Ein Detail kann Wallstreet-Blase zum Platzen bringen

In China ist eine Börsenblase geplatzt, weil zu viele Anleger Aktien auf Pump gekauft haben. Der Wallstreet droht dasselbe.

Börsenhändler an der Wallstreet in New York. Bild: Spencer Platt/Getty Images/AFP

Börsenhändler an der Wallstreet in New York. Bild: Spencer Platt/Getty Images/AFP

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am Anfang konnte Zhou Lei sein Glück kaum fassen. Der Chinese mit der markanten Hornbrille hatte im vergangenen Herbst begonnen, Aktien zu kaufen. Die Kurse waren zuvor kontinuierlich gestiegen, und es war kein Ende abzusehen. «Irgendwie schien alles möglich», sagt der Vizechef einer Unterhaltungssendung der Shanghai Media Group, eines der grössten Medienunternehmen der Volksrepublik. Sein Büro liegt an der Dongfang-Strasse in Pudong, dem neuen Hochhausviertel der chinesischen Küstenmetropole. Die glitzernden Glasfassaden liessen ihn vom grossen Reichtum träumen.

Heute ist von seiner Begeisterung für die Börse nicht mehr viel übrig. Zhou hat rund 13 Millionen Renminbi investiert, umgerechnet etwa 1,9 Millionen Euro, und einen Grossteil davon verloren. Es ist sein Erspartes und das seiner Familie, das er im jüngsten Aktiencrash verbrannte. Doch nicht nur das. Zusätzlich hatte sich der junge Chinese Geld geliehen, um noch mehr investieren zu können. «Ich bin wirklich verzweifelt», sagt der 28-Jährige. Und er ist nicht allein: Knapp die Hälfte seines engeren Freundeskreises, zehn junge Chinesen, haben ebenfalls Kredite aufgenommen, um Aktien kaufen zu können. «Sie haben fast alles verloren, innerhalb der letzten drei bis vier Wochen, viele sind jetzt pleite und müssen die Kredite abzahlen.»

Zhou und seine Kumpels sind nur einige von Millionen Chinesen, die in den vergangenen Monaten auf Pump an den Börsen spekuliert haben. Und wie bei ihnen, ist dies bei Zigtausenden anderen schiefgegangen, seit die Kurse in Shanghai und Shenzhen binnen weniger Wochen um 30 Prozent abgestürzt sind. Insgesamt gingen Milliarden verloren. Jetzt kämpfen die Anleger mit den Folgen, und so mancher Beobachter befürchtet, das Drama könne auf Chinas Konjunktur durchschlagen. Denn wer viel Geld verloren hat, der konsumiert weniger.

In den USA droht Ähnliches

Ginge es dabei nur um China, die zweitgrösste Volkswirtschaft der Erde, wäre dies vielleicht noch verkraftbar. Die chinesische Börse ist noch nicht so stark mit den globalen Märkten verwoben. Tatsächlich jedoch droht in der grössten Wirtschaftsnation der Welt, in den USA, Ähnliches – und das in einem weit grösseren Ausmass. Denn auch amerikanische Investoren lassen seit geraumer Zeit alle Hemmungen fallen, wenn es um das Spekulieren auf Kredit geht. Hunderte Milliarden Dollar an Wertpapierkrediten stehen dort im Feuer. Noch ist an dieser Front alles ruhig, und solange die Börsenkurse steigen oder wenigstens stabil bleiben, dürfte dies auch so bleiben. Doch es bedarf nur eines Funkens, damit auch in den USA die Kreditbombe explodiert – mit unabsehbaren Folgen.

In China war dieser Funke die Politik. Denn die hatte die Bürger des Landes zunächst ganz bewusst an die Börse getrieben, und Peking hiess auch die Spekulation auf Pump gut. Innerhalb von zwei Jahren verzehnfachte sich so das Volumen der Wertpapierkredite, erreichte Mitte Juni in der Spitze 2,2 Billionen Yuan (rund 325 Milliarden Euro). Parallel dazu kletterten die Kurse, in Shanghai stiegen sie innerhalb eines Jahres um 150 Prozent. Zeitweise wurde jede fünfte in China gehandelte Aktie mit geliehenem Geld gekauft.

Spätestens da wurde den Regierenden angesichts der wachsenden Schuldenblase mulmig. «Als die Behörden das Problem erkannten, versuchten sie, die Verschuldung unter Kontrolle zu bringen – und brachten dadurch die von ihnen selbst verursachte Blase zum Platzen», sagt Robert Davis, Schwellenländerexperte bei NN Investment Partners.

