Der Wechsel vom Libor zum Saron verlangt den Banken viel ab

Wie die Zinsen variabler Hypotheken ab 2022 berechnet werden, ist noch unklar.

Grossbanken rechnen für die Zinsumstellung mit Kosten von bis zu 400 Millionen Dollar – je Institut.

Grossbanken rechnen für die Zinsumstellung mit Kosten von bis zu 400 Millionen Dollar – je Institut. Bild: Dominique Meienberg

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Sicher ist: Ende 2021 ist Schluss mit dem Libor, dem weltweit wichtigsten Referenzzinssatz. Bis dahin müssen die fünf Währungsräume Dollar, Euro, Yen, Pfund und Schweizer Franken, die den Libor verwenden, einen neuen praktikablen Richtsatz lanciert haben.

In der Schweiz – auch das ist beschlossene Sache – wird diese Funktion dem Saron zufallen. Saron steht für Swiss Average Overnight Rate – zu diesem Zinssatz leihen sich Banken untereinander Geld gegen Hinterlegung von Sicherheiten für einen Tag respektive «über Nacht».

Noch etwas zeigt sich heute in aller Deutlichkeit: Insbesondere für die grossen international tätigen Banken ist die Ablösung des Libor durch einen neuen Referenzzins eine aufwendige, hoch komplexe und kostspielige Übung. Die Bankenwächter messen dem Thema denn auch hohe Priorität zu.

So haben die britischen ­Finanzaufseher in einem an die in London vertretenen Grossbanken – darunter auch UBS und Credit Suisse – gerichteten Brief verlangt, dass die Institute bis Mitte Dezember Aufschluss über die mit der Libor-Ablösung verbundenen Schlüsselrisiken geben, die von ihnen geplanten Massnahmen darlegen und einen dafür verantwortlichen leitenden Manager benennen.

«Keinerlei Erfahrung»

Die Wachsamkeit der Aufseher kommt nicht von ungefähr. «Die Auswirkungen auf die Banken sind immens», sagt Ingo Rauser, Partner von Capco Schweiz, ein auf den Finanzsektor spezialisierter Firmenberater. «Die Ablösung des Libor zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Wertschöpfungskette, vom Kundenkontakt bis zum Verarbeitungszentrum.»

Es sei etwa so, wie wenn man bei einem Haus das Fundament auswechsle, ohne dass die Stockwerke darüber beschädigt werden, sagt Rauser. «Die dafür noch verbleibende Zeit von gut drei Jahren ist gar nicht so lang, wie es scheinen mag.»

Nach Aussage von Eveline Hunziker, die beim Firmenberater EY Schweiz auf Finanzdienstleister spezialisiert ist, rechnen Grossbanken für die ganze Zinsumstellung mit Kosten von bis zu 400 Millionen Dollar – je Institut. In einzelnen Konzernen müssten bis zu 500 Systeme in der Informationstechnik angepasst werden.

«Mit der Komplexität dieser Aufgabe steigen auch die operationellen Risiken», sagte Hunziker gestern an einer Medienorientierung, und eben dies ­sei eine der Hauptsorgen der ­Finanzmarktaufsicht Finma. «Hinzu kommt», so die EY-Expertin, «dass wir über keinerlei Erfahrung mit einer ­solchen Umstellung verfügen.»

Beantwortet werden muss erst mal die Frage: Wie kann der Eintageszinssatz Saron so weiterentwickelt werden, dass er künftig als neue Referenzgrösse für drei- oder sechsmonatige Finanzprodukte wie zum Beispiel Hypotheken taugt? Auf diesem Weg des Übergangs wurde gestern ein Meilenstein passiert: Erstmals sind an der Terminbörse Eurex Terminkontrakte (Futures) mit dreimonatiger Laufzeit auf den Saron gehandelt worden.

Hyponehmer im Ungewissen

Falls der Handel in Saron-Futures bis 2021 ein so grosses Volumen erreicht, dass er eine verlässliche Preisbildung erlaubt, könnte der Zins für künftige variable Drei- oder Sechsmonatshypotheken auf der Basis von Saron-Terminkontrakten festgelegt werden. Für Hypothekarschuldner ist dies die vorteilhaftere ­Lösung. Denn so ist ihnen jeweils im Voraus bekannt, wie hoch ihr Hypozinssatz ausfällt.

Und wenn die Saron-Futures nicht als Richtwert herangezogen werden können? Dann müsste der Zinssatz zum Beispiel für eine Dreimonatshypothek als Durchschnitt aus dem täglichen Saron für die nächsten drei Monate ab Vertragsabschluss ermittelt werden. Die Schuldner wüssten somit erst im Nachhinein Bescheid über den Hypozins – und würden derartige Produkte wohl meiden. Daher gibt es laut Eveline Hunziker Überlegungen seitens der Banken, eine Zinsobergrenze einzubauen, um das Risiko für die Hypothekarnehmer zu begrenzen. 

In Sachen Saron ist also noch sehr vieles in Bewegung. 

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 30.10.2018, 06:36 Uhr

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