Das Silicon Valley setzt auf das «Robo-Investing»

In den USA wächst die Vermögensverwaltung per Mausklick rasant.

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Für zwei grosse Banken hat er schon gearbeitet. Aber wenn es um sein eigenes Geld geht, macht er heute einen Bogen um sie: «Die Finanzkrise hat eine Menge von Misstrauen geschaffen», sagt Cyril Dorsaz. Und: «Für ihre dürftigen Dienstleistungen belasten sie viel zu hohe Kommissionen.» Dorsaz ist einer von immer mehr Anlegern, die einen Teil ihres Vermögens von Computern verwalten lassen und damit sowohl Kosten sparen wie erprobte Anlagen tätigen wollen.

Ein langfristiger Horizont und ein überschaubares Risiko zeichnet das sogenannte Robo-Investing laut Dorsaz aus: «Ich misstraue den hohen Renditeversprechen der Banken. Mir genügt es, wenn ich auf 20 Jahre hinaus mit dem Aktienmarkt mithalten kann», sagt der frühere Kundenberater für Banken wie UBS und HSBC. Seit drei Jahren arbeitet er für Swissnex in San Francisco und verbindet Schweizer Firmen mit den neuen Technologien, Start-ups und Trends im Silicon Valley. Was er bislang bei Betterment, einer der neuen Robo-Verwaltungsfirmen gesehen hat, entspricht seinen Erwartungen. «Ich bin zufrieden mit den Resultaten.»

Die Generation der Millennials

Der Trend zur automatisierten, unpersönlichen Vermögensverwaltung begann vor fünf Jahren in New York. Der 30 Jahre alte Unternehmer Jon Stein gründete Betterment, die erste der Robo-Verwaltungsfirmen, die heute mit Kundengeldern von 2,2 Milliarden Dollar zu den Marktführern gehört.

2011 zog Wealthfront in Palo Alto nach. Mittlerweile hat sie den Pionier überholt: Die Firma verwaltet aktuell rund 2,3 Milliarden Dollar. Im letzten September waren es noch 1,7 Milliarden. Nach und nach löste San Francisco New York als Zentrum der neuen Geldverwalter ab. Firmen wie Sigfig, Future Advisor und Personal Capital profitierten von Risikokapital im Silicon Valley und präsentierten sich als intelligentere, transparente Alternative zu den Banken und zu etablierten Firmen wie Charles Schwab und Fidelity, die auf die Bedürfnisse der Babyboomer ausgerichtet waren. Robo-Investing dagegen ist eher etwas für die Millennials, sagt Sigfig-Vize Tomas Pueyo. «Junge Leute haben es für junge Leute erfunden.» Anders als bei etablierten Banken muss ein Kunde keine Million Dollar mitbringen. «10'000 Dollar sind genug», so Pueyo, «wir wollen Kunden unabhängig von der Höhe ihres Vermögens zufriedenstellen.»

Die Start-ups empfehlen Neukunden in aller Regel den Umstieg in eine Handvoll günstiger und breit gestreuter Indexfonds. Wie das Portfolio aussieht, hängt vom Zeithorizont ab, doch zeigt ein Vergleich der grossen Anbieter, dass sich die Anlagekörbe stark gleichen. Das Depot wird regelmässig angepasst. Stark gestiegene Fonds werden reduziert und in zurückgebliebene Anteile umgeschichtet. Verwendet werden fast durchwegs günstige ETFs - also Fonds die einen Index abbilden - von Vanguard, Fidelity und Barclays. Zudem versprechen die Firmen den Kunden, die Steuern zu optimieren, indem sie gezielt Kursverluste gegen Gewinne verrechnen. Die Kosten scheinen tief: Statt 1 bis 2 Prozent wie bei Banken zahlt man den Robo-Firmen eine Kommission von 0,25 Prozent.

Die Grösse allein zählt

Noch stecken diese Finanzdienstleister in den Anfängen. Im letzten September verwalteten sie nach Angaben der Strategieberater von Chappuis Halder weltweit 14 Milliarden Dollar, davon 87 Prozent in den USA. Das ist nur knapp ein Promille der 17'000 Milliarden in den Händen traditioneller Geldmanager. Doch das Wachstum ist stark: Ende dieses Jahres sollen laut Schätzungen bereits 50 bis 60 Milliarden Dollar bei den Robo-Firmen liegen. Sigfig gehe von jährlichen Zuwachsraten von 100 Prozent aus, sagt Pueyo, der einen ähnlichen Boom nur im Markt für Videospiele gesehen hat, wo er früher arbeitete.

Ab welcher Schwelle eine Firma wie Sigfig Geld macht, will Pueyo nicht sagen. Klar ist, dass die Firma dank der Grosszügigkeit von Risikogeldgebern wie Bain Capital überlebte, bevor sie zu einem Strategiewechsel gezwungen wurde. Sigfig konnte weniger als 70 Millionen Dollar Kundengelder an sich ziehen und entschied am 21. Juli, Kleinkunden aufzugeben und sich auf Geschäftskunden zu konzentrieren.

Ganz unerwartet kommt dies nicht. Will eine Robo-Firma finanziell Erfolg haben, braucht sie nach Ansicht von Branchenkennern Kundengelder von mehreren 10 Milliarden Dollar. Die Startprobleme von Sigfig und anderer Kleinfirmen schrecken Risikogeldgeber im Silicon Valley nicht ab. Allein letztes Jahr investierten sie 300 Millionen in diesen neuen Markt, in der vagen Hoffnung, dass die Firmen ihre junge Kundschaft so lange halten, bis diese mehr Einkommen und Vermögen hat und die Kommissionen steigen. Robo-Investing ist ein klassisches Mengengeschäft. Eine Differenzierung zwischen den Anbietern ist kaum zu erkennen.

Günstigere Alternativen

Klar ist aber auch, dass etablierte, persönliche Berater nicht aussterben. Die meisten sind mehr als nur Vermögensverwalter. Sie regeln Erbschaften, organisieren Hochzeiten und Beerdigungen, beraten in Karriere- und Schulfragen. «Komplizierte Vermögensverhältnisse sind bei persönlichen Beratern besser aufgehoben», räumt Pueyo ein.

Blake Ross, Miterfinder des Firefox-Browsers und Ex-Produktedirektor bei Facebook, ist skeptisch. «Silicon Valley zu Wallstreet-Preisen», sagt er über Robo-Verwalter und wirft ihnen vor, günstige Indexfonds mit einer zusätzlichen Verwaltungsgebühr zu belasten und so zu tun, als sei dies ein guter Deal. Der beste Deal, sagt Blake Ross – und wird darin von Warren Buffett unterstützt –, sei der direkte Kauf von Indexfonds von Vanguard. «Solche Aussagen dürften den Kostendruck auf die Robo-Firmen erhöhen», meint Dorsaz, «und auch die traditionellen Banken zu günstigeren Anlageformen zwingen.»

Erstellt: 07.08.2015, 20:55 Uhr

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