AHV-Fonds verkauft Wertpapiere, um Renten zu zahlen

Was der AHV-Steuer-Deal der Altersvorsorge finanziell wirklich bringt und warum immer noch milliardenschwere Fehlbeträge drohen.

Die Übergangslösung für die Altersvorsorge könnte längerfristig zu erheblichen Einbussen führen. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

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Niemand weiss besser als ­Manuel Leuthold, wie lange die Reserven der AHV noch ausreichen, um unsere Rentenzahlungen zu gewährleisten. Als Verwaltungsratspräsident von Compenswiss ist der 60-jährige Jurist und Ökonom der oberste Verantwortliche für den Ausgleichsfonds der AHV (sowie die Ausgleichsfonds von Invalidenversicherung und Erwerbsersatzordnung).

Treffender für Leuthold wäre indes die Bezeichnung oberster Liquidator des AHV-Ausgleichsfonds. In der ersten Hälfte der 2030er-Jahre wird dieser ­nämlich leer sein, nach einem Vermögens­bestand von 29,4Milliarden Franken per Ende 2018. Jeden Monat verkauft Compenswiss Wertpapiere im Umfang von 125 Millionen Franken, um genügend Geld für die Auszahlung der Renten zu haben.

«Es stimmt, der AHV-Ausgleichsfonds macht mir am meisten Sorgen», sagt Leuthold. «Seine Schieflage wird grösser, ohne dass sich eine politische Lösung abzeichnet. Eine, die dauerhaft tragfähig ist und das Problem an der Wurzel packt.»

Summe droht anzuschwellen

Das Ja der Stimmbürger zur AHV-Steuer-Vorlage am 19. Mai wird der Politik eine Atempause von ein paar Jahren verschaffen, mehr nicht. Dank leicht höheren AHV-Beitragssätzen von Arbeitnehmenden und Arbeitgebern sowie verstärkten Zuweisungen des Bundes an das Sozialwerk kann dieses ab 2020 mit zu­sätzlichen Einnahmen von rund 2 Milliarden Franken pro Jahr rechnen. Aufgrund der wachsenden Lohnsumme dürfte diese Summe bis 2030 auf 2,4 Milliarden anschwellen, wie der Ökonom Leuthold schätzt.

Für Compenswiss hat der grössere Einnahmenstrom unmittelbare Folgen: «Ab Anfang nächsten Jahres sind keine weiteren Wertpapierverkäufe mehr nötig», erklärt deren Präsident. Grund dafür sei, dass 2020 das Umlageergebnis des AHV-Ausgleichsfonds wieder deutlich positiv ausfallen werde. Das Umlageergebnis ergibt sich aus den laufenden Einnahmen der AHV abzüglich den laufenden Ausgaben – ohne Berücksichtigung der Anlageerträge.

Für dieses Jahr erwartet Compen­swiss-Präsident Leuthold hin­gegen ein negatives Umlageergebnis von rund 1,5 Milliarden Franken. Daher die monatlichen ­Wertpapierverkäufe von 125 Millionen, die diese Lücke wettmachen sollen. Seit 2014 liegt das Umlageergebnis in der Minuszone, und es fällt von Jahr zu Jahr schlechter aus. ­Darin widerspiegelt sich die ­ungünstige demografische Entwicklung und die stetige Alterung der Bevölkerung. «Die jährlichen Zusatzeinnahmen von 2 Milliarden Franken und mehr werden uns für drei bis vier Jahre weitere Liquidationen ersparen», sagt Leuthold. «Anschliessend wird das Umlageergebnis aber erneut rot ausfallen, und wir müssen wieder Wertpapiere verkaufen.»

Ökonom und Jurist: Der ­60-jährige Manuel Leuthold. Foto: Thomas Egli

Diese Perspektive stellt die Anlagepolitik des AHV-Ausgleichsfonds vor neue Herausforderungen. Leuthold, ein langjähriger Anlageprofi, der für die UBS und die Genfer Banque Privée ­Edmond de Rothschild gearbeitet hat, ­bemüht dafür die Aviatik: Meist bewegten sich Manager von ­Anlagefonds auf der von ihnen ­angepeilten Flughöhe, wobei sie die eine oder andere Turbulenz zu überstehen hätten.«Wir aber»,erklärt der Compenswiss-Präsident, «müssen uns auf die Landung vorbereiten. Das ist etwas völlig anderes.»

