Wie Banken mit Negativzinsen Milliarden verdienten

Seit Jahren klagen die Institute über Strafzinsen – zu Unrecht, wie sich nun zeigt.

Ein Blick in das «Bankenbarometer» zeigt, dass die Banken – im Bild UBS und CS am Zürcher Paradeplatz – mit den Negativzinsen entgegen den offiziellen Bekundungen kräftig Geld verdienen. Foto: Urs Jaudas

Ein Blick in das «Bankenbarometer» zeigt, dass die Banken – im Bild UBS und CS am Zürcher Paradeplatz – mit den Negativzinsen entgegen den offiziellen Bekundungen kräftig Geld verdienen. Foto: Urs Jaudas

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Letzte Woche verteidigte und verlängerte Thomas Jordan, Präsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB), die Negativzinsen einmal mehr. Das Trommelfeuer ihrer Gegner verhallte ungehört, im Vorfeld sprach etwa die SVP- und UBS-nahe «Weltwoche» von einem «Bankraub», weil die Banken der Nationalbank jährlich zwei Milliarden Franken Strafzins zahlen müssen. Doch tatsächlich sind die Banken grosse Profiteure der Minuszinsen, wie ein Blick auf die Realität des Schweizer Kreditmarkts zeigt.

Als die SNB 2015 die Negativzinsen einführte, kam das einer Revolution gleich. Ein jahrhundertealtes Paradigma wurde auf den Kopf gestellt: Kredite kosten, und auf der Bank erhält man einen Zins, wenn man Geld einzahlt. Plötzlich sank nun der Ertrag, den der Bankkunde nach Abzug der Gebühren auf sein Angespartes erhielt, er ist heute bei so gut wie allen Banken de facto auf null.

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Bei Firmen und Pensionskassen, die grosse Beträge bei Banken liegen haben, kamen rasch Negativzinsen zum Einsatz. Meist verlangt die Bank ein knappes Prozent. Dieses Jahr fingen dann immer mehr Banken an, auch Privatkunden Negativzinsen für Bares zu belasten. Anfänglich ging es um grosse Beträge, bei der Credit Suisse und bei der UBS um Guthaben über 2 Millionen Franken. Aber als bekannt wurde, dass die Postfinance bei 200'000 Franken und die Zürcher Kantonalbank (ZKB) vereinzelt sogar bei 100'000 Franken Negativzinsen erhebt, kamen diese auch beim Mittelstand an.

Bei Kreditkunden sind Strafzinsen nicht angekommen

Nicht angekommen sind die Negativzinsen bei den Kreditkunden, seien dies die Hypothekarkunden oder die Firmenkunden. Dabei könnten diese davon profitieren. Doch keine einzige Bank, die angefragt wurde, gibt ihren Kreditkunden Negativzinsen weiter.

Das ist vor allem stossend, da viele dieser Kredite in Zeiten mit positiven Zinsen vom Verlauf des Interbankenkreditsatzes Libor abhängig waren. Dieser bezeichnet den durchschnittlichen Zinssatz, zu dem sich international wichtige Banken gegenseitig Kredite gewähren – und er wird auch als Basiszinssatz für viele Finanzprodukte verwendet. Die gängige Formel war: Der vom Kunden zu zahlende Zins ist gleich der Summe einer Marge, die zwischen 0,5 und 0,8 Prozent lag, plus den Interbankenkreditsatz Libor. Da der heute je nach Fristigkeit bei minus 0,75 Prozent liegt, müsste es Angebote für Hypotheken mit negativen Zinsen geben.

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Im Ausland gibt es das. In Deutschland sind zehnjährige Hypothekenkredite für weniger als 0,4 Prozent zu haben. In Dänemark bietet etwa die Jyske Bank ausgewählten Kunden sieben- und zehnjährige Festzinsdarlehen zu einem negativen Zinssatz von 0,5 Prozent an.

Warum zahlt man in der Schweiz für eine Hypothek im Schnitt immer noch ein Prozent und mehr? «Die ZKB vergibt weder Firmenkunden noch Privaten Kredite oder Hypotheken zu Negativzinsen», sagt ZKB-Sprecher Patrick Friedli. Laut Friedli liegen die effektiven Refinanzierungskosten der ZKB im Kreditgeschäft über 0 Prozent. Darauf wird zudem die Marge geschlagen. Bei der UBS tönt es ähnlich, und der Sprecher der ­Credit Suisse betont, dass sich die «Bank bei der Ausübung ihres Geschäfts an die geltenden Gesetze und Vorschriften hält». Ein Bundesgerichtsurteil stützt diese Politik.

