«Manche Banken sind tatsächlich wenig vertrauenswürdig»

Geldpolitik ist sein Leben. Franken-Experte Ernst Baltensperger warnt im grossen Interview vor der nächsten Krise.

«Für die Nationalbank mache ich mildernde Umstände geltend»: Ernst Baltensperger. Foto: Adrian Moser

«Für die Nationalbank mache ich mildernde Umstände geltend»: Ernst Baltensperger. Foto: Adrian Moser

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Die Finanzkrise ist seit mehr als zehn Jahren vorbei. Die Notenbanken verfolgen aber weiterhin eine Tiefzinspolitik, und ihre Bilanzen sind immer noch viel grösser als vor der Krise. Was geht hier vor?
Ich verstehe die Geldpolitik der grossen Notenbanken, vor allem der Europäischen Zentralbank, nicht. Die EZB betreibt immer noch die Geldpolitik, die sie während der Finanzkrise eingeführt hat. Wir hatten in den letzten Jahren in der Eurozone ein vernünftiges Wachstum. Das hätte es der EZB erlaubt, ihre Politik zu normalisieren. Sie hat es nicht getan.

Das dürfte politische Gründe haben.
Ja. Die EZB ist die Zentralbank einer sehr bunt zusammengesetzten Währungsunion, zu der auch eine Reihe von Krisenstaaten gehören, die grosse Probleme mit ihren Schulden, ihren Arbeitsmärkten und ihren Banken haben. Dass die EZB mit ihrer Politik diesen Ländern unter die Arme greift, weist sie natürlich weit von sich. Indem sie die Zinsen tief hält und Staatsanleihen dieser Länder kauft, tut sie es trotzdem.

Die Schweizerische Nationalbank ist nur wenig besser.
Für die Nationalbank mache ich mildernde Umstände geltend. Sie würde es vorziehen, eine andere Geldpolitik zu betreiben, aber sie ist eingebunden in ein internationales Währungssystem. Sie will eine allzu starke Aufwertung des Frankens verhindern. Dies könnte leicht eintreffen, wenn etwa die Negativzinsen plötzlich ganz aufgehoben würden. Eine kleine Korrektur könnte die SNB durchaus wagen. Allerdings stellt sich die Frage, was das bringen würde.

Wie gross ist ihr Spielraum?
Die SNB kann nicht handeln, wie wenn sie auf einer einsamen Insel wäre. Das kann übrigens niemand, nicht einmal das amerikanische Federal Reserve. Das bedeutet aber nicht, dass wir gar keinen Spielraum hätten. Wir hatten über viele Jahre im Durchschnitt 1 bis 2 Prozent weniger Inflation als Europa. Das wäre bei einer festen Verbindung zu einer anderen Währung nicht möglich gewesen.

Die expansive Geldpolitik und die Null- oder Negativzinsen dürften noch länger anhalten. Was würde das bedeuten?
Die jetzige Politik führt zu Verzerrungen, die schädlich sind für die Wirtschaft. Zum einen regen die tiefen Zinsen zu weiterer Verschuldung der Staaten wie auch der Privaten an. Hohe Schulden sind immer riskant. Es werden Investitionen getätigt, die bei normalem Zinsniveau nicht profitabel wären. Unternehmen halten an Aktivitäten fest, die sich eigentlich nicht lohnen. Das kann sich rächen.

Staatsschulden europäischer Länder im Vergleich

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Wieso?
Weil es irgendwann korrigiert werden muss. Dann stehen Arbeitsplätze zur Disposition.

Wie müsste man denn die Geldpolitik normalisieren?
Es gibt zwei Möglichkeiten: Einerseits könnte man den Leitzins anheben, also vom Negativzins zuerst wieder in Richtung Nullzins und dann zu einem normalen Zinsniveau gehen. Andererseits könnten die Notenbanken ihre Bilanzen verkleinern, also Anlagen in Wertpapieren aller Art und Devisen verkaufen. Das würde aber dazu führen, dass die Preise dieser Anlagen fallen. Niemand hätte Freude daran. Es ist viel schwieriger zu einer normalen Geldpolitik zurückzukehren, als eine expansive Geldpolitik einzuführen.

Die Konjunkturaussichten sind derzeit nicht besonders gut. Also steht eine Normalisierung nicht im Vordergrund, sondern eher die Abwendung einer möglichen nächsten Krise.
Die Zentralbanken haben es versäumt, in den letzten fünf Jahren den Spielraum zurückzugewinnen, den sie vor der Krise hatten. Das ist ein grosser Fehler. Im Krisenfall stünden sie heute mit leeren Händen da. Die Zinsen sind schon bei null oder darunter. Sie könnten die Bilanzen noch mehr aufblähen. Aber die Glaubwürdigkeit und Wirkung grosser Wertpapier-Kaufprogramme dürfte angesichts der bereits enormen Zentralbankbilanzen zunehmend schwächer werden. Schon der Konjunktureffekt des bisherigen Kaufprogramms der EZB ist nicht eindeutig klar.

