Bargeld hat noch lange nicht ausgedient

Die neue 50er-Note der Nationalbank ist ein Meilenstein in der Geschichte des Schweizer Geldes. Der Gebrauch der Noten ist ungebrochen hoch.

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Mit der gestern präsentierten neuen 50er-Note startet die Schweizerische Nationalbank die Herausgabe der neunten Notenserie seit ihrer Gründung im Jahr 1907. Die neue Note ist nicht nur in Bezug auf ihre Sicherheit und die für ihre Herstellung verwendete Technologie eine Besonderheit. Ihre Herausgabe findet auch in einer Zeit intensiver Diskussionen um die Politik der Notenbanken und zu den künftigen Verwendungsformen von Geld statt.

Noten machen schon heute nur noch einen kleinen Teil der umlaufenden Geldmenge aus. Ihr Anteil an der sogenannten Geldmenge M1, die neben dem Bargeld auch Einlagen auf Banken erfasst, die für Zahlungen verwendet werden können, liegt nur noch bei knapp 12 Prozent. Gemäss SNB-Statistik belief sich die Wertsumme der umlaufenden Noten im Februar auf rund 66 Milliarden Franken, die Geldmenge M1 dagegen auf 568 Milliarden Franken. Und während Buchgeld (Einlagen auf Bankkonten) vor allem durch Kredite von Banken geschaffen wird, können Noten nur von Notenbanken emittiert werden. In der Schweiz hat die Nationalbank darauf ein Monopol.

Die Zeit des Notenwettbewerbs

Das war nicht immer so. Wie der Berner Ökonom Ernst Baltensperger in seinem Buch «Der Schweizer Franken, eine Erfolgsgeschichte» eindrücklich beschreibt, haben noch im 19. Jahrhundert – vor der Gründung der Nationalbank – private Banken die Noten herausgegeben. Bis zum ersten Banknotengesetz von 1881 war die Notenemission zudem weitgehend unreguliert. Die Banken standen bei der Notenherausgabe untereinander in Konkurrenz und konnten die Noten sowohl auf kantonale wie ausländische Währungen herausgeben, aber auch auf den Schweizer Franken, der vor 1850 allerdings erst als Recheneinheit existiert hat. Doch hatten die Noten damals nur eine geringe Bedeutung. Unter Geld verstand man Münzen.

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Vor der Bundesverfassung von 1848, als das Recht zu deren Prägung dem Bund übertragen wurde, lag es bei den Kantonen. In der Schweiz zirkulierten laut Baltensberger in- und ausländische Münzwährungen, wie Dublonen, Dukaten, Franken, Gulden, Pfund, Schilling, Pfennig, Batzen, Kronen, Neutaler, Sonnentaler, Adlertaler oder Bluzger. Der Wert der Münzen leitete sich aus ihrem Gehalt an Gold- oder Silber ab. Entsprechend mussten auch die Noten durch Edelmetall gedeckt sein.

Noch rund 30 Jahre vor der Gründung der Schweizerischen Nationalbank war man in der Schweiz nicht gewillt, die Notenherausgabe zu monopolisieren. In der Verfassung von 1874 wurde dem Bund nur das Recht für Regeln in diesem Bereich eingeräumt, ein Monopol aber explizit ausgeschlossen. Dieses erhielt der Bund erst mit der Verfassung von 1891. Als dann die Nationalbank bei ihrem Start im Jahr 1907 auf dieses zurückgriff, musste sie für ihre erste Notenserie auf das Design der bestehenden Noten anderer Banken – mittlerweile vor allem Kantonalbanken – zurückgreifen. Wie gering die Bedeutung der Noten selbst damals noch war, zeigt sich am Umstand, dass sie noch kein gesetzliches Zahlungsmittel waren. Noten waren gemäss Ernst Baltensberger «Geldersatz» und nicht für die Transaktionen des Alltags gedacht. Nur die Gold- und Silbermünzen hatten Zahlungskraft. Erst mit dem Zusammenbruch des sogenannten Bretton-Woods-Systems Anfang der 1970er-Jahre, mit dem auch der Franken (indirekt über den Dollar) noch ans Gold gebunden war, verlor das Edelmetall als Grundlage für den Geldwert auch in der Schweiz praktisch seine Bedeutung. Die SNB, wie alle Notenbanken, können seither ihr eigenes Geld nach belieben schaffen, orientieren sich dabei aber danach, keine Inflation aufkommen zu lassen. Weil wie erwähnt das meiste Geld mittlerweile aber nicht von ihnen, sondern über Bankkredite geschaffen wird, müssen sie über ihre Leitzinsen auch diese Geldschöpfung in Schach halten.

Von neuen Zahlungsmitteln wie Kreditkarten, Debitkarten oder neu auch Bezahl-Apps auf Smartphones wird erwartet, dass sie die Bedeutung des von der Nationalbank geschaffenen Notengeldes weiter einschränken, weil so Buchgeld direkt verschoben werden kann.

