Chinas abnormale Börse

Die Börse in China wird von Kleinanlegern beherrscht. Sie schwankt zwischen Restriktionen und Offenheit.

Millionen Kleinanleger beobachten die Kurse der Börse in China.

Millionen Kleinanleger beobachten die Kurse der Börse in China. Bild: Mark Schiefelbein/Keystone

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Chinas Börse ist am Montag um 8,5% abgestürzt – der zweitgrösste Fall dieses Marktes in einem Tag und der grösste seit der globalen Finanzkrise. Gestern stieg der Index in Shanghai dann wieder um 3,4%. Die Achterbahnfahrt ist noch längst nicht vorbei. Tatsächlich ist Chinas Börse eher ein Casino als ein Vergnügungspark. Kleinanleger machen 85% aller Transaktionen aus, im Gegensatz zu anderen grossen Märkten, auf denen institutionelle Anleger die grössten Händler sind.

Das Ergebnis ist keine Überraschung: ein äusserst volatiler Markt, in dem Gerüchte und Emotionen eine übergrosse Rolle spielen. Und diese Schwankungen sind der andere Grund, warum das Bild vom Casino zutrifft: Chinas Börse kann zweistellig ansteigen oder fallen, ohne einen breiteren Absturz der Wirtschaft auszulösen – wenigsten bisher. Beispielsweise hatte es keine Auswirkung auf Chinas Wachstum (das damals fast 10% betrug), als die Börse zwischen 2001 und 2005 die Hälfe ihres Wertes verlor – und auch nicht, als der Markt sich danach wieder erholte (und nach der Finanzkrise 2008 erneut dramatisch abstürzte).

Staatliche Intervention

Seitdem war Chinas Aktienmarkt, global gesehen, im Hintertreffen – jedenfalls bis zum vergangenen Jahr, als er die beste Leistung weltweit erzielte, mehr als 150% zulegte. Und dennoch dauert das Achterbahnmuster an: Der Absturz um 8,5% folgte auf den schnellsten Zweitagesanstieg seit 2008. Dem Anstieg war ein Verlust von fast einem Drittel des Marktwertes zwischen Mitte Juni und Anfang Juli vorausgegangen.

Die Unberechenbarkeit zeigt, wie gross die Herausforderung ist, wenn die Liberalisierung der Finanzmärkte in China reibungslos verlaufen soll. Nach einer umfangreichen Intervention der Regierung erholten sich die Preise. Aber eine Intervention wird kaum einen weiteren Absturz verhindern können.

Der Grund dafür ist, dass Chinas Börse weder völlig liquide noch global integriert ist. Zudem wird sie von unbeweglichem Geld von chinesischen Sparern dominiert – den Kleinanlegern. Die meisten Aktien auf Chinas Börsenparkett können erst seit 2009 überhaupt gehandelt werden. Bis die Reformen 2005 begannen, konnten zwei Drittel aller Aktien nicht gehandelt werden und wurden vom Staat kontrolliert. Bis heute sind Unternehmen in privater Hand immer noch die Minderheit der gelisteten Konzerne.

Abgeschottete Märkte

Natürlich hat das zu einer enormen Steigerung der Liquidität in den letzten paar Jahren geführt. Aber China verhängt auch Kapitalkontrollen über Investitionsgelder, sodass seine Märkte vergleichsweise abgeschottet bleiben. Umgekehrt haben Hunderte Millionen einfache chinesische Sparer keinen leichten Zugang zu globalen Märkten. Zudem sind die Zinsen für Spareinlagen gering (und waren auch schon negativ), und das vom Staat beherrschte Finanzsystem bietet kaum diversifizierte Produkte. So bleiben ihnen Immobilien und einheimische Aktien als die wichtigsten Investitionsmöglichkeiten.

Die grosse Frage ist nun, ob die Volatilität der letzten Zeit auf andere Märkte und die reale Wirtschaft überschwappen könnte. Der zweistellige Fall des Shanghai-Composite-Index seit Juni hat keine Wirtschaftskrise ausgelöst, weil weniger als 10% der chinesischen Haushalte am Börsenmarkt teilnehmen und Aktien weniger als 15% des Reichtums der Haushalte ausmachen.

Aber selbst wenn ein kleiner Bruchteil chinesischer Haushalte auf dem Papier Verluste schreibt, handelt es sich um Dutzende Millionen Menschen. Charakteristisch ist für einen Markt, der von Kleinanlegern beherrscht wird: Der «Herdentrieb» speist den Boom, und Abstürze werden wahrscheinlicher, weil Einzelpersonen davon ausgehen, dass andere Marktteilnehmer besser informiert sind.

So kann aus einem moderaten Verkauf schnell eine Stampede werden. Die Bemühungen der Regierung, die Tore zu schliessen, reichen nicht aus. Im Gegenteil, bis Chinas Börse sich öffnet und ihre institutionellen Grundlagen verlässlich werden, wird Volatilität die Regel sein.

Aus dem Englischen von Hans Brandt
© Project Syndicate, 2015.

Erstellt: 29.07.2015, 18:13 Uhr

Linda Yueh

Die Ökonomin lehrt an der Oxford University und der London Business School.

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