Die Jagd nach dem Währungsphantom

Er ist reich, er ist genial – und sein Werk könnte das ganze Finanzsystem revolutionieren: Der unbekannte Erfinder der Internetwährung Bitcoin. Jetzt gibt es eine neue Spur.

Laut Australiens Polizei hatte die Durchsuchung von Craig Wrights Haus in Sydney nichts mit Bitcoin zu tun. Foto: David Gray (Reuters)

Laut Australiens Polizei hatte die Durchsuchung von Craig Wrights Haus in Sydney nichts mit Bitcoin zu tun. Foto: David Gray (Reuters)

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Eigentlich wäre er für den Wirtschaftsnobelpreis 2016 nominiert: Satoshi ­Nakamoto. Finanzprofessor Bhagwan Chowdhry von der Universität Los Angelas gehört dieses Mal zum erlauchten Kreis jener Experten, die einen Preisträger vorschlagen dürfen. Und im November kündigte Chowdhry in der «Huffington Post» an, dass er seine Stimme dem Erfinder des digitalen Währungssystems Bitcoin gibt. Der Grund: Nakamotos Arbeit sei revolutionär und werde die Finanzwelt völlig umkrempeln. Von der Rolle der Notenbanken in der Geldpolitik bis zu Geldüberweisungen mit Western Union oder den Gebühren, die Visa, Mastercard oder Paypal heute kassieren – die neue Technologie stelle all das infrage. Tatsächlich ist das System hinter der Internetwährung so ausgeklügelt, dass sich mittlerweile sogar die traditionelle Finanzindustrie dafür interessiert.

Das Problem an Chowdhrys Vorschlag: Die Nomination von Nakamoto ist nicht nur chancenlos. Sie ist sogar ungültig. Und zwar nicht etwa darum, weil er kein Ökonom ist. Sondern weil er viel fundamentalere Bedingungen nicht erfüllt: Satoshi Nakamoto ist keine reale Person und vielleicht gar nicht mehr am Leben. Es ist ein Pseudonym, von dem nicht einmal bekannt ist, ob sich dahinter eine einzelne Person oder eine ganze Gruppe verbirgt. Der oder die Hintermänner haben ihre Anonymität seit der Lancierung der Internetwährung im Januar 2009 sorgfältig bewahrt.

470 Millionen Dollar

Damit könnte es nun vorbei sein. Zwei US-Internetplattformen haben praktisch zeitgleich Artikel veröffentlicht, wonach der Australier Craig Steven Wright hinter dem Tarnnamen stecken könnte – ein 44-jähriger Sicherheitsexperte mit zahlreichen Titeln und Studienabschlüssen, dessen Name bislang noch nie in diesem Zusammenhang gefallen ist und in der Bitcoin-Szene kaum bekannt ist. Auffällig sind – wenn überhaupt – seine geschäftlichen Aktivitäten: zahlreiche Firmengründungen und -pleiten, mindestens ein Gerichtsverfahren mit ehemaligen Geschäftspartnern und Probleme mit den Steuerbehörden.

Die beiden Portale «Gizmodo» und «Wired» stützen sich bei ihren Geschichten auf das gleiche Material, das ihnen ein Hacker zugespielt haben soll. Gemäss diesen Unterlagen hat Wright wiederholt eine E-Mail-Adresse verwendet, die jener Nakamotos auffällig ähnlich ist. Ausserdem sollen (mittlerweile gelöschte) Blogeinträge belegen, dass der Australier bereits über die Internetwährung geschrieben hat, bevor sie lanciert wurde. Darüber hinaus wird aus einem Protokoll zitiert, in dem Wright im Rahmen einer Steueruntersuchung zugegeben haben soll, dass er hinter Bitcoin steckt.

Die Autoren berichten auch von Menschen aus dem erweiterten Umfeld, die aussagen, Wright habe ihnen erzählt, er und sein 2013 in völliger Armut verstorbener Freund Dave Kleiman steckten hinter dem Pseudonym. Und sie listen zahlreiche Indizien auf, die alle in diese Richtung führen – unter anderem ein Investmentvehikel, in dem 1,1 Millionen Bitcoins platziert sind. Eine Menge, die in etwa dem Vermögen entspricht, das man bislang bei Nakamoto vermutet hat. Das Vehikel würde auch erklären, wieso der Bitcoin-Schatz, der nach aktuellen Berechnungen rund 470 Millionen Dollar wert ist, seit bald sieben Jahren nicht angefasst wurde: Die Summe ist darin nämlich bis zum 1. Januar 2020 blockiert.

Razzia nach der Enttarnung

Dazu würde auch passen, dass Wrights Haus in Australien nur Stunden nach der Veröffentlichung von der dortigen Polizei durchsucht worden ist. Allerdings dementiert diese einen Zusammenhang. Die Razzia stehe in Verbindung mit einem Steuerverfahren, das gegen eine von Wrights Firmen hängig ist. Wright selbst hat Australien in der Zwischenzeit verlassen. Wie lokale Medien berichten, waren die Zügelautos schon vor Tagen da, laut seinem Vermieter wollte er nach London auswandern.

Ist er es, oder ist er es nicht? Die Zweifel sind gross – und sogar die Autoren halten sich ein Hintertürchen offen. «Entweder hat Craig Wright Bitcoin erfunden, oder er ist ein brillanter Schwindler, der uns unbedingt glaubhaft machen will, dass er es war», schreibt etwa «Wired». Ein Journalist der «New York Times», dem das gleiche Material laut eigener Aussage ebenfalls angeboten wurde, liess die Story aus diesem Grund fallen: Wrights Persönlichkeit passe nicht zum Profil des Bitcoin-Erfinders.

Es wäre nicht das erste Mal, dass US-Medien den falschen Nakamoto enttarnen. 2014 präsentierte das US-Magazin «Newsweek» einen 64-jährigen arbeitslosen japanisch-amerikanischen Ingenieur, der nicht wusste, wie ihm geschah – und provozierte damit die erste Reaktion des «richtigen» Satoshi Nakamoto seit Jahren: ein Dementi.

Ein solches steht nach den jüngsten Berichten noch aus. Auch Wright selbst hat sich nicht geäussert. Ein weiteres Dementi von Nakamoto hätte aber zumindest einen Vorteil: Ein grundlegendes Kriterium für den Erhalt des Nobelpreises wäre damit erfüllt. Ob real oder nicht – zumindest am Leben wäre er.

Erstellt: 09.12.2015, 21:40 Uhr

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