Bankerinnen kommen zu kurz

Die Lohnungleichheit zwischen den Geschlechtern ist weiter gesunken. Weibliche Bank- und Versicherungsangestellte müssen jedoch den grössten Unterschied hinnehmen.

Frauen verdienen bei Banken und Versicherungen massiv weniger, als ihre männlichen Kollegen: Eine Frau vor der UBS am Paradeplatz in Zürich (Archiv).

Frauen verdienen bei Banken und Versicherungen massiv weniger, als ihre männlichen Kollegen: Eine Frau vor der UBS am Paradeplatz in Zürich (Archiv). Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Heute veröffentlichte das Bundesamt für Statistik neue Zahlen zur Lohnungleichheit zwischen Frauen und Männern. Alles in allem geht daraus eine erfreuliche Nachricht hervor: Die Lohnungleichheit ist in der Schweiz von 2008 bis 2012 um 3,7 Prozentpunkte gesunken. Konkret von 25 auf 21,3 Prozent. Die Statistik zur Lohnungleichheit erscheint alle 2 Jahre, deren Auswertung ist jedoch komplex, deshalb erfolgt die Veröffentlichung erst jetzt. Das BFS untersuchte auch die monatlichen Durchschnittslöhne nach Altersklassen.

Die Statistik ist zweiteilig gegliedert und grenzt den erklärten Anteil der Lohnunterschiede vom unerklärten ab. Für den erklärten nennt sie Gründe wie zum Beispiel Unterschiede im Bildungsstand, die Anzahl Dienstjahre oder die ausgeübte Kaderfunktion innerhalb eines Unternehmens. Der unerklärte Anteil der Lohnunterschiede variiert je nach Wirtschaftszweig stark. Der Durchschnitt des unerklärten Anteils der Lohnunterschiede beträgt in allen Branchen des privaten Sektors 678 Franken. Am extremsten ist er jedoch bei weiblichen Bank- und Versicherungsangestellten.

Diese Frauen verdienen im Vergleich zu ihren männlichen – identisch qualifizierten – Arbeitskollegen im Schnitt 1089 Franken weniger. Warum das so ist, haben wir bei Denise Chervet, Geschäftsführerin des Bankpersonalverbands, nachgefragt.

Frau Chervet, der unerklärte Anteil der Lohnunterschiede im Bank- und Versicherungsgewerbe beträgt 1089 Franken. Können Sie uns Gründe nennen?
Ich kann ihnen drei Gründe nennen. Aus unserer eigenen, diesjährigen Lohnumfrage ging ebenfalls hervor, dass es einen grossen Lohnunterschied gibt. Am ausgeprägtesten ist er bei der Bonusverteilung. Die ist völlig intransparent. Und je intransparenter die Lohnpolitik eines Unternehmens ist, desto weniger wird die Lohngleichheit respektiert. Weiter sind die Richtlinien in den Banken zu lasch und geben den Verantwortlichen, die die Löhne festlegen, zu viel Entscheidungsspielraum. Zusätzlich wissen wir, dass Frauen bescheidener sind als Männer, das wird ihnen dann zum Verhängnis. Und Männer unterschätzen die Qualitäten der Frauen oftmals.

Wie geht der Bankpersonalverband mit dieser Thematik um?
In der Paritätischen Kommission haben wir das schon mehrmals thematisiert. Deshalb machen wir auch eine eigene Lohnumfrage, damit die Personalkommissionen, welche die jährlichen Lohnverhandlungen führen, ein Argument in der Hand haben. Bei einigen Banken, ich möchte die Namen nicht nennen, hat das auch einen Effekt gehabt. Diese haben Lohnpakete geschnürt, um die Gehaltslücke zwischen Männern und Frauen weiter zu schliessen.

Was halten Sie von der Forderung nach einer Lohnpolizei, die Arbeitgeber ab 50 Mitarbeitern dazu verpflichtet, bei sich regelmässig Lohnanalysen durchführen zu lassen?
Wenn die Betriebe nicht verstehen, dass es nicht einfach ein Kavaliersdelikt, sondern ein gerichtlich einklagbares Vergehen ist, diskriminierende Löhne zu zahlen, dann dürfen sie sich auch nicht über strengere Massnahmen wundern. Das sagen wir den Banken auch so. Diese sprechen immer von Selbstregulierung, aber wenn sie nicht fähig sind, Frauen faire Löhne zu zahlen, dann muss halt der Staat dafür sorgen, dass seine Gesetze eingehalten werden.

Können Sie einen individuellen Fall schildern?
Das ist schwierig. Die Lohnunterschiede werden zwar angesprochen, die Frauen gehen aber einfach nicht vor Gericht, weil sie wissen, dass es ein riesiger Kampf wird. Sie gefährden damit ihren Arbeitsplatz. Während des Prozesses sind sie zwar geschützt, aber die Arbeitsbedingungen in dieser Zeit sind schlimm. Eigentlich ist das in allen Branchen so. Jedenfalls habe ich noch nie einen solchen Fall erlebt, seit ich hier arbeite. Es gab zwar schon Gerichtsfälle, die haben aber Frauen aus höheren Kaderstufen initiiert und nicht unsere traditionelle Belegschaft.

Erstellt: 21.08.2015, 20:40 Uhr

Denise Chervet
Seit Februar 2009 ist Denise Chervet Geschäfsführerin des Schweizerischen Bankpersonalverbands (SBPV). Der SBPV setzt sich für die Interessen der Bankangestellten ein, berät sie bei individuellen zum Arbeitsplatz und schliesst mit dem Arbeitgeberverband den Gesamtarbeitsvertrag der Bankbranche ab.

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