Wie Überweisungen per Handy Afrika revolutionieren

M-Pesa fällt in Ländern ohne ausgeprägtes Bankensystem auf fruchtbaren Boden.

In Kenia wird Geld zumeist per Telefon überwiesen. Foto: Trevor Snapp

In Kenia wird Geld zumeist per Telefon überwiesen. Foto: Trevor Snapp

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Selten hört man davon, dass sich Afrika, in unserem Fall Kenia, an die Spitze des technologischen Fortschritts der Welt setzt. Vor mehr als drei Millionen Jahren war das so, als unser Vorfahr, der ­Urmensch Australopithecus, am nord­kenianischen Turkanasee erstmals an­gespitzte Steine als Faustkeile benutzte. Ein aktuelleres Beispiel begann vor 8 Jahren auf dem Gebiet der Informationstechnologie: Die Erfindung revolutionierte die Art und Weise, wie Menschen für ihre Einkäufe bezahlen und ihre Rechnungen begleichen können – und könnte nach Auffassung von Experten zur Entwicklung des Kontinents mehr beitragen als über Jahrzehnte bezahlte Entwicklungshilfe in Billionenhöhe.

Die Erfindung wird M-Pesa genannt, wobei M für «mobil» und Pesa für «Geld» in Suaheli steht. Es handelt sich um Geldüberweisungen per Telefon: Da diese über SMS getätigt werden, ist alles, was man für M-Pesa braucht, ein altmodisches Handy und ein wenig Guthaben, das man damit versenden kann. Innerhalb weniger Jahre hat sich die Innovation in Kenia zu der mit weitem Abstand populärsten Zahlungsweise durchgesetzt – in dem ostafrikanischen Staat, in dem nur ein Viertel der Bevölkerung über ein Bankkonto verfügt, benützt sie heute so gut wie jeder Erwachsene.

Wer sich der Erfindung in Wahrheit brüsten kann, darüber werden im Internet regelrechte Schlachten geschlagen: Die geniale Idee scheint unzählige Ur­heber zu haben. Tatsächlich hatte die staatliche britische Entwicklungsorganisation Difid ein auf SMS beruhendes ­System entwickelt, wie sie die Vergabe und Rückzahlung von Kleinkrediten in einem kenianischen Projekt managen konnte. Doch gleichzeitig hatten Mitarbeiter des zu 40 Prozent dem britischen Telefonriesen Vodafon gehörenden kenianischen Mobilfunkanbieters Safaricom entdeckt, dass immer mehr ihrer afrikanischen Kunden den Erwerb und die Weitergabe von Sprechzeit­guthaben als virtuelles Zahlungsmittel benutzten. Wollte jemand seinen auf dem Land ­lebenden Eltern Geld zukommen lassen, schickte er ihnen einfach einen Call-Time-Kredit zu, den diese für Bares weiterveräussern konnten.

Bereits mehrere Konkurrenten

Man schrieb das Jahr 2007, als Safaricom auf die Idee kam, die beiden Konzepte zu verbinden: In Zukunft sollte Geld direkt über SMS von einem zum andern Ort versendet werden können. Dazu wurden Agenten autorisiert, die Bargeld entweder entgegennahmen oder aus­bezahlten: Der Transfer selbst wurde für eine geringe Gebühr bargeldlos über eine Textbotschaft abgewickelt. Anfangs machte die kenianische Zentralbank noch Schwierigkeiten, weil Geldgeschäfte dem Gesetz nach Banken vor­behalten waren, doch Safaricom vermochte den Widerstand schliesslich aus dem Weg zu räumen. Schon nach wenigen Jahren gab es mehr als 65 000 M-Pesa-Agenten im Land.

