Die nächste Stufe in der Geldpolitik – das Bargeld abschaffen

Andrew Haldane, Chefökonom der britischen Notenbank, gilt als einer der hellsten Köpfe unter den Geldpolitikern. Wenn er über die Ausmerzung von Cash sinniert, hat das schon einiges Gewicht.

Bargeld, das neu ausgemachte Hemmnis der Notenbanken - frisch gedruckte Dollarscheine.

Bargeld, das neu ausgemachte Hemmnis der Notenbanken - frisch gedruckte Dollarscheine. Bild: Gary Cameron/Reuters

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Verfügen die Notenbanken über ein hinreichend wirksames Instrumentarium, um in Zeiten permanenter Wirtschaftskrisen und deflationärer Einflüsse für Preisstabilität und Wachstum zu sorgen? Andrew Haldane, der international hoch angesehene Chefökonom der Bank of England (BOE), hat da seine Zweifel. Dass er die Vorbehalte gerade jetzt äussert, da die Notenbanken der USA und Grossbritanniens Kurs auf eine erste Leitzinserhöhung – und damit auf eine Normalisierung ihrer Geldpolitik – nehmen, mag überraschen. Doch Haldane hat eine andere Sicht der Dinge: Für ihn ist es «sehr viel wahrscheinlicher als nicht», dass die Zinssätze an einem gewissen Punkt in der Zukunft wieder gegen null tendieren müssten, wie er in einer Rede vor Wochenfrist ausführte.

Nach Haldanes Einschätzung steckt die Weltwirtschaft seit 2008 in einer anhaltenden Krise, die nun in ihre dritte Phase tritt. Als erste Phase erachtet er die «angelsächsische Krise» von 2008/09, ausgelöst durch die geplatzte Immobilienblase in den USA. Die zweite Phase umfasste die Eurokrise von 2010/11/12 – und jetzt droht als drittes eine Krise in den Schwellenländern. Sollte sich dieses pessimistische Szenario bewahrheiten, stünden die Notenbanken vor einer Herausforderung: Wie können sie zur Abwehr deflationärer Risiken ihre Geldpolitik noch expansiver ausrichten, wenn die Leitzinsen bereits an der Nulllinie kleben und auch die unkonventionellen Instrumente – namentlich die Anleihenkäufe – arg strapaziert sind und zunehmend unerwünschte Nebenwirkungen zeitigen?

Hoffnungen ruhen auf Negativzinsen

Der Chefökonom der britischen Notenbank zieht daraus den Schluss, dass die Fähigkeit, Negativzinsen auf einer Währung zu verhängen, «die radikalste und dauerhafteste Option» sei. Doch auch diesem Instrument sind unter den heutigen Gegebenheiten relativ enge Grenzen gesetzt. Die Schweizerische Nationalbank (SNB), die den Geschäftsbanken seit Mitte Januar einen Negativzins von 0,75 Prozent auf bei ihr geparkten Geldern verrechnet, dürfte diesen Spielraum nach Meinung von Experten mindestens bis zur Hälfte ausgenutzt haben. Würde die SNB darüber hinausgehen, würden die Banken die ihnen auferlegte Belastung nicht mehr nur auf die Grosskunden, sondern auch auf alle Kleinsparer abwälzen.

Das wäre aber der Moment, wo die Sache kippt. Würden doch die Leute damit beginnen, ihre Gelder von den Sparkonten abzuziehen und sie stattdessen im heimischen Tresor oder sonst wo zu deponieren. Um dies zu verhindern, müsste die Nationalbank zu dirigistischen Mitteln greifen; doch werden sich damit nach allen Erfahrungen längst nicht alle Schlupflöcher stopfen lassen. Die SNB würde also über kurz oder lang die uneingeschränkte Kontrolle über die Geldmenge verlieren. So ist davon auszugehen, dass sich wegen der Hortung immer grösserer Summen das umlaufende Geld verknappt. Das hätte eine lähmende Wirkung auf die Wirtschaft – also das Gegenteil dessen, was die SNB mit den Negativzinsen (und der Abwehr einer übermässigen Frankenaufwertung) eigentlich vermeiden wollte.

Staatlich gestütztes Bitcoin statt Bargeld

Mit diesen fatalen Auswirkungen negativer Zinsen vor Augen hat Andrew Haldane einen revolutionären Vorschlag zur Diskussion gestellt: Das Bargeld abschaffen und durch eine staatliche digitale Währung, eine Art offizielles Bitcoin, ersetzen. Das Horten von Geld wäre dann nicht mehr möglich, und Negativzinsen könnten gleichsam per Knopfdruck eingeführt und verändert werden. Die einzige Möglichkeit für die Leute, dieser Belastung zu entgehen, bestünde darin, die Ersparnisse in risikoträchtigere Anlagen umzuschichten oder gleich für den Konsum zu verwenden. Beides wäre in Krisenzeiten durchaus im gesamtwirtschaftlichen Interesse, um einerseits die Finanzierungsbedingungen der Realwirtschaft zu erleichtern und anderseits die Nachfrage anzukurbeln. Wie Haldane durchblicken liess, wird bei der Bank of England bereits darüber geforscht, wie eine Notenbank eine Digitalwährung herausgeben könnte.

Der BOE-Chefökonom betritt mit seiner Idee freilich nicht völlig neues Terrain. Zu den namhaftesten Verfechtern einer Abschaffung oder – wie Haldane es wohl formulieren würde – Überwindung des Bargeldes gehört der Harvard-Professor Kenneth Rogoff. Für ihn stand aber bisher vor allem die Frage im Vordergrund, ob Papiergeld mit einer modernen Wirtschaft und ihren neuartigen, digitalen Zahlungs- und Transaktionsmöglichkeiten noch vereinbar sei.

Ungewisse Akzeptanz in der Öffentlichkeit

Ferner verweisen Rogoff und seine Mitstreiter darauf, dass die Beseitigung von Banknoten und Münzen eine Handhabe biete gegen die Schattenwirtschaft in all ihren Ausprägungen bis hin zum organisierten Verbrechen und zur Terrorismusfinanzierung. Doch wirklich griffig ist dieses Argument nur, wenn alle wichtigen Währungen möglichst gleichzeitig den Übergang in reines Buchgeld bewerkstelligen würden, weil andernfalls immer Ausweichmöglichkeiten für Cash-Abwicklungen bestehen. Zudem sehen Gegner einer Abschaffung von physischem Geld gerade in der lückenlosen Überwachung digitaler Zahlungsströme eine nicht zu unterschätzende Problematik: Die Privatsphäre würde noch weiter zurückgedrängt. Wie Haldane denn selber einräumte, liegt das Kernproblem seines Vorschlags darin, ob und wie die Öffentlichkeit das virtuelle Geld anstelle des jahrhundertelang erprobten und bewährten Bargelds zu akzeptieren bereit ist.

Andrew Haldenes Verdienst ist es – darin sind sich die meisten Beobachter einig –, den Blick auf den eng gewordenen Spielraum der Notenbanken gelenkt zu haben; und das mit Blick auf die jüngst wieder deutlich erhöhten Risiken für die Weltwirtschaft. Wenn aber die Geldpolitik im jetzigen Umfeld nichts mehr taugt, sollen wir dann kurzerhand das (Bar-)Geld abschaffen? Das Terrain für eine spannende Debatte ist bereitet.

Erstellt: 25.09.2015, 19:50 Uhr

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