Die Nationalbank gewinnt Zeit

Die EZB stellt die SNB vor eine heikle Aufgabe. Experten halten sie für lösbar – vorerst.

Dank dem EZB-Entscheid ist er noch nicht unter Zugzwang: Nationalbank-Präsident Thomas Jordan. <br />Foto: Keystone

Dank dem EZB-Entscheid ist er noch nicht unter Zugzwang: Nationalbank-Präsident Thomas Jordan.
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Die Schweizerische Nationalbank (SNB) ist nun zum Handeln gezwungen, so die Einschätzung der Genfer Bank IG gestern Nachmittag. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte gerade ihr Communiqué publiziert, in dem sie ihren neuen Kurs bekannt gab. Prompt legte der Franken gegenüber dem Euro zu. Die SNB könne nicht mehr agieren, sondern nur noch reagieren, folgerten die Analysten bereits zu diesem Zeitpunkt. Doch dann geschah das Unerwartete. Während EZB-Chef Mario Draghi die Massnahmen der Presse erklärte, legte sich die Aufregung an den Devisenmärkten und der Euro schwächte sich im Verlauf des Nachmittags gegenüber dem Franken wieder ab.

Die Ausgangslage für die Schweiz hat sich damit verändert. Denn viele Experten gestehen der SNB nach dem EZB-Entscheid eine grössere Flexibilität bei der Gestaltung ihrer Geldpolitik zu. Für Marktbeobachter wäre es nun sogar eine Überraschung, wenn die Schweizer Währungshüter am kommenden Donnerstag neue Massnahmen ankündigen würden.

Die Schweiz könnte profitieren

Die Erwartungen an die EZB waren gross, auch in der Schweiz. Nun zeigt sich, die europäische Notenbank hat sie offenbar erfüllt. «Die EZB hat geliefert – und zwar mehr, als die Märkte erwartet haben», so der ZKB-Chefökonom Anastassios Frangulidis. Der Experte geht davon aus, dass die gestern von der EZB angekündigten Massnahmen die Wirtschaft in der Eurozone stützen, und davon sollte auch die Schweiz profitieren. Frangulidis erwartet nicht, dass die SNB nun zum raschen Handeln gezwungen wird. Hätte die EZB die Zinsen noch stärker als angekündigt gesenkt, dann wäre die SNB unter Druck geraten, so Frangulidis. Seiner Meinung nach sind nun aber keine Schritte seitens der SNB nötig.

Dafür spricht auch, dass sich der Euro-Franken-Kurs zuletzt in einem engen Band von 1.08 bis 1.11 bewegt hat. Auch nach dem EZB-Entscheid werde sich der Kurs in diesem Bereich einpendeln, so der Analyst. Sollte diese Einschätzung zutreffen, muss die SNB nicht oder nur in geringem Umfang am Devisenmarkt intervenieren, um den Franken gegenüber dem Euro abzuschwächen. Weitere Massnahmen muss sie nicht ergreifen.

Umstrittene Negativzinsen

Die EZB hat gestern die Erwartungen der Experten in mehreren Punkten übertroffen. Bei den Zinssätzen entsprachen die Anpassungen hingegen den Marktschätzungen. Daher geht Credit-Suisse-Ökonom Björn Eberhardt davon aus, dass die SNB kommende Woche keine besonders umfangreichen Massnahmen ankündigen wird. Die Nationalbank werde daher auch die Negativzinsen für Bankeinlagen bei –0,75 Prozent belassen. Diesen Zins müssen Banken zahlen, wenn sie überschüssiges Geld bei der Nationalbank parkieren.

Bis gestern gingen viele Experten davon aus, dass die SNB den Negativzins für die Geschäftsbanken auf –1 Prozent festsetzt und den Einlagefreibetrag verkleinert. Dieser liegt aktuell beim Zwanzigfachen der Mindestreserve einer Bank. Doch käme eine Senkung des Freibetrags und eine Ausweitung der Negativzinsen bei den Banken schlecht an. Denn vielen Instituten gelingt es bislang, die Negativzinsen abzufedern. Würden die Massnahmen jedoch ausgeweitet, wäre dies für die meisten Banken nicht mehr möglich, so die Annahme von hochrangigen Branchenvertretern. Irgendwann würden vielleicht sogar Kleinsparer mit Negativzinsen konfrontiert, so die Befürchtung. Hinzu kommt, dass jüngst die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) vor den Folgen von lang anhaltenden Negativzinsen gewarnt hat. Sie könnten die Stabilität der Banken gefährden.

Viel Zeit, um sich zurückzulehnen, bleibt den Banken nicht. Marktteilnehmer rechnen weiterhin mit einer Verschärfung bei den Negativzinsen – einfach erst später in diesem Jahr. Infrage kommen dafür die SNB-Treffen im Juni oder im September.

Erstellt: 11.03.2016, 01:00 Uhr

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