Die Massnahmen der Regierung liessen die Investoren erschrecken, führten zu einem kleinen Kurseinbruch – und lösten so einen Domino-Effekt aus. Der Grund dafür liegt im System der Wertpapierkredite. Für die Darlehen müssen Anleger ihre Aktien als Sicherheit hinterlegen. Sinkt deren Wert, müssen sie Geld nachschiessen – oder die Papiere verkaufen. Verkaufen sie jedoch, dann fallen die Kurse noch stärker, und weitere Kredite geraten in Schieflage. Wie ein Kartenhaus fällt daher derzeit der schöne chinesische Aktienboom in sich zusammen. Seit Mitte Juni musste schon rund ein Drittel der Wertpapierkredite aufgelöst werden. Parallel fielen die Aktienkurse ebenfalls um fast ein Drittel.

Leitzins seit einem halben Jahrzehnt bei null

In den USA hat sich in den vergangenen Jahren ein ganz ähnliches Kartenhaus aufgetürmt. Zwischen Februar 2009, kurz vor dem letzten Tiefpunkt an den Börsen, und heute hat sich das Volumen der Wertpapierkredite dort verdreifacht, ist von 173 auf über 500 Milliarden Dollar gestiegen – ein nie da gewesener Rekordwert. Selbst am Höhepunkt der Haussen von 2000 und 2007 lag die Summe der Wertpapierkredite deutlich niedriger.

Aus Investorensicht ist dieses Verhalten absolut verständlich. Das zeigt ein Rechenbeispiel: Ein Anleger besitzt Aktien im Wert von 100'000 Dollar, und er nimmt darauf einen Kredit über 50'000 Dollar auf, um weitere Aktien zu kaufen. Innerhalb von drei Jahren verdoppelt sich der Wert der Aktien nun, steigt also auf 300'000 Dollar. Zahlt er dann den Kredit zurück, so hat sich sein Einsatz nicht nur verdoppelt, sondern ist um 150 Prozent gestiegen, abzüglich der zu zahlenden Zinsen.

Hier kommt die US-Notenbank ins Spiel. Die hält den Leitzins inzwischen seit einem halben Jahrzehnt bei null. Entsprechend günstig sind daher heute auch Wertpapierkredite. Die Niedrigzinspolitik erhöht also deren Attraktivität für Spekulanten noch weiter, sodass auch für die USA gelten muss, dass der Börsenboom auf Pump von der Politik gewollt ist – genau wie zuletzt in China.

So hat die Notenbank eifrig dazu beigetragen, dass heute so viele Wertpapierkredite ausstehen wie nie zuvor. Und damit nicht genug. Wichtiger noch ist, dass deren Summe im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung der USA heute ebenfalls so hoch ist wie nie zuvor. Derzeit entspricht sie rund 2,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Seit 1998 lag sie dagegen die meiste Zeit zwischen einem und zwei Prozent. Nur zwei Mal kletterte sie über die Marke von 2,5 Prozent: zum ersten Mal Ende 1999 und zum zweiten Mal Mitte 2007. Beide Male folgte daraufhin ein dramatischer Absturz an den Börsen.

Aktienkauf auf Pump ist gefährlich, zeigt die Geschichte

Ein Lehrstück dafür, warum Aktienkauf auf Pump so gefährlich ist, bietet aber auch der grosse Börsenkrach von 1929. In den goldenen 20er-Jahren kam der Wertpapierkredit bei Amerikanern in Mode und gehörte schon bald zum Lebensstil. Kurz bevor die Blase platzte, zockten die US-Anleger mit Hebel zehn an der Wallstreet: Anleger konnten mit einem Einsatz von einem Dollar Aktien im Wert von zehn Dollar kaufen. Als dann im September 1929 die Aktien zu fallen begannen, löste das monströse Volumen der Wertpapierkredite den beschriebenen Teufelskreislauf – und damit den Börsenabsturz – aus.

Der grosse Crash war nicht nur das Ende einer Spekulationsblase an den Börsen, sondern der Beginn einer globalen Depression. Seit 1934 stehen Wertpapierkredite in den USA daher unter der Aufsicht der amerikanischen Notenbank, die einen maximalen Hebel festlegt, mit dem der Durchschnittsbürger an der Wallstreet mitmischen kann. Einzelne Aktien dürften nur noch zu 50 Prozent auf Pump gekauft werden, das gesamte Depot darf höchstens zu einem Viertel beliehen sein. Allerdings schützte dies letztlich auch nicht vor den Abstürzen von 2000 und 2008.

