Zu vieles bleibt im Ungefähren

Mario Draghi präsentierte ein Massnahmenpaket, das in etwa so erwartet wurde. Es dürfte nur begrenzt wirken.

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Mario Draghi hat also «geliefert». Und dabei hat der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) im ­Wesentlichen jenes Massnahmenpaket vorgelegt, das vorgängig in der Öffentlichkeit zirkulierte. Ent­sprechend sind die Reaktionen im Devisenhandel und an den Aktienbörsen ausgefallen: Zum europäischen Handelsende lagen die Kurse in etwa wieder auf dem Niveau wie vor Draghis Medienauftritt, dem die Finanz- und Wirtschaftswelt so entgegengefiebert hatte.

Man sollte sich indes hüten, die Enttäuschung in den Märkten zum alleinigen Bewertungsmassstab zu nehmen. Dort hat man sich insgeheim erhofft, dass die EZB eine ähnliche Liquiditätsschwemme auslösen würde, wie das die Notenbanken in den USA und ­Japan mit dem Aufkauf von Staats- und anderen Wertpapieren im Umfang von Hunderten Milliarden Dollar getan hatten (und immer noch tun). Mit einer solchen Geldspritze hätten sich die Preise für Aktien und andere risikoträchtige Anlagen in noch abenteuerlichere Höhen jagen lassen.

Muss Draghi bald nachlegen?

Ernster zu nehmen sind da schon jene Experten, die bereits im Vorfeld der Ankündigung bezweifelten, ob Draghis absehbares Massnahmenbündel ausreicht, um die Eurozone aus der Gefahrenzone deflationärer Abgründe zu bringen. Selbst die vermeintlich spektakulärste Massnahme der EZB – jene Banken mit einem Negativzins respektive einer Abgabe zu belegen, die Geld bei der Frankfurter Notenbank anlegen – dürfte nur begrenzt wirksam sein. Haben doch die Banken diese überschüssige Liquidität bereits in den letzten Wochen und Monaten erheblich zurückgefahren.

Noch schwerer wiegt ein anderes Handicap: ­Weder mit der Peitsche des Negativzinses noch mit dem Zuckerbrot extrem günstiger Vierjahreskredite an die Banken dürfte es der EZB gelingen, die Bankausleihungen an die Realwirtschaft zu erhöhen und auf diesem Weg das Wachstum anzukurbeln. Solange die Banken nicht wissen, ob und wie sie die anstehenden Stresstests durch die EZB bestehen werden, dürfte ihre Risikobereitschaft sehr begrenzt bleiben.

Gut möglich, dass Mario Draghi nachlegen muss. Und die Märkte dann jubilieren können.

Erstellt: 05.06.2014, 22:30 Uhr

Robert Mayer,Wirtschaftsredaktor, über die Beschlüsse der Europäischen Zentralbank.

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