Alle mögen den Euro

Die Gemeinschaftswährung knüpft 2018 nahtlos an den letztjährigen Höhenflug an. Die Europäische Notenbank leistet dazu, nicht unbedingt gewollt, ihren Beitrag.

Der Euro erstarkt weiter und steht mit 1.18 Franken nur noch knapp unter der einstigen 1.20-Untergrenze, die vor drei Jahren aufgehoben wurde.

Der Euro erstarkt weiter und steht mit 1.18 Franken nur noch knapp unter der einstigen 1.20-Untergrenze, die vor drei Jahren aufgehoben wurde.

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Die Marke von 1.18 Franken ist für den Euro nur noch in Schrittdistanz entfernt. Seit ein paar Tagen notiert die Gemeinschaftswährung mal knapp über oder unter dieser Schwelle – ein Vorgang, der sich seit der Aufhebung der Eurountergrenze von 1.20 Franken im Januar 2015 nicht mehr beobachten liess.

Der Euro hat derzeit viele Fans an den Märkten. Unter den wichtigsten Währungen verzeichnete keine andere seit Anfang 2017 einen derartigen Höhenflug. Besonders ausgeprägt ist die Aufwertung gegenüber dem US-Dollar: Um über 15 Prozent hat er sich verteuert – verglichen mit über 10 Prozent gegenüber dem Franken. Manche Analysten und Anleger hat die «Europhorie» auf dem falschen Fuss erwischt. Sie kalkulierten – angesichts kontinuierlich steigender Leitzinsen in den USA – mit einem erstarkenden Dollar.

Euroland so stark wie seit langem nicht mehr

In der Tat mag der Anstieg des Euro auf ein Dreijahreshoch zur amerikanischen Valuta erstaunen – zu einem Zeitpunkt, in dem Anleger in den USA 2 Prozentpunkte mehr an Zinsen bekommen als etwa in Deutschland. Zudem erwarten Experten mehrheitlich einen zusätzlichen Wachstumsschub für die US-Wirtschaft aufgrund der beschlossenen Steuerreform, die vor allem für die Unternehmen fühlbare Erleichterungen bringen wird.

Allerdings ist solides Wirtschaftswachstum längst nicht mehr den USA vorbehalten. Die Eurozone befindet sich in der besten wirtschaftlichen Verfassung seit über zehn Jahren. Sie wird getragen von einem Aufschwung, der stetig an Breite und Tiefe gewonnen hat. Die Stimmung der Konsumenten wie der Unternehmen ist mit gut wohl eher etwas vorsichtig beschrieben. Entsprechend gross ist die Bereitschaft, Geld für Konsum- und zunehmend auch für Investitionszwecke auszugeben.

Vor diesem Hintergrund mehren sich unter Ökonomen und Analysten die Spekulationen über die geldpolitische Ausrichtung der Europäischen Zentralbank (EZB). Könnte der robuste Aufschwung in Europa die Währungshüter in Frankfurt veranlassen, die nach wie vor überaus lockeren Zügel vorzeitig zu straffen, lautet derzeit die am meisten diskutierte Frage. Im Fokus steht dabei das Programm der EZB zum Ankauf von Anleihen. Dieses läuft noch bis und mit September, wobei die Notenbank die monatlichen Kaufvolumen seit Jahresbeginn auf 30 Milliarden Euro halbiert hat.

«In einem Schritt auf null gehen»

Die EZB selbst heizte diese Diskussion in der vergangenen Woche noch an mit der Veröffentlichung des Protokolls über die EZB-Ratssitzung vom Dezember. Demnach hätten Teilnehmer angeregt, das Kaufprogramm «früh im neuen Jahr» weiter zurückzufahren, falls das hohe Wachstumstempo in der Eurozone erhalten bleibt. Auch seien sich die EZB-Notenbanker «weitgehend» darin einig gewesen, die Märkte allmählich auf eine Neuausrichtung der Geldpolitik vorzubereiten. Die meisten Marktakteure zeigten sich überrascht über diese Aussagen, zumal EZB-Präsident Mario Draghi an seiner Dezember-Medienkonferenz keine Andeutungen in diese Richtung gemacht hatte.

Der Notenbankchef Estlands, Ardo Hansson, der auch Mitglied des EZB-Rats ist, verstärkte mit seinen jüngsten Interviewaussagen den Eindruck einer verstärkten Bremsbereitschaft bei der Euronotenbank. Der deutschen «Börsen-Zeitung» sagte er diese Woche, wenn sich Wachstum und Inflation mehr oder weniger in Einklang mit den Erwartungen entwickelten, «wäre es sicher denkbar und auch angebracht», die Anleihenkäufe nach September zu beenden. «Ich denke», so Hansson, «wir können ohne Probleme in einem Schritt auf null gehen.» Bislang gilt es im Markt immer noch als Option, dass die EZB ihre Anleihenkäufe allenfalls bis zum Jahresende fortsetzt, dabei aber ihre Umfänge weiter drosselt.

Das Werweissen der Marktakteure über Dauer und Volumen des Kaufprogramms ist bislang nicht in eine Zinsdiskussion ausgeufert. Nach wie vor hält in Beobachterkreisen der Konsens, dass die EZB erst 2019 erstmals den Leitzins anheben wird. Solange sich die Inflationsrate im Euroraum nicht deutlich beschleunigt, dürfte diese Einigkeit wohl fortbestehen. Im Dezember betrug die Teuerung 1,4 Prozent, immer noch in reichlicher Entfernung vom Inflationsziel der EZB von knapp unter 2 Prozent. Die Kerninflation, welche die schwankungsanfälligen Energie- und Nahrungsmittelpreise ausklammert, lag sogar nur leicht über der 1-Prozent-Marke.

Stabile Grosswetterlage

Die Aussicht auf weit entfernte Zinserhöhungen im Euroraum schränkt das Potenzial für eine weitere Aufwertung der Gemeinschaftswährung ein, wie Marktbeobachter zu bedenken geben. Die Schweizer Wirtschaft kann damit gut leben. Wichtiger noch als das Austauschverhältnis von Franken und Euro an und für sich ist für die Unternehmen eine gewisse Beständigkeit und Verlässlichkeit bei den Wechselkursen. Darüber hinaus sind die heimischen Exporteure Nutzniesser der globalen Grosswetterlage: Von Europa über die USA, Japan und China bis in die Schwellenländer stehen die Zeichen auf kraftvollem Aufschwung.

Erstellt: 16.01.2018, 20:05 Uhr

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