Den Finanzkrisen folgt ein Rechtsruck

Seit zehn Jahren feiern rechtspopulistische Parteien Wahlerfolg um Wahlerfolg. Kein Zufall, wie eine Studie nahelegt.

Die Finanzkrise von 2008 begründete ihren Aufstieg: Die Führungsriege der AfD nach den Bundestagswahlen von 2017. Foto: Thomas Trutschel (Getty Images)

Die Finanzkrise von 2008 begründete ihren Aufstieg: Die Führungsriege der AfD nach den Bundestagswahlen von 2017. Foto: Thomas Trutschel (Getty Images)

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Die Protestcamps haben sich längst aufgelöst, den Banken wurden strengere Regeln verpasst, die Aktienmärkte florieren, und die Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie schon lange nicht mehr. Zum zehnten Mal jährte sich am 15. September 2018 die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers, die als Startpunkt der weltweiten Finanzkrise gilt. Fast könnte man meinen, dass man dieses Kapitel der Geschichte schliessen kann. Dass man den Tag, an dem die Banker in New York mit Pappkartons aus dem Gebäude am Times Square liefen, in die Geschichtsbücher verbannen kann. 

Doch der Schein trügt: Eine ganze Reihe von Folgen der Krise spüren wir bis heute – und das nicht nur im Wirtschaftsleben. Eine brisante Studie des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) stellt einen direkten Zusammenhang zwischen Finanzkrisen und dem Erstarken rechter, populistischer Parteien her. Ukip in Grossbritannien, die dänische Folkeparti, der Front National in Frankreich, die AfD in Deutschland, die niederländische Partei für die Freiheit oder Donald Trump in den USA. Ihre Erfolge überraschen nicht, wenn man die historischen Daten der Ökonomen betrachtet.

Scharfe Rechtsrucke seien auch nach regionalen Finanzkrisen zu beobachten, schreiben die Autoren.

Christoph Trebesch, Manuel Funke und Moritz Schularick haben drei Jahre lang an einer Auswertung von Wahlergebnissen nach Finanzkrisen gearbeitet. Sie haben die Daten von 827 Wahlen in 20 Industrieländern analysiert, darunter die Schweiz. Der untersuchte Zeitraum reicht von 1870 bis 2014. Die Liste ihrer Studienergebnisse liest sich wie eine Beschreibung der aktuellen politischen Lage in vielen Euro­päischen Ländern: Nach Finanz­krisen schwinden die Regierungsmehrheiten, die Zahl der Parteien in den Parlamenten steigt, und – das wichtigste Ergebnis – rechtspopulistische Parteien gewinnen an Bedeutung. «Im Durchschnitt steigt der Stimmanteil von Rechtsaussenparteien in den fünf Jahren nach einer Finanzkrise um rund 30  Prozent im Vergleich zum Vorkrisenniveau», schreiben die Ökonomen.

Besonders stark war dieser Effekt nach der Grossen Depression der 1930er-Jahre sowie nach der jüngsten Finanzkrise. Aber: Die Resultate haben auch dann Bestand, wenn diese zwei signifikanten Episoden ausgeklammert werden. Scharfe Rechtsrucke seien auch nach regionalen Finanzkrisen zu beobachten, schreiben die Autoren, etwa nach der skandinavischen Banken­krise der späten 1980er-Jahre oder nach der Krise Anfang der 1990er-Jahre in Italien.

Sehr monokausal

Der Aufstieg der SVP, so die drei Ökonomen, falle mit der Wirtschaftskrise von 1991 in der Schweiz zusammen. Von Beginn bis Ende der 1990er-Jahre steigerte die SVP ihren Wähleranteil von rund 12 auf über 22 Prozent. Anhand des Schweizer Beispiels wird jedoch auch gleich deutlich, was der Studie zum Vorwurf gemacht werden kann: Sie ist sehr monokausal. Bekanntlich hatte der Aufstieg der SVP nicht nur mit der Krise der 1990er-Jahre zu tun, sondern auch mit Faktoren wie der EWR-Abstimmung oder der Globalisierung. 

Dasselbe gilt für die Wahlerfolge anderer Parteien in anderen Ländern. So stand die Gründung der AfD in Deutschland zwar noch in Zusammenhang mit der Finanzkrise. Die Partei setzte sich anfangs in erster Linie für die Aufhebung des Euroraums ein. Doch die zuletzt starke Zunahme ihres Wähleranteils ist mit dem neuen Fokus auf Migrationsthemen zu erklären und nicht mit der Eurokrise.

