«Dieser Aufwärtszyklus könnte zum längsten überhaupt werden»

Börsenexperte Anastassios Frangulidis sieht nach dem heutigen Allzeithoch an der Schweizer Börse zumindest für dieses Jahr noch weiteres Kurspotenzial.

Seit 2009 ist der der SMI um 125 Prozent gestiegen: LED-Wand am SIX-Hauptsitz der Neuen Börse Zürich-West. Foto: Ennio Leanza

Seit 2009 ist der der SMI um 125 Prozent gestiegen: LED-Wand am SIX-Hauptsitz der Neuen Börse Zürich-West. Foto: Ennio Leanza

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Bereits kurz nach Beginn des heutigen Börsenhandels war es so weit: Der Swiss-Market-Index (SMI), das Leitbarometer der heimischen Börse, hat seinen Rekordstand vom 4. Juni 2007 von 9548 Punkten übersprungen. Seit dem letzten Tiefpunkt am 9. März 2009 bei knapp 4235 Punkten ist der SMI damit um 125 Prozent gestiegen. Was das bedeutet, sagt Anastassios Frangulidis, Leiter Anlagestrategie bei Pictet Asset Management und früherer ZKB-Chefökonom.

Das Jahr beginnt mit einem Allzeithoch des Swiss-Market-Index, und dies nachdem das Börsenbarometer bereits im letzten Jahr um rund 14 Prozent zugelegt hat. Ist diese Euphorie der Anleger noch nachvollziehbar für Sie?
Ja, das ist sie. Nehmen Sie etwa die Gewinne der Unternehmen: Sie sind 2017 weltweit im Durchschnitt um rund 15 Prozent gestiegen. Gleichzeitig haben die Aktienkurse rund um den Globus im Mittel um rund 20 Prozent zugelegt. Wir befinden uns also in einem starken zyklischen Aufschwung. Hinzu kommt die nach wie vor sehr lockere Geldpolitik der Notenbanken. Im letzten Jahr verzeichneten wir nochmals eine deutliche Ausweitung der Geldmenge.

Welches sind die derzeit wichtigsten Stützen für die Börsenhausse?
Das besagte starke Gewinnwachstum der Unternehmen basiert ganz wesentlich auf der robusten Verfassung der Weltkonjunktur. Das Wachstum der Weltwirtschaft hat sich 2017 deutlich beschleunigt – auf geschätzte 3,3 Prozent, verglichen mit 2,7 Prozent im Jahr zuvor. Gleichzeitig erleben wir erstmals seit der Finanzkrise von 2008/09 ein synchrones Wachstum: Sowohl in den USA als auch in Europa und den Schwellenmärkten ist die Konjunktur in einem soliden Aufschwung begriffen.

Inwieweit strahlt dieses günstige Umfeld auf den Schweizer Aktienmarkt aus?
Die heimische Börse bekommt dadurch kräftigen Rückenwind, sind doch hier überproportional viele Unternehmen mit globaler Tätigkeit kotiert. Hinzu kommt ein Faktor, der sich erstmals seit vielen Jahren günstig auswirkt: Der Schweizer Franken hat sich insbesondere gegenüber dem Euro fühlbar abgeschwächt.

Wir stehen nun fast im neunten Jahr des Börsenaufschwungs, was einem der längsten Aufschwungszyklen entspricht. Müsste dies ein Warnsignal für die Anleger sein?
Wir befinden uns zweifellos in einer spätzyklischen Phase, und wir blicken auf einen wirklich eindrücklichen Aufschwung zurück. So ist das weltweit wichtigste Börsenbarometer, der S&P 500 in den USA, seit seinem Tiefpunkt im Frühjahr 2009 von 676 auf über 2700 Zähler geklettert; das ist mehr als eine Vervierfachung. Es handelt sich mittlerweile um einen der ausgeprägtesten Aufwärtszyklen in der Geschichte.

Der frühere ZKB-Chefökonom Anastassios Frangulidis ist Leiter Anlagestrategie bei Pictet Asset Management. Foto: ZKB

Sollten die Anleger jetzt also einen Ausstieg aus ihren Aktien ins Auge fassen?
Den richtigen Zeitpunkt für den Ausstieg zu finden, ist etwas vom Schwierigsten überhaupt. Trotz der inzwischen hohen Bewertung der Aktien stehen die Vorzeichen für dieses Jahr gut. Denn die vorher besprochenen Ingredienzen der Börsenhausse – robuste Weltkonjunktur, prosperierende Unternehmen und grosszügige Geldversorgung durch die Notenbanken – sind weiterhin vorhanden. Aus heutiger Sicht spricht wenig dagegen, dass der aktuelle Konjunktur- und Finanzmarktzyklus in den USA zum bisher längsten überhaupt werden könnte. Aber ebenso klar ist natürlich auch, dass dieser Zyklus einmal zu einem Ende kommen wird.

Was könnte der Auslöser für eine solche Wende sein?
In der Vergangenheit haben meist sich abzeichnende Rezessionen zu einer Aktienbaisse geführt, also zu Kursrückgängen von 20 Prozent und mehr. Davon ist aber derzeit, wie gesagt, nichts am Horizont erkennbar. Dennoch müssen langfristig orientierte Anleger, die über fünf Jahre hinausblicken, ihre Renditeerwartungen merklich zurückschrauben. Dafür spricht allein schon, dass die Notenbanken ihre Geldschleusen eher verengen als weiter ausweiten werden. In den USA macht sich die Federal Reserve nun sogar daran, ihre Bilanz zu reduzieren. Und noch etwas müssen die Anleger gewärtigen: Es dürfte wohl bereits in diesem Jahr ab und zu zu Kursrückschlägen von 3, 4 oder auch 5 Prozent kommen – etwas, was wir im letzten Jahr gar nicht mehr erlebt haben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.01.2018, 14:29 Uhr

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