Amerikaner geben ihre Pässe zurück

Immer mehr Amerikaner, die im Ausland leben, fühlen sich von der amerikanischen Steuerbehörde drangsaliert und geben lieber ihren Pass zurück.

Die US-Steuerbehörde ist schwer hinter dem Geld ihrer Landsleute her, die im Ausland leben. Foto: Byron Purvis (Face to Face)

Die US-Steuerbehörde ist schwer hinter dem Geld ihrer Landsleute her, die im Ausland leben. Foto: Byron Purvis (Face to Face)

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Mehr als 3000 Amerikaner verzichteten im vergangenen Jahr auf ihre Staatsbürgerschaft, das waren dreimal mehr als noch im Jahr zuvor. 2014 aber dürften es erneut mehr US-Steuerpflichtige sein, die ihren Pass abgeben. Zusätzliche und noch komplexere Vorschriften und Formulare machen ihnen das Leben derart schwer, dass der Verzicht auf den Pass als kleineres Übel erscheint. «Die USA haben einen immensen Übergriff ihrer Steuergesetze im Ausland begangen», sagt Steueranwalt David Kuenzi. «Das ‹Ground Zero› dieses imperialistischen Gehabes ist die Schweiz.»

Die Devere Group ist eine weltweit aktive Vermögensverwalterin mit mehr als 80'000 Kunden. Die meisten sind US-Staatsbürger im Ausland; und deren Frustration ist in den letzten Monaten gewachsen. 79 Prozent der befragten Expats erwägen nach ihren Angaben die Rückgabe ihres US-Passes oder haben dies bereits aktiv eingeleitet. Im vergangenen November waren nach Angaben der Devere Group erst 68 Prozent zum Verzicht auf die Staatsbürgerschaft bereit gewesen.

Absurd komplexe Formulare

Diese wachsende Abneigung ist mit dem Inkrafttreten des Fatca-Abkommens am 1. Juli zu erklären, sagt Nigel Green, Gründer der Devere Group. Das Abkommen zwingt die Banken, die Konten von US-Bürgern, die im Ausland leben, nach Washington zu melden. Die amerikanische Steuerbehörde IRS erklärte das ­Abkommen stolz zu einem durchschlagenden Erfolg, hätten sich doch weltweit mehr als 77'000 Banken dem automatischen Informationsaustausch angeschlossen – der ihnen von den USA aufgezwungen worden war.

Für die Amerikaner im Ausland (und Ausländer mit Steuerpflicht in den USA) indessen ist das Abkommen «ein bürokratischer Albtraum», wie Anwalt Kuen­­zi sagt. «Die Vorschriften und Formulare sind absurd komplex geworden. Fatca wurde an sich wegen der Steuerbetrüger in die Wege geleitet. Doch wer wirklich darunter leidet, sind nicht die grossen Fische, sondern die ehrlichen Steuerpflichtigen im Ausland.»

Wie vertrackt die Steuerpflicht für Amerikaner im Ausland ist, zeigt ein Beispiel aus der Praxis von Anwalt Kuenzi, dessen Vorfahren einstmals aus der Thunerseeregion nach Wisconsin ausgewandert sind und der sich nun auf internationale Steuerfälle spezialisiert hat. Eine seiner Kundinnen ist eine Lehrerin, die vor gut 30 Jahren einen Schweizer heiratete und in die Schweiz auswanderte. 2006 wurde ihm eine Stelle in Kalifornien angeboten, und das Ehepaar kehrte in die Vereinigten Staaten zurück. Einkommen und Vermögen deklarierten beide ordnungsgemäss und ohne Unterbruch. Doch als ihr Mann 2012 verstarb, unterliess es die Frau, eines der zahlreichen Meldeformulare (über Vermögenswerte im Ausland) einzureichen. Ihr Mann hatte ihr seine Schweizer Pensionskasse mit rund 1,8 Millionen Dollar hinterlassen. Die Frau habe das Vermögen nie verbergen wollen, sagt Kuenzi, und ihr Versehen auch umgehend korrigieren wollen.

In die Irre geführt

Sie tat, was die IRS in solchen Fällen empfahl, und reichte eine Selbstanzeige ein. Dies indessen kam sie doppelt teuer zu stehen: Allein die Anwaltskosten für diese Formalität erreichten 124'000 Dollar. Dazu drohte ihr die IRS mit der maximalen Busse von 800'000 Dollar. «Die IRS hat die Frau in die Irre geführt», sagt Kuenzi. Sie hätte sich niemals selber anzeigen müssen oder dürfen. Der richtige Weg sei es, das fragliche Formular nachträglich einzureichen und dafür eine kleine Busse wegen eines formellen Vergehens zu bekommen. Die Frau sei wie eine Betrügerin behandelt worden, sagt der Anwalt, «und vielen unbescholtenen Amerikanern im Ausland geht es gleich. Der gesunde Menschenverstand ist verloren gegangen.»

Seit kurzem bietet die IRS in solchen Fällen ein vereinfachtes Verfahren an, doch schreckt das Fatca-Abkommen immer mehr Steuerpflichtige ab. Viele hätten Mühe, überhaupt noch Bankkonten eröffnen oder behalten zu können, sagt Nigel Green. Die verschärften Informationsregeln behandelten sie zudem faktisch wie Verdächtige. Schliesslich ist das Ausfüllen der Formulare ohne Anwalt nahezu unmöglich geworden. Laut Erhebungen muss ein US-Haushalt im Ausland mindestens 4000 Dollar pro Jahr aufwenden, um seine Steuerpflicht erfüllen zu können.