Aber es hat den betroffenen Staaten Geld verschafft.
Natürlich. Es hat den Krisenstaaten den Finanzhaushalt entlastet. Aber gleichzeitig hat dies den Anreiz für Reformen geschwächt, die dringend notwendig wären.

Das heisst, dass die nächste Krise schlimmer werden könnte, weil die Notenbanken nicht eingreifen können.
Das ist in der Tat besorgniserregend. Die Zentralbanken haben ihre hohe Reputation verdient, weil sie die letzte Krise entschieden bekämpft haben. Sie konnten die Zinsen stark senken und in hohem Umfang Vermögenswerte kaufen. Das wäre jetzt in der Form nicht mehr möglich.

Liegt der Grund dafür nicht in den Ansprüchen der Politik an die Zentralbanken, die viel weiter gehen als deren Auftrag?
Ja. Und einige Notenbanken haben diesen Ansprüchen zu stark nachgegeben. Der klassische Auftrag der Notenbanken ist Preisstabilität, ergänzend sollen sie die Konjunktur stabilisieren. Aber die Politik erwartet heute häufig viel mehr. Das führt zu einer Überforderung.

Dann dürfte die nächste Krise sehr viel drastischer ausfallen.
Es kann bedeuten, dass Banken insolvent werden und Guthaben verloren gehen. Politisch könnte es darauf hinauslaufen, dass der Staat noch stärker ins Finanzsystem eingreift und die Kapitalströme kontrollieren will, Preisschranken setzt, vielleicht Bargeld verbietet.

Wie kann man sich darauf vorbereiten?
Das ist für den Einzelnen schwierig. Die klassische Reaktion auf solche Gefahren ist, dass man vorsichtig wird und deshalb viel Liquidität hält. Das gilt nicht nur für Private, sondern auch für die Banken, die ihre Reserven bei den Zentralbanken lagern, selbst wenn sie dafür Negativzinsen bezahlen müssen. Eigentlich wollen die Notenbanken mit ihrer Geldpolitik ja das Gegenteil: dass Geld investiert wird. Aber dazu fehlt das Vertrauen.

«Die Zentralbanken haben es versäumt, den Spielraum zurückzugewinnen, den sie vor der Krise hatten.»

Warum fehlt das Vertrauen?
Die Verunsicherung hat zum Teil gute Gründe. Manche Banken etwa in Italien oder in Spanien sind tatsächlich wenig vertrauenswürdig. Da ist die Krise noch nicht überwunden.

Hätte man sie in Konkurs gehen lassen müssen?
Die Amerikaner haben hier besser gehandelt als die Europäer. Nach der Finanzkrise haben sie das Bankensystem konsequent reformiert. In Europa hat man Strukturen bewahrt statt saniert. Das hat mit der Eurozone zu tun. Die Bankensysteme sind noch immer weitgehend national reguliert, und jedes Land hat seine Banken geschützt.

Wie sieht es in der Schweiz aus?
Unsere Banken stehen viel besser da. Die Grossbanken haben sich im Zuge der «Too big to fail»-Regulierung stark verändert und ihre Bilanzen quasi halbiert.

Hat man in Europa verlernt, dass zu einer Marktwirtschaft das Scheitern gehört?
Das kann man so sagen, aber Banken sind diesbezüglich speziell. Die Insolvenz einer grossen Bank kann das Finanzsystem erschüttern und eine Finanzkrise auslösen. Das darf aber nicht heissen, dass man schlechte Strukturen aufrechterhält. Die Politik neigt dazu, im Finanzsystem und bei grossen Konzernen allzu direkt Einfluss zu nehmen.

Apropos politischer Einfluss auf Banken: Was halten Sie von einer Fusion von Commerzbank und Deutscher Bank?
Diese Fusion ergäbe eine grosse Bank aus zwei nicht sehr starken bisherigen Banken. Grösse wird meines Erachtens überschätzt. Für mich klingt das nicht erfolgversprechend. Ich würde da nicht investieren.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 31.03.2019, 17:32 Uhr

Ernst Baltensperger

Der aus Zürich stammende Wirtschaftswissenschafter Ernst Baltensperger lehrte Volkswirtschaft zuerst an der Ohio State University in Columbus (USA), dann in St. Gallen und schliesslich von 1984 bis 2007 in Bern. Er spezialisierte sich auf Geldtheorie, Geldpolitik, Banken und Finanzmärkte. Er war in verschiedenen Funktionen für die Schweizerische Nationalbank tätig. (red)

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