Menschen mit Abstiegsängsten wählen nicht automatisch links.

Den statistischen Befund vermögen solche Einwände aber nicht zu entkräften. Schliesslich versucht die Studie nicht zu erklären, weshalb Finanzkrisen zu einem Rechtsruck führen. Sie zeigt lediglich, dass es einen Zusammenhang gibt. Die Studie weist eine Korrelation nach, keine Kausalität.

In mehreren Interviews versuchen die drei Studienautoren allerdings durchaus zu erklären, weshalb Finanzkrisen zu einem Rechtsruck führen. So sagte Moritz Schularick kürzlich in einer Sendung in der ARD: «Die Leute scheinen in Krisenzeiten keine Experimente zu wollen. Sie haben Angst ums Geld. Sie wollen Stabilität und Ordnung. Aber sie wollen auch jemanden zur Verantwortung ziehen. Und da sind die Rechten einfach wesentlich erfolgreicher darin.»

Umstrittene Auswirkungen

Die Autoren hatten zunächst nicht erwartet, dass vor allem rechte Parteien von Finanzkrisen profitieren. «Wenn der Kapitalismus infrage gestellt wird, würde man vermuten, dass vor allem antikapitalistische Parteien Zulauf bekommen», sagte Co-Autor Christoph Trebesch. Das Gegenteil ist der Fall, was Schularick mit Abstiegsängsten, vor allem der unteren Mittelschicht, erklärte: «Man muss schon erst mal ein bisschen etwas haben, um Angst zu haben, dass man etwas verlieren kann.»

Wie sich Abstiegsängste auf das Wahlverhalten auswirken, ist in der politischen Literatur umstritten. Autoren, die von nutzenmaximierenden Wählern ausgehen, rechnen meist damit, dass Menschen mit Abstiegsängsten linke Parteien wählen. Damit wollten sie eine bessere soziale Absicherung erwirken für den Fall eines Wohlstandsverlusts.

Identifikation mit «Anständigen und Fleissigen»

Verschiedene Studien kommen jedoch zum gegenteiligen Schluss: Abstiegsängste führen demnach zu einer starken Identifikation mit der eigenen Gruppe, die sich über Kultur und ­Status abgrenzt. So sprechen die österreichischen Forscher Jörg Flecker und Manfred Krenn in einer 2004 erschienenen Studie von der Gruppe der «Anständigen und Fleissigen», mit der sich die Leute in unsicheren Zeiten identifizierten. Zudem werde dann auf Personen verwiesen, die sich nicht im gleichen Ausmass den Anforderungen der Arbeitswelt unterwürfen, für die aber dennoch besser gesorgt werde. Im Wesentlichen zielt diese Kritik auf zwei Gruppen: auf die Elite, die für eine Finanzkrise mitverantwortlich gemacht wird, aber ungeschoren davonkomme, und auf Migranten, die von den sozialen Sicherungssystemen profitierten.

Die österreichischen Autoren schreiben dazu: «Auf diese ­Wahrnehmung zielt der Rechtspopulismus ab, wenn er ein nach oben gegenüber den betrügerischen Eliten und nach unten gegen die Unterklassen abgegrenztes Volk konstruiert.» Flecker und Krenn liefern damit quasi die theoretische Verknüpfung zwischen wirtschaftlicher Unsicherheit und der Wahl rechtspopulistischer Parteien.

Zehn Jahre später

Die Studie von Funke, Schularick und Trebesch, die diesen Zusammenhang feststellte, wurde vor zwei Jahren publiziert. Vor wenigen Tagen legten die drei Ökonomen ein weiteres Papier nach. Es ist der Versuch einer Erklärung. Denn ein Befund aus ihrer Studie wird im Moment gerade widerlegt. Rund zehn Jahre nach einer Krise normalisiere sich das Wahlverhalten wieder, hatten sie geschrieben. An diesem Punkt sind wir jetzt. Doch auf eine Normalisierung deutet nichts hin.

«Dieses Mal ist es anders», schreiben die Autoren. Das etablierte politische System stolpere weiterhin von einem Schock zum nächsten. Eine eigentliche Erklärung dafür liefern sie nicht, lediglich denkbare Gründe. Der Wichtigste: Die Finanzkrise von 2008 sei ein nachhaltiger Schock gewesen, mit weiterreichenden Folgen als die durchschnittliche Finanzkrise.

Erstellt: 24.09.2018, 21:39 Uhr

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