Zunächst war der Zahlungsverkehr noch auf die Überweisung von Bargeld beschränkt. Bald taten sich jedoch auch andere Anbieter von Dienstleistungen mit Safaricom zusammen: Inzwischen können Kenianer ihre Stromrechnung über M-Pesa regeln, ihr Gehalt auf ihr M-Pesa-Konto überweisen lassen oder im Supermarkt und in der Bar mit dem Handy bezahlen. Versicherer von Kleinfarmern wickeln Schadensfälle mit dem Mobiltelefon ab und zahlen die Entschädigung über M-Pesa aus. Auch Banken haben sich inzwischen ins Mobile-Money-Geschäft eingeklinkt, sodass Kontoinhaber selbst ihr Sparkonto über M-Pesa anzapfen oder auffüllen – und per Mobiltelefon einen günstigen Kleinkredit anfragen können. Der macht sie von den «Shylock» genannten privaten Halsabschneidern unabhängig, die für kurzfristige Kredite bis zu 50 Prozent Zinsen verlangen.

Längst können sich die M-Pesa-Er­finder bei Safaricom keines Monopols mehr erfreuen. Allein in Kenia gibt es bereits drei Mobilfunkanbieter, die ihren Kunden den mobilen Geldservice offerieren, seit neuestem kann man auch von einem Anbieter zum anderen überweisen. Für den grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr haben sich die Mobilfunkunternehmen mit etablierten Geldtransferfirmen wie Western Union oder Moneygram zusammengeschlossen: Jetzt vermögen Millionen von Exil-Afrikanern, die weit entfernt von ihrer Heimat leben, ihre Rimessen übers Handy zu erledigen. Jahr für Jahr werden fast 70 Milliarden Dollar vom Ausland an afrikanische Familien über­wiesen – ein gigantischer Markt. Ausser in Kenia wurde das M-Pesa-Prinzip bereits in zahlreichen anderen afrikanischen Staaten wie Tansania, Ägypten, Moçambique, Nigeria, der Demokratischen Republik Kongo und Südafrika übernommen. Allerdings nicht überall mit demselben durchschlagenden Erfolg. In Ländern wie Südafrika ist das Bankenwesen womöglich zu entwickelt, in anderen Ländern erschweren nationale Gesetze den Einstieg von Mobil­funkunternehmen ins Geldgeschäft.

Unterdessen findet die Idee auch über den Kontinent hinaus Gefallen. Vodafone führte den Geldtransferservice im vergangenen Frühjahr in Rumänien ein, auch Inder und Bangladesher können bereits mit ihrem Handy bezahlen. Weltweit gibt es bereits 150 Anbieter, die in 80 Ländern operieren. 61 Millionen Kunden tätigen monatliche Transaktionen im Wert von 882 Millionen Dollar – nach Auffassung von Experten kann das Volumen der Mobilfunküberweisungen in den nächsten vier Jahren auf über 250 Billionen Dollar steigen.

Noch leben die meisten der M-Pesa-Benutzer im südlich der Sahara gele­genen Afrika. Asien und Lateinamerika gelten jedoch als vielversprechende Märkte. Denn weltweit verfügen noch immer 3 Milliarden Erwachsene über kein Bankkonto. Irgendwann werden auch sie kein kriminalitätsanfälliges Bargeld mehr mit sich führen müssen, keinen Boten auszusenden haben oder auf Erwerbungen ganz verzichten müssen, weil sie weder mit Check oder Kreditkarte noch mit elektronischer Bank­anweisung bezahlen können.

Dass sich M-Pesa segensreich auf die Entwicklung der wirtschaftlich erwachenden afrikanischen Staaten auswirkt, ist für Experten unumstritten – auch wenn sich der ökonomische Nutzen nicht in Rappen und Franken ausdrücken lässt. Die Anwendungsmöglichkeiten von M-Pesa seien praktisch unbegrenzt, meint Safaricom-Chef Michael Joseph: Derzeit kommen Netzbetreiber aus aller Welt nach Nairobi gepilgert, um das neue Geldtransferinstrument genauer zu studieren. «Ich wünschte, ich könnte behaupten, dass ich M-Pesa erfunden habe», sagt Joseph, «aber das wäre gelogen.»

Erstellt: 15.08.2015, 08:18 Uhr

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