Werden hier nicht ganz einfach die Margen ausgeweitet? Serge Steiner, Sprecher der Bankiervereinigung, verneint: «In der Vergangenheit konnten die Banken den Margendruck mit einer Ausweitung des Kreditvolumens und einer Reduktion der Passivzinsen auf die Nullgrenze kompensieren. Dies ist jedoch eine Quersubventionierung von nicht verbundenen Geschäften und für die Banken unattraktiv.» So weit die offizielle Version.

Inoffiziell ist aber etwas anderes zu hören. Nämlich, dass die Banken ihre Kreditmarge in den letzten Jahren eben doch kräftig ausgeweitet haben. Ein Blick in das «Bankenbarometer», die offizielle Publikation der Bankiervereinigung, zeigt, dass die Banken mit den Negativzinsen entgegen den offiziellen Bekundungen kräftig Geld verdienen. Lagen die Einnahmen aus dem Kreditgeschäft selbst in den Boomjahren bis 2007 meist bei rund 20 Milliarden Franken, so waren sie letztes Jahr bei 23,5 Milliarden Franken. Leicht unter dem Rekordjahr von 2015, als die Gewinne aus dem Zinsdifferenzgeschäft bei knapp 25 Milliarden Franken lagen.

Überhaupt ist zu beobachten, dass mit der Einführung der Tiefzinspolitik nach der Finanzkrise die Banken zwar immer weniger mit Beratung verdienten, aber das Zinsgeschäft immer lukrativer wurde. Das hat wohl damit zu tun, dass es das Bankgeheimnis nicht mehr gibt und die Banken weniger lukrative Vermögensverwaltungsmandate haben. Fazit: Heute ist das Zinsdifferenzgeschäft die wichtigste Einnahmequelle.

Verglichen mit den vier Jahren zuvor, lagen die Gewinne der Banken in diesem Segment absolut um 8,8 Milliarden Franken höher. Vergleicht man mit der Periode 2005 und 2008, so liegen heute die Einnahmen um 13 Milliarden Franken höher, was einem jährlichen Geschenk von über drei Milliarden Franken gleichkommt – Zwangsgebühr an die Nationalbank schon eingerechnet. Ein Bankraub sieht anders aus.



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Erstellt: 14.12.2019, 20:12 Uhr

Geheimplan: Jährlich zwei Milliarden Franken für die AHV

Seit der Einführung der Negativzinsen sitzt die Nationalbank auf immer höheren Eigenmitteln. Aktuell sind es 174 Milliarden Franken. Dass diese so hoch sind, liegt an den im Kampf gegen den hohen Frankenkurs angehäuften Devisenreserven.

Seit geraumer Zeit wachsen die Begehrlichkeiten, einen Teil des Geldes in die AHV zu transferieren. Entsprechende Vorschläge gab es schon aus Kreisen der SVP und der Gewerkschaften. Lange Zeit waren sie chancenlos, weil sich das Parlament davor scheute, die Unabhängigkeit der Nationalbank anzutasten.

Das soll sich nun ändern. Hinter den Kulissen wird in Geheimverhandlungen über eine unheilige Allianz diskutiert, die bereits weit gediehen ist. Ziel ist es, jährlich rund 2 Milliarden Franken aus den Nationalbankreserven in die AHV zu transferieren. Dies soll möglichst ohne Änderung der Verfassung geschehen.

Begründung für den Transfer ist, dass die 2 Milliarden etwa das Geld sind, das die Nationalbank über die Erhebung der Negativzinsen verdient und dies ungefähr dem entspricht, was der Altersvorsorge jährlich fehlt. Denn zwar ist die AHV von den Negativzinsen befreit, aber die Pensionskassen zählen zu den Hauptbetroffenen.

Involviert sind Politiker von SP und SVP, Gewerkschafter und auch Serge Gaillard von der Eidgenössischen Finanzverwaltung. SVP-Nationalrat Alfred Heer bestätigt, dass es solche Gespräche gibt.

Auch Firmenkunden triffts

Diverse Banken verlangen ab bestimmten Kontobeständen Negativzinsen auch von Firmenkunden. Die meisten Banken publizieren allerdings die genauen Konditionen nicht. Häufig sind diese auch individuell oder Verhandlungssache.

Beispiel UBS: Die Grossbank verrechnet –0,85% ab 10 Millionen Franken.

Beispiel ZKB: Die Zürcher Kantonalbank spricht von –0,75%.

Beispiel Raiffeisen: Hier kann es bereits ab 1 Mio. Franken einen Negativzinssatz von –0,75% geben, ab 10 Mio. Franken sogar –1%.

Ein Extremfall ist Postfinance: Hier kann es für weniger lukrative Firmenkunden bereits ab 0 Franken Negativzinsen in der Höhe von –1% geben.

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