Doch bedeutet das gegenwärtige Rekordvolumen an ausstehenden Wertpapierkrediten nun unmittelbare Gefahr? Chris Ciovacco von Ciovacco Capital Management ist genau dieser Frage nachgegangen, indem er sich 95 Allzeithochs bei der Summe der ausstehenden Wertpapierkredite über die vergangenen 35 Jahre angesehen hat. «Nur in drei Fällen lag das Allzeithoch in der Nähe eines längerfristigen Hochs am Aktienmarkt», musste er feststellen. «Anders gesagt: In 97 Prozent der Fälle stiegen die Aktienkurse nach Erreichen eines Allzeithochs bei den Wertpapierkrediten anschliessend weiter, nur in drei Prozent der Fälle folgte ein Kurssturz.»

«Wenn Investoren in grossem Stil auf Kredit gekauft haben, dann können bei fallenden Märkten immer mehr Zwangsverkäufe ausgelöst werden.»

Die extrem hohen Summen bei den Wertpapierkrediten bedeuten also per se keineswegs, dass ein Einbruch am Aktienmarkt bevorsteht. Die Gefahr aber liegt woanders. Darauf weist beispielsweise Georg Graf von Wallwitz von der Vermögensverwaltung Eyb & Wallwitz hin. «Wenn Investoren in grossem Stil auf Kredit gekauft haben, dann können bei fallenden Märkten immer mehr Zwangsverkäufe ausgelöst werden. Ursprünglich mag nur eine Schneeflocke zu viel im Hang gelegen haben, aber am Ende gerät alles ins Rutschen.» Es kommt zu einem Lawineneffekt.

Erschütterung der Märkte kann Lawine auslösen

Diese Lawine entsteht, wenn ein äusserer Einflussfaktor für Erschütterungen am Markt sorgt. Das könnte ein Anschlag sein, eine Naturkatastrophe oder aber auch eine Zinserhöhung durch die Notenbank. Denn dann könnten viele Anleger auf die Idee kommen, ihr Geld umzuschichten. Oder ihnen würde auffallen, dass dadurch Wertpapierkredite weniger attraktiv werden. Und schon käme die Lawine in Gang. Die Wertpapierkredite lösen vielleicht keinen Aktiencrash aus, sie sorgen aber dafür, dass er deutlich dramatischer ausfällt, als dies ohne sie der Fall wäre.

Und sie sorgen dafür, dass die Depots der Privatanleger dann umso stärker in Mitleidenschaft gezogen werden. Aktionärsschützer warnen daher seit Jahren eindringlich davor. «Privatanleger sollten grundsätzlich keine Aktien auf Pump kaufen», sagt Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Denn dies sei eine hochriskante Wette. Wenn sie schiefgeht, können Anleger am Ende ohne Aktien, aber mit einer Restschuld dastehen. «Und von der Bank gibt es dann auch keine Gnade», warnt Kurz.

Hunderttausende Chinesen haben das gerade erfahren. Und vielleicht trifft es bald auch Millionen Amerikaner und Europäer. Zhou Lei muss inzwischen jedoch schon die Folgen tragen. «Ich habe meine Verluste realisiert und werde mehr arbeiten müssen, damit ich wieder zu Geld komme», sagt er. Auch seine Freunde suchen nach Möglichkeiten, ihre Kredite abzustottern. «Man hilft sich untereinander, oft springen Eltern oder Grosseltern ein.» Selbst dann wird es Jahre dauern, die Schulden abzutragen.

© «Die Welt» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.08.2015, 08:31 Uhr

Artikel zum Thema

Trügerische Feierlaune an den US-Börsen

Never Mind the Markets Die amerikanischen Aktienindizes klettern von Bestmarke zu Bestmarke. Verschiedene Analysemethoden zeigen, dass es bald wieder bergab gehen könnte. Zum Blog

«In China ist die Börse herdengetrieben»

Interview Warum sind Chinas Börsen eingebrochen? Warum hat Pekings Politik dazu beigetragen? Was sind die Auswirkungen auf die Schweiz? Beat Schumacher, Asienexperte bei der ZKB, gibt Antworten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Das passende Auto für jeden Lebensabschnitt

Für Ihr Hobby braucht es eigentlich einen Kombi – Sie fahren aber lieber einen Sportwagen. Gleichzeitig braucht es für die Family den grossen SUV. Das ist jetzt kein Problem mehr.

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Schlangenfrauen: Kontorsionistinnen während einer Aufführung im Cirque de Soleil in Auckland. (14. Februar 2019)
(Bild: Hannah Peters/Getty Images) Mehr...