Was Shell & Co wirklich wert sind

Aufgeblähte Börsenbewertungen, strengere Klimaregeln und Ölreserven, die vielleicht nie gefördert werden: Das sind die Zutaten der sogenannten Klimablase. Sie könnte Investoren immense Summen kosten.

Der Börsenwert hängt von der Politik ab: Shell-Tankstelle in den USA.

Der Börsenwert hängt von der Politik ab: Shell-Tankstelle in den USA. Bild: Reuters

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Ölaktien sind eigentlich Schrottpapiere. Auf diesen Nenner lässt sich die Idee der sogenannten Klimablase bringen. Das Konzept besagt, dass Millionen Barrel Ölreserven und unzählige Tonnen Gas- und Kohlevorräte in den Bilanzen von Förderunternehmen im Grunde genommen wertlos sind – sofern sich die internationale Politik dereinst auf strengere Klimaziele einigt und Massnahmen zu deren Umsetzung beschliesst. Massive Verwerfungen an den Finanzmärkten könnten dann die Folge sein.

Akteure wie der Londoner Thinktank Carbon Tracker propagieren das Konzept schon länger. «Unverbrennbarer Kohlenstoff» heisst der 2012 veröffentlichte Bericht dazu. Mit dem Chef der britischen Notenbank, Mark Carney, macht nun auch eine wichtige Finanzfigur auf das Thema aufmerksam. Carney informierte jüngst das Parlament darüber, dass Fachleute bei der Bank of England sich mit der Gefahr der sogenannten Stranded Assets beschäftigen. Damit sind Investments in den falschen Energiesektor gemeint, die dort einstmals wie irregeleitete Wale stranden könnten.

Milliarden werden umgeschichtet

Carney sorgt sich um die Finanzstabilität – anderen geht es um die Rendite. So hat die skandinavische Finanzfirma Storebrand, die 74 Milliarden Dollar verwaltet, seit 2013 sukzessive ihre Investments aus 35 Unternehmen im fossilen Brennstoffgeschäft abgezogen. Dasselbe gilt für AP2, einen 29 Milliarden Euro schweren Anlagefonds des schwedischen Staats. Die Universität von Stanford überprüft derzeit ihr 91-Milliarden-Dollar-Portfolio. Bereits aus Kohlenwasserstoff ausgestiegen ist die Anlagestiftung der Rockefellers, einer Familiendynastie mit grosser Vergangenheit im Ölbusiness. Die Aktien grosser Ölfirmen haben in den letzten Jahren bereits unterdurchschnittlich abgeschnitten.

Auch der Ölmarkt rückt die Klimablase derzeit in den Vordergrund. Innert Monaten ist der Erdölpreis von über 110 Dollar auf unter 70 Dollar gefallen. Das schadet Ölfirmen und Investoren, deren Geld darin steckt. Ein Fondsmanager beim weltgrössten Vermögensverwalter Blackrock meinte jüngst, dass besonders Anleger aus Europa es verschlafen hätten, sich auf die neue Realität einzustellen. Die Profite von Öl-, Gas- und Kohlefirmen könnten denn auch dauerhaft leiden: Ein niedriger Ölpreis wäre eine zwingende Folge einer stringenten Klimapolitik, die etwa höhere Steuern auf CO2 und eine geringere Nachfrage nach fossilen Brennstoffen nach sich ziehen würde.

Der Haken an der Theorie

Der Analyst Mark Lewis von Kepler Cheuvreux beziffert die Umsatzausfälle über die nächsten zwei Jahrzehnte auf 28 Billionen Dollar. Diese Summe würde den Förderern fossiler Brennstoffe dann entgehen, wenn Politiker das Ziel eines maximalen globalen Temperaturanstiegs von 2 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter ins Auge fassen würden. Laut der Internationalen Energieagentur befindet sich die Welt derzeit auf einem Pfad, der eine Erwärmung um 3,6 Grad Celsius bedeuten würde. Um das 2-Grad-Ziel zu erreichen, wären also enorme Einschränkungen beim Ausstoss von CO2 notwendig. Der Effort zum Stopp der Klimaerwärmung gelingt zudem nur im Kollektiv.

Die Schwierigkeiten bei der Formulierung gemeinsamer Klimaziele sind laut Thiemo Lang, der beim Zürcher Asset-Manager Robeco SAM einen Smart Energy Fonds verwaltet, denn auch der grösste Haken an der These der Klimablase. «Zweifel bestehen daran, dass in absehbarer Zeit ein griffiges, globales Klimaabkommen unterzeichnet wird.» Lang verweist darauf, dass sowohl die Ölnachfrage als auch der globale, jährliche CO2-Ausstoss nach wie vor ansteigend seien. «Klimabedenken stehen permanent in Konflikt mit Wirtschaftszielen, aber auch mit Sicherheitsinteressen.»

«Auf der richtigen Seite der Geschichte»

Trotzdem glaubt Lang, dass Investoren, die bereits heute auf Energieeffizienz und erneuerbare Energien setzten, letztlich «auf der richtigen Seite der Geschichte» stünden. Der Trend weg von fossilen Brennstoffen sei unumkehrbar: Nicht nur wegen der möglichen Klimablase, sondern aus rein wirtschaftlichen Überlegungen heraus sollten Anleger jene Firmen bevorzugen, die bei der Verringerung des CO2-Ausstosses führend seien. «Die Kosten erneuerbarer Energien sind in den vergangenen Jahren bereits stark gesunken», sagt Lang. «Die Entwicklung geht dahin, dass für Wind- und Solarkraft bald keine Subventionen mehr nötig sein werden.»

Der ehemalige US-Präsidentschaftskandidat Al Gore hat Investoren, die ihr Geld in fossile Brennstoffe gesteckt haben, bereits mit dem Kojoten aus den Road-Runner-Cartoons verglichen: Sie sind über eine Klippe gerannt, nun steht ihnen in der Luft schwebend der Absturz bevor. 2000 Unternehmen aus dem Öl-, Gas- und Kohlebereich zählt der Finanzdienstleister Bloomberg und beziffert ihren Marktwert auf total 5 Billionen Dollar. 40 bis 60 Prozent dieser Summe stehen laut der Grossbank HSBC auf dem Spiel: Sollte die Welt auf einen klimaverträglichen Wachstumspfad einschwenken, dann wird aus Firmen wie Shell dereinst tatsächlich Schrott.

Erstellt: 03.12.2014, 17:23 Uhr

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