aktuell gehören dem Beirat René Kamm (Messe MCH), Johannes Wick (Alstom), Beat Simon (Agility) und Hans Peter Brader (Brenntag) an. Der in Binningen aufgewachsene Hanimann kennt die regionale Wirtschaft aber auch noch aus seiner Zeit auf der BaZ-Wirtschaftredaktion vor seiner Fernsehkarriere. Nachdem er lange im Ausland und in Zürich gelebt hat, wohnt er unterdessen wieder in Basel mit seiner Partnerin, der SP-Politikerin Tanja Soland.

Kürzlich hat Hanimann sein Büro an die Freie Strasse verlegt, in das Haus, in dem einst die «Baslerstab»-Redaktion eingemietet war. Dahinter steckt auch eine gewisse Symbolik: «Mir ist es wichtig, dass die SNB auch regional als Institution wahrgenommen wird.» Auch ohne Gold im Tresor. (Basler Zeitung)

Erstellt: 04.11.2013, 12:06 Uhr

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