Es bedeutet, dass die Liquidität der Anlagen wichtigstes Kriterium für den Ausgleichsfonds ist. Mit anderen Worten: Die gehaltenen Wertpapiere müssen ­jederzeit, auch bei stark angespannten Märkten, verkauft werden können. Das trifft für Aktien zu, aber ihre Kurse unterliegen teils starken Ausschlägen. Umgekehrt sind Anleihen weniger schwankungsanfällig, dafür neigen ihre Märkte in turbulenten Zeiten eher dazu auszutrocknen, was Verkäufe erschwert.

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Ein anderer Pluspunkt für ­Anleihen: Ihre festen Laufzeiten können auf die Liquiditätsbedürfnisse des AHV-Ausgleichsfonds in der Zukunft abgestimmt werden. Bei Aktien ist dies unmöglich. Nach Kurseinbrüchen benötigen sie Zeit, um sich von den Verlusten zu erholen. Wäre der Fonds in einem solchen Moment zu Aktienverkäufen gezwungen, würde er viel Geld verlieren.

Wie ­Verwaltungsratspräsident Leuthold betont, musste Compenswiss «im letzten Dezember, als die Aktienkurse in die Tiefe rauschten, glücklicherweise keine Verluste realisieren». Dagegen habe der Ausgleichsfonds per Ende April Aktien verkauft und dabei von den Kurssteigerungen seit Jahresbeginn profitiert. Per Ende Mai verzeichnet er eine Gesamtrendite von rund 5 Prozent, verglichen mit –4,2 Prozent im Gesamtjahr 2018.

Mehr kurzfristige Anlagen

Zur Vorbereitung auf die Landung gehört ferner, dass der AHV-Fonds die längerfristigen Anlagen in solche mit kürzeren Laufzeiten umschichtet. «Der Abstimmungsausgang im Mai verschafft uns eine Gnadenfrist von ein paar Jahren», sagt Leuthold. Was aber, wenn sich in dieser Zeit keine politische Lösung abzeichnet, die den Ausgleichfonds strukturell ins Gleichgewicht bringen würde?

«Dann fürchte ich», sagt Leuthold, «dass die Umschichtung in Anlagen mit kurzer Laufzeit zu erheblichen Einbussen führen wird.» Um die Dimensionen zu illustrieren, verweist Leuthold auf die aktuellen Marktverhältnisse: Für langfristige Anlagen seien Verzinsungen von 2 bis 3 Prozent erzielbar, am kurzfristigen Ende seien es –0,75Prozent – entsprechend dem geltenden Negativzins der Nationalbank.

«Ein höheres Frauenrentenalter allein wird kaum ausreichen, um die AHV finanziell ins Lot zu bringen.»Manuel Leuthold, Verwaltungsratspräsident von Compenswiss

Als oberster Sachwalter der AHV-­Finanzen hält sich Leuthold aus Diskussionen über Reformen der staatlichen Alterssicherung heraus: «Das ist Sache der Politiker, die dafür ein Mandat haben.» Sehr wohl kann der Ex-Banker aber die finanziellen ­Folgen einzelner Massnahmen umreissen. Würde das Rentenalter der Frauen von 64 auf 65 Jahre erhöht, erhielte der AHV-Ausgleichsfonds im Zeitraum von 2021 bis 2030 rund 10 Milliarden Franken an zusätzlichen Einnahmen.

Dem steht aber ein gleichzeitig auf geschätzte 53Milliarden anschwellendes Umlagedefizit gegenüber, das dank den zusätzlichen AHV-Einnahmen aufgrund der Mai-Abstimmung bis 2030 auf lediglich rund 23Milliarden gedrückt werden dürfte. «Ein ­höheres Frauenrentenalter allein wird somit kaum ausreichen, um die AHV finanziell ins Lot zu bringen», gibt Leuthold zu verstehen.

Es bedarf also eines grösseren politischen Wurfs, um die demografiegetriebene Austrocknung des AHV-Fonds zu stoppen. Solange dieser auf sich warten lässt, ist es an Manuel Leuthold, in die undankbare Rolle des obersten Fondsliquidators zu schlüpfen.

Erstellt: 22.06.2019, 13:18 Uhr

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