Was auf die neue SNB-Spitze zukommt

Der Bundesrat könnte heute die neue Führung der Nationalbank ernennen. Auf das Gremium um Thomas Jordan warten mehrere Herausforderungen – und ein grosses Hauptproblem.

Endlich soll er die oberste Leitung erhalten: SNB-Interimspräsident Thomas Jordan.

Endlich soll er die oberste Leitung erhalten: SNB-Interimspräsident Thomas Jordan. Bild: Keystone

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Ein neuer Mann wird laut Medienberichten heute zum SNB-Direktorium stossen: Fritz Zurbrügg, bisheriger Chef der Eidgenössischen Finanzverwaltung, soll laut Medienberichten den dritten Sitz im Führungsgremium der Nationalbank erhalten. Bereits an seiner heutigen Sitzung könnte der Bundesrat die Personalie beschliessen. Gleichzeitig kann er Thomas Jordan nach über drei Monaten als Interimspräsident zum definitiven Nachfolger von Philipp Hildebrand ernannt werden (siehe Box).

Ob heute oder spätestens in einer Woche: Auf die komplettierte SNB-Spitze wartet einige Arbeit – wobei die Integration des neuen Mannes die kleinste Herausforderung werden dürfte. Bei der Nationalbank ist in den nächsten Monaten volle Konzentration auf den Wechselkurs angesagt: Seit dem erneuten Aufflammen der Eurokrise hat sich der Euro kontinuierlich in Richtung 1.20 Franken bewegt; über Ostern wurde die Untergrenze sogar zweimal durchbrochen. Die Schweiz leidet an ihrem Erfolg, und die SNB mit ihr.

Kostpielige Kursverteidigung

Die SNB verfügt über die Mittel und den nötigen Respekt, um die Kursgrenze zum Euro zu verteidigen – notfalls auch über längere Zeit. Wirklich den Kopf zerbrechen wird sich Thomas Jordans Führungscrew vielmehr darüber, wie die Nationalbank diese Untergrenze wieder aufgeben kann. Denn nach aktuellen Anzeichen wird sich der Euro im weiteren Jahresverlauf kaum aufwerten: Gingen die meisten Analysten vor kurzem noch von einer Erholung auf bis zu 1.30 aus, so sehen die Ökonomen von UBS und Credit Suisse bis hin zu Citigroup und JP Morgan den Euro anfangs 2013 in der Gegend von 1.20 bis 1.22 Franken.

«Früher oder später muss die SNB die Untergrenze aufgeben», sagt der St. Galler Bankenprofessor Manuel Ammann. Doch das günstigste Szenario, wonach eine Erholung in Europa die Untergrenze von selbst obsolet machen würde, scheint momentan in weite Ferne gerückt. Die Nationalbank muss sich Gedanken über ein zweites, ungleich schmerzvolleres Exit-Szenario machen: eine Aufhebung der Untergrenze im Bewusstsein, dass die Finanzmärkte den Euro eher bei 1.10 als bei 1.30 Franken sehen.

Die Geld- und Wechselkurspolitik ist das Kerngeschäft der SNB. Die Verteidigung der Untergrenze wird nicht eine Frage der Möglichkeiten, sondern eine Frage des Abwägens: «Wie expansiv muss die SNB sein, um die Grenze zu halten?» Dies wird laut UBS-Ökonom Caesar Lack die entscheidende Frage. Ein Anziehen der inländischen Teuerung und eine weitere Euroschwäche, zum Beispiel aufgrund einer dritten Runde von Langzeitkrediten der EZB, könnten die Aufgabe der Untergrenze trotz Franken-Aufwertungsgefahr zur valablen Option machen. Bilanzverluste wären in diesem Fall die Folge. Trotzdem hätte die SNB ihre Aufgabe erfüllt, so Lack: «Auf lange Sicht wird die SNB vor allem daran gemessen, ob sie die Preisstabilität gewährleistet.»

Das Immobilien-Dilemma

Auch auf dem politischen Parkett wird die SNB nicht so schnell zur Ruhe kommen. Zwar wurden in der jüngsten Sonderdebatte zur Nationalbank sämtliche parlamentarischen Störversuche abgewehrt. Weitere Vorstösse sind jedoch hängig: SVP-Nationalrat Lukas Reimann verlangt vom Bundesrat Auskunft, wo Goldbarren der Nationalbank physisch lagern, während der Grüne Geri Müller der Regierung eine wissenschaftliche Erklärung über die Mechanismen der Geldschöpfung abringen will. Die Beantwortung derartiger Interpellationen dürfte der SNB-Führung allerdings keine Mühe bereiten; sollte der erfahrene Bundesbeamte Fritz Zurbrügg zur Nationalbank stossen, schon gar nicht.

Schwieriger wird es beim Thema der Bankenregulierung. Auch hier wurden Parlamentarier aktiv: Zuletzt fragte SVP-Mann Hans Kaufmann beim Bundesrat kritisch nach, ob die Einführung antizyklischer Eigenmittelpuffer den Schweizer Banken keine Wettbewerbsnachteile bereiten würden. Einen Bericht zur Einführung solcher Kapitalpuffer gab der Bundesrat im November zur Vernehmlassung, nachdem sich eine Arbeitsgruppe aus SNB, Finma und Finanzdepartement mit möglichen Mitteln zur Risikoeinschränkung im Hypothekenmarkt auseinandergesetzt hatte. Der ursprüngliche Anstoss dazu kam von der Nationalbank: Als Vorsteher des für die Finanzstabilität zuständigen zweiten SNB-Departements machte sich Thomas Jordan schon 2010 dafür stark, Banken bei der Kreditvergabe genauer auf die Finger zu schauen.

Bei den Banken stösst das Regulierungsvorhaben jedoch auf Ablehnung. Man bevorzugt brancheninterne Lösungen auf freiwilliger Basis und wehrt sich gegen staatlichen Aktivismus. Der politische Konflikt ist programmiert – doch Finma und EFD sind dabei zunehmend auf sich allein gestellt: Seit der Hildebrand-Affäre ist von der SNB nur wenig zur Hypothekenproblematik zu hören. Die Nationalbank beschränkt sich auf sporadische Warnungen, das Zinsumfeld könne langfristig nicht auf den aktuellen Tiefständen verharren.

Die SNB befindet sich jedoch im Dilemma: Je länger sie die Untergrenze zum Euro aufrechterhält, desto grösser wird das Risiko einer Immobilienblase und desto nötiger werden restriktive Belehnungsvorschriften für Hypotheken. Die makroprudenzielle Aufsicht über die Kreditvergabe mag zwar für Notenbanken nur ein Nebengeschäft sein: In ausserordentlichen Zeiten muss die SNB jedoch auch an dieser Baustelle mit Hochdruck arbeiten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.04.2012, 20:56 Uhr

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Fritz Zurbrügg, dem aktuellen Chef der Eidgenössischen Finanzverwaltung, werden gute Chancen auf den frei gewordenen dritten Sitz im Direktorium eingeräumt. Als Ersatzkandidat steht Thomas Moser, der bisherige Stellvertreter von Philipp Hildebrand, für die Wahl ins Direktorium bereit.

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