Erstellt: 17.07.2014, 06:55 Uhr

Die Bundeskasse profitiert davon, dass Firmen und Private US-Quellensteuern nicht zurückverlangen.

Ein netter Zuschuss von mehreren Millionen

Wer hierzulande US-Wertschriften besitzt und sich die Dividenden über seine Bank aufs Konto verbuchen lässt, bezahlt eine Quellensteuer von 15 Prozent an die US-Steuerbehörden. Die Bank in der Schweiz zieht weitere 15 Prozent ab und überweist sie an die Eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV). Unter dem Strich reduziert sich der Dividenden­segen aus Übersee somit um 30 Prozent.

Das Minus lässt sich allerdings mildern: Der sogenannte «zusätzliche Steuerrückbehalt USA» von 15 Prozent, der in der Schweiz erhoben wird, kann in Bern zurückgefordert werden. Ähnlich sieht es bei Zinseinnahmen aus. Hier beträgt die Quellensteuer 30 Prozent. Sie kann in der Schweiz zur Gänze zurückgefordert werden. Grundlage dazu ist das Doppelbesteuerungsabkommen mit den USA. Im Jahr 2013 flossen der ESTV insgesamt 51,6 Millionen Franken zusätzlicher Steuerrückbehalt zu. Über die letzten zwölf Jahre betrachtet, bewegten sich die Einnahmen zwischen 34 Millionen bis knapp 58 Millionen Franken.

Komplizierte Praxis

Das System ähnelt der Verrechnungssteuer, die ebenfalls zurückgefordert werden kann, wenn der Antragsteller die Erträge versteuert hat. Juristische Personen (wie etwa Unternehmen) müssen ihr Begehren direkt bei der Steuerverwaltung in Bern deponieren. Bei den natürlichen Personen läuft der Weg über die kantonalen Steuerbehörden.

So weit die Theorie. Die Praxis gestaltet sich kompliziert. Der Weg zum Geld führt über Formulare und Anträge. Und das schreckt offenbar sowohl juristische Personen wie auch Privatanleger gleichermassen ab. «Ende Jahr sagen sich viele Buchhaltungsverantwortliche in Unternehmen, dass der Aufwand in keinem Verhältnis zum Ertrag steht, vor allem dann, wenn noch ein Berater benötigt wird», weiss ein Zürcher Steuerexperte.

Auch Privatanleger tun sich schwer, insbesondere dann, wenn sie ihre Wertschriftenbestände samt Erträgen in der Steuererklärung selbst erfassen. Wer diese mühselige Arbeit für die Steuer­behörden seiner Bank überlässt, muss dafür Gebühren entrichten.

Nur 29 Millionen abgeholt

Dass die Steuerpflichtigen auf die Rückerstattung freiwillig verzichten, weil sie die Erträge nicht deklarieren wollen, wird sowohl von Steuerexperten wie von der ESTV nicht ausgeschlossen, aber eher als Ausnahme betrachtet.

Lachender Dritter ist auf jeden Fall der Bund. Seit der zusätzliche Steuer­behalt USA 2001 eingeführt wurde, verbleiben Ende Jahr ausnahmslos ein- bis zweistellige Millionenbeträge in Bern liegen und fliessen schliesslich in die Bundeskasse. Juristische Personen und Privatanleger holten beispielsweise 2013 lediglich rund 29 Millionen Franken der 51,6 Millionen einbezahlter Steuern ab. 22,5 Millionen liegen unangetastet beim Fiskus. Im Jahr zuvor machte der nicht reklamierte Betrag knapp 11 Millionen Franken aus. Fürs dieses Jahr rechnet die Steuerverwaltung mit 12 Millionen Franken Einnahmen, wie aus dem Voranschlag entnommen werden kann. (rf)

Erleichtertes Verfahren

Ein erster Ausweg

Die US-Steuerbehörde IRS bietet für kleinere Steuervergehen ein erleichtertes Meldeverfahren an. Die Interessengruppe der Amerikaner im Ausland hatte die Kriminalisierung einer Vielzahl der 7,6 Millionen Expats seit langem scharf kritisiert und begrüsst das Verfahren als wesentliche Erleichterung. Die Streamlined Foreign Offshore Procedures (Sfop) sind seit Anfang Juli in Kraft. Sie sind für Steuerpflichtige im Ausland gedacht, die aus Nachlässigkeit oder Unwissen eines der immer zahlreicheren Formulare nicht eingereicht haben. Steueranwälte erklären, dass mit dem Fatca-Abkommen die Meldepflichten noch weiter wachsen und damit formelle Vergehen zunehmen werden. Deshalb sei das erleichterte Verfahren auch das Eingeständnis der IRS, mehr Schaden als Nutzen angerichtet zu haben.

Seit dem 1. Juli ist es nun möglich, mit einem Sfop-Formular klarzustellen, ein oder mehrere andere Formulare aus Versehen nicht ausgefüllt zu haben – und nicht etwa nicht zum Zweck des Steuerbetrugs. Zuvor mussten Steuerpflichtige entweder eine Selbstanzeige mit einer Busse von bis zu 50 Prozent des Vermögens einreichen oder auf Schleichwegen die Versäumnisse korrigieren. Seit 2009 haben sich rund 45'000 US-Bürger selbst angezeigt. Wie viele davon absichtliche Betrüger waren, ist nicht bekannt. (wn)

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