Das grosse Geschäft mit den aufgetauten Mammuts

Die Erderwärmung lässt Gletscher in Sibirien schmelzen. Nun kommen viele der ausgestorbenen Dickhäuter zum Vorschein. Damit wird es möglich, grosse Mengen an Elfenbein auszubeuten.

Ein einziger Zahn eines Mammuts ist ungefähr 150'000 Dollar wert: Ein Elfenbeinhändler und ein -jäger zeigen ihre Schätze. (Foto: Yuri Kozyrev / NOOR)

Ein einziger Zahn eines Mammuts ist ungefähr 150'000 Dollar wert: Ein Elfenbeinhändler und ein -jäger zeigen ihre Schätze. (Foto: Yuri Kozyrev / NOOR)

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Im Oktober 1999 startete in Sibirien die Operation «Heraus mit den Mammuts». Unter der Aufsicht des französischen Paläontologen Yves Coppens und des ebenfalls aus Frankreich stammenden Entdeckers Bernard Buigues durchlöcherten Arbeiter bei Temperaturen von minus 40 Grad mit Presslufthämmern wochenlang das sibirische Erdreich. Nach fünf Wochen stiessen sie auf den Schädel eines Wollhaarmammuts, das perfekt erhalten im Permafrost lag.

Die Überreste wurden ausgegraben und dann mit einem Helikopter des Typs Mil Mi-26 – dem stärksten Heli, der je gebaut wurde – ins sibirische Dorf Chatanga geflogen. Dort liegt das sogenannte Jarkow-Mammut seither gut gekühlt in einer Eishöhle. Das war vor zwanzig Jahren. Doch die Faszination für die Mammuts, die in Sibirien vor 10'000 bis 12'000 Jahren ausgestorben sind, ist nicht abgebrochen. Und jetzt wird daraus ein grosses Geschäft für das indigene Volk der Dolganen, das in Jakutien im Nordosten Russlands lebt. Für sie ist das Elfenbein der Mammuts zu einer wichtigen Einnahmequelle geworden. Denn mit der Erderwärmung schmelzen in Sibirien zunehmend die Gletscher, und der Permafrost taut auf, sodass immer mehr der toten Dickhäuter zum Vorschein kommen.

«Jäger des Eis-Elfenbeins» durchstreifen die Tundra

«Als ich klein war und wir uns in der Tundra mit unseren Rentieren von einem Weideplatz zu einem anderen bewegten, habe ich oft Stosszähne von Mammuts eingesammelt», erzählt die junge Dolganin Tatjana. «Mein Vater dachte jedoch, es habe keinen Sinn, die Überreste toter Tiere aufzubewahren. Hätte ich ihm nicht gehorcht, dann wäre ich heute reich.»

Laut Behördenangaben werden pro Jahr rund 100 Tonnen Elfenbein eingesammelt und exportiert. Das entspricht einem Marktwert von rund 50 Millionen Franken. Foto: Reuters

Nun kann Tatjana doch noch ein Geschäft machen. Denn zusammen mit ihrem Mann betreibt sie eine Herberge, in der mehr und mehr jener Leute absteigen, welche die Jakuten «die Jäger des Eis-Elfenbeins» nennen. Es sind Russen, aber auch Ausländer, die nach Jakutien reisen, um auf der Suche nach dem kostbaren Elfenbein die grossen sibirischen Tiefebenen zu durchstreifen.

Ihnen geht es nicht mehr um wissenschaftliche Ausgrabungen wie 1999 beim Jarkow-Mammut, sondern um Geld. Sie verkaufen die Stosszähne jener Tiere, die während Jahrmillionen die Steppen des heutigen Russland dominierten. Je nach Qualität des Elfenbeins kann ein «Jäger» bis zu 1000 Dollar pro Kilogramm einstreichen. Der Stosszahn eines ausgewachsenen Mammuts erreicht eine Länge von drei Metern und wiegt rund 150 Kilo. Ein Zahn ist also ungefähr 150'000 Dollar wert – ein echtes Vermögen, auch wenn die Kosten angesichts der schwierigen Anreise in die abgelegene sibirische Gegend hoch sind.

500'000 Tonnen Elfenbein liegen im Boden

Gemäss den russischen Behörden sind die gesamten Vorräte toter Mammuts, die sich noch im Erdreich befinden, riesig. Offizielle Statistiken sprechen von 500'000 Tonnen Elfenbein, die im jakutischen Boden auf die Ausbeutung warten. Laut den Behördenangaben werden zurzeit pro Jahr rund 100 Tonnen eingesammelt und exportiert. Das entspricht einem Marktwert von rund 50 Millionen Franken.

Dieser Wert könnte jedoch deutlich höher sein, denn aufgrund fehlender gesetzlicher Vorgaben hat sich ein Schwarzmarkt gebildet. Die illegale Ausbeutung und Ausfuhr der Elfenbeinvorkommen ist so gross, dass die Exporte in Wahrheit wohl eher bei 200 Tonnen pro Jahr liegen.

Das Problem mit den illegalen Elfenbeinjägern ist, dass sie zu allem bereit sind, um an die wertvolle Ressource zu kommen. Das geht vom Einsatz grosser, umweltzerstörender Wasserpumpen bis zur Zerstörung geschützter archäologischer Stätten. Gegenüber sibirischen Medien gab ein Elfenbeinschmuggler zu, dass er in den letzten zehn Jahren bei der Plünderung von mindestens sieben geschützten Mammutfriedhöfen dabei war.

Permafrost konservierte die Überreste der Urzeit-Tiere jahrtausendelang: Diese Stosszähne entdeckte ein Bauer im Dorf Oi in Jakutien zufällig. Foto: Yuri Kozyrev / NOOR

In einem Dokumentarfilm, den der staatliche Nachrichten-Fernsehsender Rossija 24 Anfang Jahr ausstrahlte, äusserte der Gouverneur von Jakutien seine Besorgnis über den wachsenden Elfenbein-Schwarzmarkt. Im russischen Parlament gab es seit fünf Jahren wiederholt Debatten zu dem Thema. Sie mündeten bisher aber nicht in ein Gesetzesvorhaben, um den illegalen Elfenbeinabbau und -handel zu unterbinden.

Während die jakutische Bevölkerung darauf wartet, dass Moskau mit einer Regelung vorwärtsmacht, geht der Run auf das Elfenbein munter weiter. Die Nachfrage wird besonders aus China getrieben. Vier Fünftel allen sibirischen Mammut-Elfenbeins werden dorthin exportiert. In China sind Skulpturen aus Elfenbein beliebt, und die Nachfrage ist regelrecht explodiert, nachdem die ­Regierung in Peking den Handel und die Einfuhr mit Elefanten-Elfenbein im März 2017 untersagt hatte. Kein Wunder, sind in den weiten Ebenen Sibiriens darum nicht ­selten Elfenbeinjäger aus China anzutreffen.



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Erstellt: 10.08.2019, 19:44 Uhr

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