Die Finanzelite macht dem Bargeld den Prozess

Prominente Vertreter von Nationalbanken und Universitäten hielten in Frankfurt einen Schauprozess ab. Nur der Angeklagte schaffte es nicht auf die Bühne.

«Cash on trial»: In Frankfurt wurde dem Bargeld der Prozess gemacht. SNB-Vize Fritz Zurbrügg (links) trat als Verteidiger auf. Bild: Tim Wegner/laif

«Cash on trial»: In Frankfurt wurde dem Bargeld der Prozess gemacht. SNB-Vize Fritz Zurbrügg (links) trat als Verteidiger auf. Bild: Tim Wegner/laif

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Die Vorwürfe sind heftig. Bargeld sei ein ineffizientes Zahlungsmittel, es sei ein wichtiger Bestandteil bei kriminellen Geschäften und verhindere, dass die Zentralbanken die Negativzinsen auch wirksam umsetzen könnten. Die Anschuldigungen wurden vor wenigen Tagen in einer spektakulären Schauverhandlung im English Theater in Frankfurt vorgebracht. Inszeniert wurde diese vom European Money and Finance Forum (Suerf). Die Vereinigung von Akademikern und Notenbankern hat vor einigen Jahren in Zürich eine ähnliche Verhandlung abgehalten. Damals wurde das Bargeld freigesprochen.

Diesmal standen die Chancen schlechter. Der Ruf des Bargelds hat weiter gelitten. Fliegen Drogendealer auf, zeigt die Polizei als Beute meist einen Sack voller Noten. Der 500-Euro-Schein verschwindet, um Kriminellen das Leben schwerer zu machen, und in Schweden wird es immer schwieriger, überhaupt an Bargeld zu kommen, weil wegen sinkender Nachfrage schon so viele Bancomaten abmontiert wurden.

Mitten in einem der wichtigsten Bankenviertel der Welt: Im Schauprozess werden auch Zeugen befragt. Bild: Tim Wegner/laif

Das English Theater befindet sich mitten in einem der wichtigsten Bankenviertel der Welt. Die Türme der Commerzbank, des zweitgrössten Geldhauses Deutschlands, ragen über das Schauspielhaus. Konzipiert wurde die Aufführung von der Schweizer Dramaturgin Barbara Ellenberger und Urs Birchler, emeritierter Bankenprofessor der Uni Zürich. Ein Gerichtssaal wurde nicht eingerichtet. Richter, Anklage und Verteidigung treffen sich in einer Küche. Sie ist der Schauplatz des Stücks «The Children», das derzeit im English Theater aufgeführt wird.

Die Ausgangslage

Anklage und Verteidigung konnten Zeugen einladen. Beide Seiten zählten auf renommierte Experten. Die Verteidiger des Bargelds setzten unter anderen auf Fritz Zurbrügg, Vizechef der Schweizerischen Nationalbank, und Friedrich Schneider, Geldwäschereiexperte aus Linz. Die Anklage vertraute unter anderen auf Katrin Assenmacher, Abteilungsleiterin für geldpolitische Strategie bei der Europäischen Zentralbank, und Simon Riondet, Chefermittler von Europol. Als unabhängige Expertin trat Cecilia Skingsley, Vizegouverneurin der schwedischen Zentralbank, auf.

Da Notenbanker mit ihren Äusserungen sehr vorsichtig sind, darf nur von ihren Argumenten berichtet werden, nicht aber, wer was gesagt hat. Das sorgt dafür, dass frei diskutiert wird – kritische Fragen des Richters und Zwischenrufe aus dem Publikum bringen die Experten ins Schwitzen. Gute Konter werden beklatscht, schlechte sofort kritisiert – sogar Buhrufe sind ab und an zu vernehmen.

Die Anklage

Die Anklage rief die ersten Zeugen auf. Diese zeigten auf, dass die Zeit des Bargelds wegen der technischen Entwicklung abläuft. Je besser ein Land entwickelt ist, desto kleiner ist der Anteil an Bargeldtransaktionen. Hat sich eine Bezahl-App etabliert, verläuft die Entwicklung rasant. In Schweden nimmt die Anzahl der Bargeldtransaktionen pro Jahr um 25 Prozent ab. Es gibt auch wirtschaftliche Gründe, die gegen Noten und Münzen sprechen. Den internationalen Finanzdienstleistern entstehen laut am Prozess vorgebrachten Studien jährliche Kosten von rund 40 Milliarden Franken. Zudem sind die Noten und Münzen voller Keime.

Dieses Argument wurde prompt aus dem Publikum gekontert: Auf dem Smartphone gebe es noch viel mehr Krankheitserreger. Und: Wieso sollten die Bürger ein funktionierendes Bargeldsystem aufgeben, nur damit die Banken Geld sparen? Dann legte die Verteidigung nach. Schweden habe jüngst die Empfehlung ausgegeben, dass jeder Haushalt für den Fall einer Krise einen Notvorrat an Bargeld halten solle. Das wäre dann der Fall, wenn der Strom ausfällt und keine elektronischen Zahlungen mehr möglich sind. Ein Experte führte aus, dass die digitale E-Krona, mit der derzeit in Schweden experimentiert wird, kein Ersatz für das Bargeld, sondern eine Ergänzung dazu sei. Münzen und Noten sollen im Notfall verteilt werden können.

«Cash ist bei den Verbrechern King.»

