Kryptowährungen rufen Finma auf den Plan

Die Kapitalbeschaffung von Unternehmen über die Blockchain-Technologie boomt. Deshalb nimmt die Finanzmarktaufsicht solche Deals nun genauer unter die Lupe.

Die explosionsartige Zunahme von sogenannten Initial Coin Offerings ruft nun die Finma auf den Plan. Bild: Keystone

Die explosionsartige Zunahme von sogenannten Initial Coin Offerings ruft nun die Finma auf den Plan. Bild: Keystone

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Jetzt handeln die Behörden: Die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht (Finma) will Aktivitäten rund um Kryptowährungen genauer unter die Lupe nehmen. Konkret geht es um sogenannte Initial Coin Offerings, kurz ICO genannt. So wird die Aufnahme von Geld in Kryptowährungen für einen Investmentzweck genannt. Als Gegenwert für ihren Einsatz erhalten die Anleger sogenannte elektronische Coins oder Token. Der Vorgang wird synonym denn auch als Token Generating Event oder als ­Token Sale bezeichnet.

Hintergrund des Finma-Vorstosses ist eine explosionsartige Zunahme von Initial Coin Offerings weltweit. Davon ist auch die Schweiz betroffen, wie die Behörde festhält. Während sich die Geldaufnahme über Kryptowährungen noch letztes Jahr im Bereich von wenigen Millionen Dollar bewegte, ist sie im laufenden Jahr laut dem Fachportal «Coinsschedule» auf 2215 Milliarden Dollar gestiegen – Tendenz weiter steigend.

Heftige Ausschläge

Diese extreme Entwicklung hat auch die Aufsichtsbehörden anderer Länder auf den Plan gerufen. So hat Mitte September die britische Aufsichtsbehörde Anleger in ICO vor «sehr hohen Risiken» gewarnt. In China wurden Anfang September solche Platzierungen sogar für illegal erklärt, was zu heftigen Ausschlägen auf den globalen Märkten der Kryptowährungen führte.

Initial Coin Offerings unterstehen – anders als die Initial Public Offerings oder IPO, bei welchen Unternehmen Geld über die Börse aufnehmen – nicht der Aufsicht durch die Finma. Nicht nur in der Schweiz, auch weltweit sind sie weitgehend unreguliert.

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Die Berner Aufseher wollen aber nun prüfen, ob ICO eine oder mehrere Bereiche tangieren, die eine Aufsicht erfordern. Dabei geht es um die Einhaltung der Regeln zu Geldwäscherei, Terrorismusfinanzierung, Bankengesetz, Börsenhandel und Fondsausgabe. Sie sprechen von mehreren Fällen, bei denen mögliche Verstösse vorliegen könnten.

Wenn ein ICO durch die Art der Geldaufnahme oder durch die Verwendung der Gelder in einen dieser Bereiche fällt – was die Finanzmarktaufsicht nach eigenen Aussagen für wahrscheinlich hält –, ist eine Zulassung und Aufsicht durch die Behörde notwendig.

Die Behörde empfiehlt den Anbietern von ICO sogar, aktiv auf die Behörde zuzukommen, damit geprüft werden kann, ob das Projekt der Aufsicht unterstehen muss und eine Bewilligung erforderlich ist oder um zu erfahren, wie das durch Änderungen im Projekt verhindert werden kann. Ist ein ICO-Projekt bewilligungspflichtig und kann es die Auflagen nicht erfüllen, kann die Finma die Coin-Ausgabe untersagen.

Bei einem ICO mit einer echten Kryptowährung ist die Finma bisher noch nie so vorgegangen. Eingeschritten ist sie allerdings am 19. September gegen die Schein-Kryptowährung E-Coin. Die Anbieter dieses Geldes nahmen unerlaubt Publikumseinlagen in Millionenhöhe entgegen.

Warnung vor Trittbrettfahrern

Im Fall E-Coin wäre eine Banklizenz vonnöten gewesen. Um eine echte Kryptowährung handelte es sich bei dem Konstrukt nämlich nicht. Denn es beruhte nicht auf der Blockchain-Technologie. Die E-Coins wurden allein von ihren Herausgebern kontrolliert und auf deren lokalen Servern gespeichert. Bei echten Kryptowährungen ist genau das Gegenteil der Fall.

Schon damals warnte die Finma Anleger davor, nicht auf Trittbrettfahrer im Bereich der Kryptowährungen hereinzufallen. Denn solche Boomphasen rufen gerne Betrüger auf den Plan. Auch in der gestrigen Verlautbarung wiederholt sie diese Warnung konkret auch für Investitionen in ICO. Es würden hier «zahlreiche Unsicherheiten in Bezug auf die zu finanzierenden und durchzuführenden Projekte» bestehen.

Ausserdem sieht die Aufsichtsbehörde ein erhöhtes Risiko von kriminellen Aktivitäten:

«Die Finma kann nicht ausschliessen, dass ICO-Aktivitäten, insbesondere aufgrund der aktuellen Marktentwicklung, in betrügerischer Absicht erfolgen.» Finma

Mit dem Hinweis auf die Marktentwicklung spielen die Aufseher der Finma auf die extremen Kursausschläge von Kryptowährungen an, allen voran Bitcoin und Ethereum. Innerhalb nur eines Jahres hat sich deren Kurs beinahe versechsfacht. Solche extremen Entwicklungen wecken die Gier und lassen die Vorsicht bei vielen Anlegern in den Hintergrund treten. Das ist mit ein Grund für die extreme Zunahme an Initial Coin Offerings im laufenden Jahr.

Vergessen geht in dieser Euphorie schnell, dass die Kryptowährungen von Bitcoin und Co. immer wieder schnelle Kursanstiege gesehen haben, auf die oft drastische Einbrüche folgten.

Erstellt: 30.09.2017, 12:28 Uhr

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Kryptowährungen

Private Zahlungsmittel

Sie heissen Bitcoin, Ethereum, Ripple oder Litecoin. Kryptowährungen sind nichts anderes als eine Form von Geld. Anders als Franken, Euro oder Dollar sind sie aber keine gesetzlichen, sondern rein private Zahlungsmittel. Sie gleichen damit etwa dem WIR-Geld der Schweizer Gewerbetreibenden – mit dem Unterschied, dass sie rein digital sind. Geschaffen wurden Kryptowährungen, um einen dezentralen Geldkreislauf zu schaffen, der von Banken und Behörden unabhängig und nicht beaufsichtigbar ist. Das Gehirn von Kryptowährungen ist die sogenannte Blockchain. In ihr werden alle Transaktionen mit diesen Währungen erfasst. Da sie auf einer Vielzahl von Rechnern gespiegelt wird, ist das System schwer manipulierbar. Da Kryptowährungen relativ neu sind, wissen Behörden sie noch nicht abschliessend zu beurteilen. (se)

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