«Wir sind nicht verliebt in die Entrepreneurs»

Der Aktienfonds BB Entrepreneur Switzerland spezialisiert sich ganz auf Familienunternehmen.

Birgitte Olsen von Bellevue Asset Management hat mit ihrem Fonds und mit einem «verstaubten» Thema eine gute Rendite erzielt.

Birgitte Olsen von Bellevue Asset Management hat mit ihrem Fonds und mit einem «verstaubten» Thema eine gute Rendite erzielt. Bild: Reto Oeschger

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Warum haben Sie einen Fonds für eigentümergeführte Unternehmen gegründet?
Ich bin seit 17 Jahren Analystin und war schon immer an den weicheren Aspekten eines Unternehmens interessiert, am Management und an der Kultur. Dies schienen mir gute Kriterien für wirtschaftliche Nachhaltigkeit und längerfristige Visionen.

Der BB Entrepreneur war erfolgreich. Aber wie viel von diesem Erfolg ist Zufall?Das ist schwierig zu messen. Ich denke, dass die Kultur eines Unternehmers wichtig ist für seine Leistung und die Motivation der Mitarbeiter. Und solche Werte zu schaffen – das vermögen Entrepreneurs besser als manch anderer Manager. Sie prägen die Firma. Die Präsenz eines Entrepreneurs im Unternehmen ist viel höher, und sie ist auch indirekt in Gesprächen mit den Mitarbeitern spürbar.

Die Eigentümerstruktur ist in der Finanztheorie kein Faktor, von dem man sich eine Überrendite versprechen kann.
Es scheint ein etwas verstaubter Ansatz zu sein, auf Patrons zu setzen. Aber wer sein eigenes Geld ins Unternehmen steckt, ist meistens stärker engagiert als ein angestellter Chef. Sicher gibt es auch Ausnahmen, Unternehmer, die sich ein Mausoleum bauen oder Projekte verfolgen, die niemand versteht. So galt der verstorbene Nicolas Hayek in den 90er-Jahren, als er den Smart baute, als zeitweilige Hypothek für Swatch. Da war man als Aktionär mitgefangen in einer Strategie, die man nicht beeinflussen konnte. Andere betrachten die Mitarbeiter als grosse Familie und würden niemals jemanden entlassen. Manchmal wünscht man sich schon, solche Unternehmen würden sich mehr bewegen.

Was zeichnet denn die von Eigentümern geführten Unternehmen aus?
Sie weisen oft eine konservative Bilanzstruktur auf und sind vorsichtig im Kostenmanagement. Die höhere Eigenkapitalquote gibt ihnen die Möglichkeit, antizyklisch zu handeln, zum Beispiel Akquisitionen zu tätigen, wenn andere ihre Assets verkaufen müssen. Auch ihre internationale Präsenz ist hervorragend. Sie haben schon früh verstanden, ihre Nischenprodukte weltweit zu verkaufen und waren zum Beispiel in China präsent, bevor jedermann von der Auslagerung der Produktion in Niedriglohnländer sprach. Viele Familienunternehmen sind in ihrem Gebiet Weltmarktführer. Sie konnten solche Strategien entwickeln, umsetzen und durchhalten, weil sie die Substanz dafür haben.

Hätten Sie nicht Psychologie statt Wirtschaft studieren müssen?
Wir betreiben keinen Personenkult! Wir sind nicht verliebt in Entrepreneurs! Bevor wir investieren, muss eine Aktie alle üblichen Kriterien einer Unternehmensanalyse bestehen. Die harten Fakten, die Zahlen und die Bewertung müssen stimmen. Die Persönlichkeit des Unternehmers ist ein zusätzliches Kriterium, aber nicht der Startpunkt.

Swatch, Ems-Chemie, Phoenix Mecano: Bei keinem wusste man, ob die Nachfolger die grossen Erwartungen, die die Gründer geweckt hatten, erfüllen werden.
Ja, das stimmt. Die Nachfolge und der Grössenwahn der Entrepreneurs sind zwei Problemkreise, die wir genau abklären müssen. Aber die Nachfolge-Frage wird oft überschätzt. Sie ist nicht ausgeprägter als in anderen Unternehmen. In den kotierten Familiengesellschaften wissen die Patrons, dass sie ihre Nachfolge regeln müssen.

Bevorzugen Sie eigentümergeführte Unternehmen, weil sie von Analysten besser eingeschätzt werden können?
So kann ich dies nicht bestätigen, aber viele unserer Unternehmen sind geografisch gut diversifiziert, aber auf wenige Produkte fokussiert. Das kommt uns Analysten entgegen, wenn wir zu modellieren versuchen, wie sich die Unternehmen nach Geschäftsfeldern oder Regionen entwickeln.

Der BB Entrepreneur hat in der Krise extrem gelitten. Welche Konsequenzen zogen Sie daraus?
Wir haben 2010 den Lipper Award für den besten Schweizer Aktienfonds über drei Jahre erhalten – obwohl wir in der Krise von 2008, wie andere Fonds auch, gelitten haben. Anlageerfolg lässt sich eben nicht kurzfristig erzwingen, erst recht nicht in extremen durch emotionales Anlegerverhalten geprägten Marktsituationen.

Zum Erfolg in den letzten drei Jahren hat auch beigetragen, dass die Small Caps besser gelaufen sind als die grossen.
Natürlich gibt es den Small- und Mid-Cap-Effekt und die Zyklen, aber die suchen wir gerade. Aber seit 2008 legen wir mehr Wert auf liquide Aktien. Grössere und kleinere Unternehmen sollen im Fonds ein Gleichgewicht bilden.

Die meisten Unternehmen Ihres Universums schränken die Rechte der Publikumsaktionäre mit Stimmrechtsaktien und Vinkulierungen ein. Wie kommen Sie damit zurecht?
Das ist eine schwierige Angelegenheit! Als Norwegerin und als ehemalige Studentin der Universität St. Gallen vertrete ich das Prinzip «Eine Aktie – eine Stimme». Also das egalitäre Prinzip. Auf der anderen Seite sehe ich, wie schwierig es ist, ein Unternehmen zu führen und in einer demokratischen Welt, in der jeder mitreden kann, eine Marschrichtung einzuschlagen. Ein kluger Patron wird auf sein Team hören, aber die Performance ist besser, wenn am Ende jemand entscheidet.

Aber die Unternehmen wollen sich doch nur vor Übernahmen schützen.
Es ist schwierig, 20 Prozent an einem gross gewordenen Unternehmen zu halten. Die wenigsten Eigentümer schaffen das. Darum ist es schon verständlich, dass sich ein Entrepreneur entscheidet, wenigstens die Stimmenmehrheit zu erhalten. Ich fühle mich dabei nicht schlecht, wenn ich weiss, in wen ich investiere.

Stimmen Sie oft gegen die Anträge des Verwaltungsrats?
Nein, selten, denn meistens stehen wir ja im Einklang mit dem Management, sonst würden wir die Aktien nicht haben.

* Birgitte Olsen ist seit 2008 Portfolio-Managerin des BB Entrepreneur Switzerland und des BB Entrepreneur Europe. Sie arbeitet seit 1994 als Fondsmanagerin und Analystin.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.01.2011, 20:01 Uhr

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