Das Bargeld hält sich hartnäckig

Tatsächlich zeigt das Bargeld aber ein beachtliches Beharrungsvermögen. Trotz aller Innovationen bleibt es in der Schweiz das beliebteste Zahlungsmittel. Rund 60 Prozent aller Transaktionen in Geschäften werden in der Schweiz heute in Cash bezahlt. Und dieser Anteil bleibt laut Studien erstaunlich konstant. Der Notenumlauf hat in den letzten Jahren noch zugenommen, wie Thomas Jordan bei der Präsentation der 50er-Note gestern erwähnte. Seit der Gründung der SNB im Jahr 1907 bis Ende 2015 hat der reale Notenumlauf um sagenhafte 6631 Prozent zugenommen.

Bildstrecke - der neue 50er:

Das ist nicht selbstverständlich. Bargeld ist dreckig – es geht durch die Hände vieler Leute –, es kann gestohlen werden, und seine Herstellung ist teuer. Auf 2,5 Milliarden Franken werden die jährlichen Kosten des Bargelds in der Schweiz geschätzt. Jede neue 50er-Note kostet die Nationalbank rund 40 Rappen. Buchgeld dagegen kann per Knopfdruck geschaffen werden. Doch Menschen verspüren einen deutlich stärkeren Verlust, wenn sie echtes Bargeld verlieren, als wenn ihnen ein digitales Guthaben abgebucht wird. Gleichzeitig geben sie Bargeld leichtfertiger aus, während sie elektronisches Guthaben eher konservativ einsetzen. Das zeigen Studien des US-Geldwissenschafters Benjamin Mazzott. Auch sein Fazit: Bargeld hat noch lange nicht ausgedient.

Die Abschaffungsdebatte

Gefahr droht dem Bargeld aber auch, weil es im Zusammenhang mit zwielichtigen Machenschaften und kriminellen Aktivitäten einen schlechten Ruf hat. Es hinterlässt deutlich weniger Spuren als Buchgeld. Besonders im Fokus ist in diesem Zusammenhang die Schweizer 1000er-Note, weil kein anderer Geldschein, der von einer Notenbank herausgegeben wird, einen derart hohen Wert aufweist. Dass man sich selbst bei der Europäischen Zentralbank über die Abschaffung der 500-Euro-Note Gedanken macht, erhöht den Druck auf die Schweiz zur Abschaffung der 1000er-Note erst recht. Davon wissen will die Nationalbank allerdings nichts. Auch diese Note soll in neuer Auflage erscheinen.

Auch Thomas Jordan setzt auf Bargeld: «Ich habe 130 Franken im Portemonnaie», sagte der SNB-Präsident am Rande der Pressekonferenz zur Präsentation des 50er-Notendesigns. (6. April, 2016)

Eine Abschaffung des Bargeldes fordern namhafte Ökonomen aber auch, weil das die Möglichkeiten der Geldpo­litik steigert. Denn ohne Bargeld wird es unmöglich, Negativzinsen auszuweichen. Zu den prominentesten Protagonisten zählen hier der einstige Chefökonom und Bestsellerautor Kenneth Rogoff und Larry Summers, Ex-Finanzminister der Clinton-Administration und späterer Wirtschaftsberater von Barack Obama.

Doch solche Forderungen regen bereits jetzt erheblichen Widerstand an. Besonders hitzig verläuft die Diskussion in Deutschland – das von einer Abschaffung des 500-Euro-Scheins betroffen wäre. So hat sich dort auch eine Interessengruppe mit prominenten Gegnern eines drohendes Bargeldverbots gebildet. Darunter befinden sich Professoren von renommierten Universitäten und Berater des Bundeswirtschaftsministeriums. Sie fürchten sich davor, dass mit dem Verschwinden des Bargelds auch die Freiheit der Bürger schwindet.

In der Schweiz verläuft die Debatte zu einer Abschaffung des Bargelds deutlich ruhiger. Bislang nehmen sich mehrheitlich rechtsbürgerliche Kreise dieses Arguments an. Doch auch hierzulande haben sich schon Ökonomen gegen ein solches Ansinnen gewandt: Eine wichtige staatliche Institution wie das Bargeld sollte nicht leichtfertig abgeschafft werden, wenn es keinen zwingenden Grund dafür gibt, schreiben etwa Christian Beer, Ernest Gnan und der Zürcher Professor Urs Birchler in einem gemeinsamen Artikel. In der Schweiz ist das Bargeld auch wenig gefährdet, weil sich die Nationalbank klar hinter dieses stellt und von einer Abschaffung keiner Note etwas wissen will. Das hat sie auch gestern wieder klar bestätigt und mit der neuen Geldserie auch belegt.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.04.2016, 23:08 Uhr

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