Was war gestern um 15.35 Uhr los?

Konjunktursorgen, Kursrückgänge, wilde Ausschläge: Ein plötzlicher Crash auf dem Anleihenmarkt gab Anlegern gestern zu denken. Auch heute lassen die Turbulenzen nicht nach, der SMI fällt unter 8000 Punkte.

Abwärts: Anzeigetafel an der New Yorker Börse (15. Oktober 2014).

Abwärts: Anzeigetafel an der New Yorker Börse (15. Oktober 2014). Bild: Reuters

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Börsenhändler denken mit Schaudern an den 6. Mai 2010 zurück. An diesem Tag ereignete sich ein Kurssturz, der als «Flash Crash» in die Geschichte eingehen sollte. Aus rätselhaften Gründen verlor die US-Börse damals innert Sekunden fast 10 Prozent – nur um sich umgehend wieder zu erholen. Der Spuk war nach wenigen Minuten vorbei, doch er hinterliess ein ungutes Gefühl. Weder die Börsianer selbst, noch die Behörden, die den Handel beaufsichtigen sollten, schienen das Geschehen wirklich im Griff zu haben.

Im gestrigen Handel erlebten die Beteiligten ein Déjà-vu. Diesmal rumpelte es auf dem Anleihenmarkt. Innert kürzester Zeit sackten dort die Bondrenditen zusammen. Etwa jene von US-Staatsanleihen mit 10-jähriger Laufzeit. Diese hatten kurz vor 15 Uhr mitteleuropäischer Zeit noch bei knapp 2,2 Prozent notiert und fielen daraufhin auf unter 1,9 Prozent – der Tiefpunkt war um 15.35 Uhr erreicht. Ebenso rasch wie der Sturz folgte dann die Erholung. Bis zum Tagesende stiegen die Kurse fast wieder aufs Anfangsniveau, wie der Tweet eines Marktbeobachters zeigt.

Die gestrige Achterbahnfahrt wird in Anlehnung an den Kurssturz vor vier Jahren bereits als «Bond Flash Crash» apostrophiert. Beobachtern wie dem Börsenkolumnisten John Auther von der «Financial Times» ist das Ereignis in die Knochen gefahren: Er fühlt sich dadurch an die «Marktpathologien» während der Finanzkrise erinnert, wie er in einem Videobeitrag sagt. Auch der Finanzmarktanalyst Gabriel Bartholdi von J. Safra Sarasin ist alarmiert, wie er gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet zu verstehen gibt. «Grosse Nervosität ist in die Märkte zurückgekehrt.»

Ein giftiger Cocktail

Anleihenrenditen verhalten sich umgekehrt zu den Kursen der dazugehörigen Bonds. Wenn die Rendite einer Anleihe sinkt, dann bedeutet das, dass ihr Kaufpreis gestiegen ist. Der gestrige Mini-Crash ist insofern nicht die Folge einer Verkaufspanik, sondern eines kurzfristigen Kaufrausches. Schlechte Wirtschaftsdaten aus den USA gesellten sich zu den ohnehin pessimistischen Aussichten im Euroraum und lösten so eine Flucht in sichere Anlagen aus, wie Agenturen berichteten. Dazu gehören insbesondere US-Staatsanleihen.

Entgegen den Erwartungen vieler Anleger waren diese Anleihen in letzter Zeit stark nachgefragt. Die Renditen auf 10-jährige US-Treasuries sind seit Jahresbeginn von 3 auf nunmehr fast 2 Prozent gesunken. In diesem Rückgang widerspiegelt sich die Einsicht, dass es mit Aufschwung und Zinswende doch nicht so schnell wie erwartet vorangehen wird, sagt Gabriel Bartholdi. «Ungünstige Konjunkturdaten paaren sich mit Unsicherheit über das Verhalten der Notenbanken derzeit zu einem giftigen Cocktail.» Die derzeitigen Stimmungsindikatoren sind laut Bartholdi auf einem Tief.

Der gestrige Crash liegt demnach im Einklang mit einem länger währenden Trend. Herbeigeführt wurde er nicht primär durch Hochfrequenzhändler (die vor vier Jahren die Turbulenzen ausgelöst hatten), sondern durch Spekulanten, die gegen US-Staatsanleihen gewettet hatten und im gestrigen Handel panikartig ihre Short-Positionen auflösten. Sie trugen gemäss der Nachrichtenagentur Bloomberg zum kurzfristigen Ausschlag bei.

Marktanalysten wie Gabriel Bartholdi gehen davon aus, dass Anleger noch eine Weile mit grösseren Kursschwüngen leben müssen. Diese haben in jüngster Zeit bereits markant zugenommen, wie ein Blick auf den Volatilitätsindex (VIX) zum US-Aktienmarkt zeigt (siehe oben). Die Nervosität folgt auf eine mehrere Jahre währende, insgesamt recht ruhige Phase. Sporadische Taucher von 10 Prozent und mehr gehören laut Bartholdi aber eigentlich zur Normalität an der Börse. «Aktien sind insgesamt immer noch attraktiv», sagt er. «Aktuell sehen wir eine Korrektur, aber nicht den Anfang eines Bärenmarkts.»

Erstellt: 16.10.2014, 11:41 Uhr

Börse weiter auf Talfahrt

Der Schweizer Aktienmarkt notiert am Donnerstagnachmittag weiter in der Verlustzone. Der Leitindex SMI hat es im Verlaufe des Nachmittags aber wieder über die 8000-Punkte-Marke geschafft, die er am Vormittag mit Schwung durchbrochen hatte.

Die Unsicherheit an den Handelsplätzen überall auf der Welt ist ungebrochen, geschürt von weiteren negativen Makrodaten aus der Eurozone, die am Vormittag publiziert wurden.

Der Swiss Market Index (SMI) verliert bis kurz vor 16 Uhr 1,5 Prozent und notiert bei 8022 Punkten. Der Leitindex der Schweizer Börse hat sich damit wieder etwas von seinem Absturz erholt, der ihn kurz vor Mittag bis auf 7871 Punkte absacken liess, was gegenüber dem Vorabend einem Minus von 3,4 Prozent gleichkam.

Der breite Swiss Performance Index (SPI) stand am Nachmittag noch 1,5 Prozent im Minus. Von den 30 wichtigsten Aktien notieren 28 im Minus und nur jene des Lift- und Rolltreppenherstellers Schindler und des Ölförderplattformbetreibers Transocean im Plus. (sda)

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