«Bezahl-Apps sind Schönwetter-Zahlmittel», rief die Verteidigung. Das zeige auch das Beispiel Island. Dort hat seit der Bankenkrise von 2008 das Vertrauen in die Banken ab- und die Bargeldnutzung deutlich zugenommen. Und wenn die Bezahl-Apps plötzlich teurer werden? Heute mögen sie für die Kunden gratis sein, aber was, wenn es Monopole gibt und eine Transaktion plötzlich kostet?

Die Anklage liess nicht locker. «Cash ist bei den Verbrechern King», sagte ein Experte. Kryptowährungen würden beim internationalen Drogenhandel kaum eine Rolle spielen. Grosse Noten, wie der 1000-Franken-Schein, würden sich bestens für Kriminelle eignen. Das Geld lasse sich damit waschen.

Auch die Anklage war mit internationaler Prominenz vertreten, etwa mit dem Chefermittler von Europol. Bild: Tim Wegner/laif

Dann wurden die Ausführungen der Anklage komplexer. Bargeld mache es den Bankkunden möglich, ihr Geld vom Konto abzuziehen. Dadurch würden die Negativzinsen, als ein geldpolitisches Instrument, ihre Wirkung verlieren. Wenn es kein Bargeld gebe, müssten die Banken die Sparzinsen in den negativen Bereich absenken. Dann würde das Kapital im Land investiert und bliebe nicht einfach auf dem Konto liegen. Somit wäre das Leben ohne Bargeld für die Notenbanken einfacher. «Meinen Sie das ernst?», ruft jemand aus dem Publikum. Dadurch hätten die Bürger keine Wahl mehr. Die Experten der Anklage erwiderten: «Wenn Banken die Sparzinsen stärker in den negativen Bereich drücken können, geht es den Geldhäusern besser. Und davon profitiert die ganze Wirtschaft.»

Die Verteidigung

Dann übernahmen die Experten der Verteidigung die Bühne. «Die Nachfrage nach Bargeld ist gross.» Auch wenn es in einigen Ländern im Vergleich zu anderen Zahlmitteln an Bedeutung verliere, steige die Anzahl der ausgegeben Banknoten an, und zwar auch derjenigen mit einem geringen Wert. Dies gelte für die Eurozone, die USA und auch die Schweiz. Auch grössere Anschaffungen wie Autos würden in vielen Ländern noch bar bezahlt.

Laut Studien würden die Schwarzarbeit und die Kriminalität nur leicht abnehmen, wenn es kein Bargeld mehr geben würde. Auch die Zeiten von Drogendealern mit säckeweise Bargeld seien schon lange vorbei, die Noten seien für Kriminelle einfach zu unpraktisch. Das grosse Geld werde heute über andere Kanäle gewaschen. Das zeige der Skandal um die Danske Bank. Über die estnische Filiale der Bank sollen 7,5 Milliarden Euro aus umstrittenen Geschäften in den legalen Geldkreislauf geschleust worden sein. Der Drogenhandel setze jedes Jahr Hunderte Milliarden um, wieso nicht die Drogenpolitik ändern, statt das Bargeld abschaffen? Auch Terroristen seien nicht auf grosse Bündel Bargeld angewiesen. Ein Anschlag koste nur wenige Tausend Euro.

«Hohe Negativzinsen führen dazu, dass die Bürger noch mehr sparen.»

Die Verteidigung holte weiter aus und versuchte, den letzten Anklagepunkt zu entkräften: «Hohe Negativzinsen führen dazu, dass die Bürger noch mehr sparen.» Sie hätten oft konkrete Sparziele und liessen ihr Geld so lange auf dem Konto, bis sie das Ziel erreicht hätten. Ganz unabhängig davon, ob ihr Guthaben durch Minuszinsen belastet werde. Und: «Werden die Negativzinsen zu schnell eingeführt oder angehoben, verlieren die Bürger das Vertrauen und machen nicht mehr mit.»

«Billige Argumente!» Das Publikum war erstaunt über das Urteil. Bild: Tim Wegner/laif

Die Verteidigung brachte als letzten Punkt die Privatsphäre vor: «Die Nutzerdaten werden immer wertvoller.» Bezahle ein Kunde elektronisch, gebe er diese leichtfertig aus der Hand. «Bargeld gibt ihm die Macht, über seine Daten zu entscheiden.» Seine Privatsphäre solle der Bürger auch gegenüber dem Staat wahren können. Der Richter hakte nach: «Hat der Staat nicht auch ein Recht auf Steuern?» Und aus dem Publikum fragte jemand: «Wie soll man dann erkennen können, dass es illegale Geldspenden gegeben hat oder der Terrorismus finanziert wurde?»

Das Urteil

Dann zog sich die achtköpfige Jury zur Beratung zurück. Ein Philosoph erinnerte in der Zwischenzeit daran, wie in China gerade die Privatsphäre eliminiert werde. Dafür kann jeder per Gesichtserkennung einen Kaffee kaufen. Es war eine Vorwegnahme des Urteils. Die Jury sprach das Bargeld frei. Der Anklage sei es nicht gelungen, aufzuzeigen, dass Bargeld ineffizient sei. Auf die Kriminalität habe es kaum einen Einfluss, und Negativzinsen würden ja schon erhoben, deshalb sei das kein Grund für die Abschaffung des Bargelds. Das Publikum war hörbar erstaunt, dass der Freispruch so klar war. «Billige Argumente», rief einer. Der Richter schloss die Verhandlung mit den Worten, dass dies wohl nur ein Freispruch auf Zeit sein könne.

Erstellt: 31.05.2019, 20:28 Uhr

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